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28.02.2016

16:21 Uhr

Sportrichter Hans E. Lorenz

„Der Fußball wird immer anständiger“

VonAlexander Möthe

Bayer Leverkusen verliert in Mainz – und Trainer Roger Schmidt sitzt abseits auf der Tribüne. Dorthin gebracht haben ihn eine Unsportlichkeit – und Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts. Ein Gespräch.

Im Alltag am Landgericht Mainz, im Ehrenamt Vorsitzender des DFB-Sportgerichts. dpa

Richter Hans Lorenz

Im Alltag am Landgericht Mainz, im Ehrenamt Vorsitzender des DFB-Sportgerichts.

DüsseldorfHans Eberhard Lorenz ist neben seiner Tätigkeit als Vorsitzender Richter der Großen Strafkammer am Landgericht Mainz auch ehrenamtlicher Vorsitzender des Sportgerichts des Deutschen Fußballbundes (DFB). Für den größten Sportverband der Welt verhandelt er die härtesten Fälle. Sei es ein Phantomtor, Platzsturm in der Relegation – oder ein Trainer, der sich vom Schiedsrichter nicht auf die Tribüne verbannen lässt.

Herr Lorenz, mit welchem Gefühl verfolgen Sie den Spieltag, wenn Sie wissen, dass ein Trainer, den Sie unter der Woche zu einer Sperre verurteilt haben, auf der Tribüne sitzt?
Das berührt mich überhaupt nicht. Herr Schmidt wird dieses Spiel womöglich von einem besseren Platz als der Trainerbank aus verfolgen können.

Es wurde viel und laut über den Fall diskutiert. Ist Schmidt mit drei Spielen Sperre jetzt gut davon gekommen?
Es wurden alle Meinungen vertreten, von „Dusel-Urteil“ bis „völlig überzogen und knallhart“. Es gibt wahrscheinlich deshalb keine einhellige Meinung, weil es in der Vergangenheit in der Bundesliga einen Vergleichsfall noch nicht gegeben hat. Wir mussten uns aus dem Spektrum der infrage kommenden Sanktionen, also Geldstrafen, Innenraumverbot bis zu fünf Spielen oder totales Funktionsverbot, für eine entscheiden. Wir haben die Sanktion aus der Mitte des Spektrums genommen.

War das ein schwieriger Entscheidungsprozess?
Nicht schwieriger als viele andere auch. Ich schaue mir die Vorschriften noch einmal an, lese mir die Möglichkeiten durch und bewerte den Vorgang. Der Vorgang ist die Nichtbefolgung der Anordnung des Schiedsrichters, das war der Schwerpunkt der Vorwerfbarkeit. Das geht einher mit dem Risiko des Spielabbruchs. Wenn Herr Zwayer nicht hätte weiter spielen lassen wollen, hätte er das Spiel auch abbrechen können. Und wenn ein Trainer sich in die Nähe der Verursachung eines Spielabbruchs begibt, dann wiegt das natürlich sehr viel schwerer als wenn er nur etwas rein ruft oder hinterher sagt „heute sind wir betrogen worden“.

Bayer gegen BVB: Reaktionen zu Roger Schmidt

Stefan Kießling (Bayer Leverkusen)

"Es war eine scheiß Situation und unnötig. Auch vom Schiedsrichter. Er hätte ja auch hingehen und es ihm sagen können. Im Endeffekt war es einfach blöd. Wir hatten schwere Beine, aber wir haben nichts zugelassen. Dann kriegst du so ein scheiß Tor und verlierst deswegen. Dass man sich da aufregt, das ist doch normal."

Christoph Kramer (Bayer Leverkusen)

"Der Freistoß war ein paar Meter weiter hinten, daher kann ich den Ärger verstehen. Ich finde, dass der Schiedsrichter es dem Trainer hätte persönlich sagen können. Es war wohl ein Kräftemessen und damit auch unnötig brisant. Ich habe einen klaren Handelfmeter gesehen. In der Szene kann man von einer Benachteiligung reden."

Thomas Tuchel (Trainer Borussia Dortmund)

Zur strittigen Freistoßentscheidung: "Natürlich ist es ein Foul. Der Abstand liegt wahrscheinlich im Ermessensspielraum. Ich denke, dass es so okay ist. Es gab aber auch schon Entscheidungen, in denen es zurückgepfiffen wurde. Wenn der Schiedsrichter die Elfmeterszene so sieht, dann kann und dann wird er es wohl so pfeifen."

Mats Hummels (Borussia Dortmund)

Zum Handspiel im Dortmunder Strafraum: "Wenn die Hand so weggestreckt ist, dann können wir uns nicht beschweren, wenn er ihn gibt. Wenn ich das so sehe und der Schiedsrichter Elfmeter gepfiffen hätte, dann hätte ich auf keinen Fall gesagt, das ist eine Fehlentscheidung."

