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05.07.2016

21:37 Uhr

Sportstadt Hamburg

Wenn die Flamingo-Falle zuschnappt

VonKai-Hinrich Renner, Christoph Kapalschinski

Sponsoren kehren Hamburger Sportklubs den Rücken – jedenfalls denen, die nichts mit Fußball zu tun haben. Drei Profiteams mussten bereits aufgeben. Und auch beim Hamburger SV sieht es mehr als bedenklich aus.

Sport, der kein Fußball ist, hat es in Deutschlands zweitgrößter Stadt schwer. Reuters

Hamburg

Sport, der kein Fußball ist, hat es in Deutschlands zweitgrößter Stadt schwer.

HamburgWie stets zu Fußball-Welt- und Europameisterschaften werden im Nivea-Haus am Hamburger Jungfernstieg in Zusammenarbeit mit dem „Hamburger Abendblatt“ so genannte „Jogi-Trikots“ unters Volk gebracht. Und im Rest der Republik erhalten das Leibchen alle Kunden, die Nivea-Produkte im Wert von mindestens zwölf Euro erstanden haben. Schließlich ist Nivea „strategischer Partner“ des DFB.

In der Hamburger Wirtschaft hat nicht nur Beiersdorf ein Herz für den Fußball. Als mit dem Autokonzern Kia der Sponsor des Hamburger EM-Festes auf dem Heiligengeistfeld ausfiel, sprang kurzfristig die Discounter-Kette Lidl in die Bresche. Und Klaus-Michael Kühne, Hauptgesellschafter des Logistik-Dienstleisters Kühne und Nagel, ist mit Haut und Haaren dem Hamburger SV verfallen. Gerade erst hat der Unternehmer dem Fußball-Bundesligisten einen weiteren Kredit in Höhe von angeblich 50 Millionen Euro gewährt. Er hatte zuvor bereits über Darlehen und Beteiligungen rund 70 Millionen Euro in den Verein gepumpt.

Doch jenseits des Fußballs sieht es mau aus: Im Mai schockte die Mitteilung die Hansestadt, dass sich das Profi-Eishockey-Team der Hamburg Freezers auflöst, weil sein Besitzer, die amerikanische Anschutz Entertainment Group (AEG), es nicht mehr unterstützen mag. Zuvor hatten sich bereits der Bundesligist HSV Handball sowie das VT Aurubis Hamburg, das in der Damen-Volleyball-Bundesliga spielte, vom Spielbetrieb abmelden müssen, weil ihre Sponsoren das Weite suchten. Und die Hamburg Cyclassics findet diesen August womöglich das letzte Mal statt, weil der Energiekonzern Vattenfall das traditionsreiche Radrennen nicht länger unterstützt.

So schlimm steht es um den Sport in Hamburg

Pleitenserie in Hamburg

Die stolze Hansestadt Hamburg hat ein weiteres sportliches Aushängeschild verloren – die Hamburg Freezers sind Geschichte. Die Pleitenserie auf sportlichem Sektor in den vergangenen sechs Monaten ist schockierend: Erst das Olympia-Aus, dann die Handballer, nun die Eishockey-Cracks. Dabei geht es zumeist nicht um sportliche Qualität, es geht ums Geld. Und es geht um Alleinherrscher.

Aus für die Olympia-Bewerbung

29. November 2015: Bei einem Referendum entscheiden sich die Hamburger gegen eine Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024. 51,6 Prozent der Wahlbeteiligten der 651.589-Einwohner-Stadt sind gegen die Sommerspiele. Nur 48,4 Prozent votieren dafür. Olympia sollte Hamburg zur Weltstadt machen. „Es fehlt uns für Sport-Deutschland wichtiger Rückenwind“, sagt DOSB-Präsident Alfons Hörmann geknickt. Er sieht in der zweiten Abstimmungsniederlage nach München für die Winterspiele 2022 ein Fiasko für den deutschen Sport.

Insolvenz des HSV Hamburg

15. Januar 2016: Handball-Bundesligist HSV Hamburg war deutscher Meister und Champions-League-Gewinner. Für Mäzen Andreas Rudolph wird der Verein zum schwarzen Loch. Der HSV verschlingt mit seiner Top-Mannschaft Millionen an Euro, wirft aber keinen Gewinn ab. Rudolph dreht den Geldhahn zu: Insolvenz. Die Mannschaft des mit rund vier Millionen Euro verschuldeten Vereins zerfällt. Die bisherigen Saisonspiele des HSV werden annulliert. Der Grundstein für den Neubeginn ist gelegt: In der 3. Liga startet die U23 des HSV.

Volleyball-Frauen gehen in Liga 2

1. April 2016: Nein, es ist leider kein Aprilscherz, der VTA Aurubis Hamburg lässt die Frist zur Beantragung der Lizenz für die Frauen-Bundesliga verstreichen. Im Etat fehlen 370.000 Euro, weil Namensgeber Aurubis (zahlte geschätzte 450.000 Euro im Jahr) wie angekündigt aussteigt. Die zweijährige Sponsorensuche bleibt erfolglos. Am 22. April wird das komplette Aus doch noch verhindert: Das Team fängt in der nächsten Zweitliga-Saison als Volleyball-Team Hamburg neu an. Präsident Volker Stuhrmann bringt sich mit 50 000 Euro ein. Etat-Kalkulation: Mindestens 200.000 Euro.

Drohender Verlust der Cyclassics

11. Mai 2016: Hamburg droht der Verlust der traditionellen Cyclassics. Sollte nach dem Rückzug von Energie-Versorger Vattenfall (zahlte zuletzt 750.000 Euro) kein neuer Titelsponsor gefunden werden, könnte das Radrennen am 21. August das letzte in der