Schiedsrichter-Experte Peter Gagelmann (1)

"Grundsätzlich ist es so, dass der Spielführer immer der Ansprechpartner für den Schiedsrichter ist. Der Trainer wird dann genauso behandelt wie ein Spieler, d.h. wenn er das Spielfeld nicht verlassen will, dann droht man mit dem Spielabbruch. Das hat der Felix Zwayer gemacht und das ist der normale Weg."

Gagelmann (2)

"Es ist schade, dass der Fußball nicht mehr im Vordergrund steht, sondern man über solche Dinge diskutieren muss, wenn ein Trainer sich so verhält. Ich finde es respektlos dem gesamten Fußball gegenüber."

Gagelmann (3)

"Wir haben am Sonntag tausende von Fußballspielen in der Kreisklasse, wo es häufig Spielabbrüche gibt. Wenn Trainer in der Bundesliga schon den Anweisungen der Schiedsrichter nicht folgen, dann finde ich das sehr traurig und schade. Das ist nicht gut für den gesamten Fußball. Felix Zwayer wird jetzt eine Meldung im Spielbericht machen und alles Weitere geht dann über den Kontrollausschuss."

Gagelmann ist Schiedsrichter und Experte beim TV-Sender Sky

Schiedsrichter Felix Zwayer

"Ich habe versucht, mehrmals Einfluss zu nehmen, dass der Leverkusener Trainer Roger Schmidt den Innenraum verlässt. Da dem nicht Folge geleistet wurde, blieb mir keine andere Wahl, als das Spiel zu unterbrechen", sagte der Unparteiische aus Berlin.

Zwayer zur Konterchance

Schmidt hatte sich darüber echauffiert, dass der BVB Sekunden vor dem Dortmunder Siegtor einen Freistoß zu weit vorne ausgeführt habe. "Es liegt im Ermessen des Schiedsrichters, drei, vier, fünf Meter weiter entfernt ausführen zu lassen, weil eine Konterchance unterbunden wurde", sagte Zwayer dazu.

SID-Kommentar

"Was der 48-Jährige nach dem Abpfiff als Sturheit seinerseits bezeichnete, war in Wahrheit eine Mischung aus Arroganz und Dummheit. Die Ignoranz gegenüber dem Spielleiter, der den Bayer-Coach durch den vierten Offiziellen zuvor schon eindringlich ermahnt hatte, ist kaum noch zu überbieten."

Schiedsrichtermanager Krug

DFL-Schiedsrichtermanager Hellmut Krug hält nach dem Eklat beim Bundesliga-Spiel in Leverkusen eine Verbannung von Bayer-Trainer Roger Schmidt für mehrere Spiele für möglich. „Das wird ein Fall für den Kontrollausschuss. Eine längere Sperre für Roger Schmidt ist durchaus denkbar“, sagte der Spitzenfunktionär der Deutschen Fußball Liga der „Bild“-Zeitung (Montag).

Denken Sie, die Strafe erzielt eine Wirkung bei Roger Schmidt?
Die Sanktion erstreckt sich auf fünf Spiele, von denen drei zu verbüßen sind und zwei weitere auf 1,5 Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Aussetzung zur Bewährung erhöht den Druck auf Roger Schmidt, sich zukünftig Schiedsrichtern gegenüber zu disziplinieren. Sie hat daher auch eine erzieherische Komponente.

War es einer der schlimmeren Fälle ihrer Karriere? Man denke nur an den Relegationsskandal zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin.
Der Fall Hertha BSC war natürlich schwieriger. Und die Sanktion ging viel weiter. Da war ein ganzer Verein betroffen, in diesem Fall ist es nur eine Einzelperson, die auf die Zeit von nur einer Woche – wir haben jetzt eine englische Woche.

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Das DFB-Sportgericht hat die Ausfälle von Leverkusens Trainer Roger Schmidt und Sportdirektor Rudi Völler geahndet. Schmidt muss mindestens drei Spiele auf die Tribüne und 20.000 Euro zahlen. Völler erhält eine Geldstrafe.

Häuft es sich, dass Trainer aggressiver auftreten?
Aus unserer Sicht ist es nicht so. Wir sehen es natürlich nur mittelbar, nur das, was uns gemeldet wird. Die Meldungen haben nicht zugenommen. Vielleicht hören sich die Unparteiischen mehr an. Als berichtet wurde, dass in der Bundesliga Augsburgs Markus Weinzierl unter Schiedsrichtern als auffälligster Trainer gelten soll, war ich überrascht. Denn gegen den hatten wir noch nie ein Verfahren. Nach meinem Eindruck gibt es immer drei, vier temperamentvolle Leute, mit denen die Schiedsrichter ihre Probleme haben, die anderen arbeiten sehr manierlich. Jürgen Klopp war natürlich immer ein potenzieller Kunde. Aber der ist weg und einen richtigen Nachfolger hat er noch nicht gefunden.

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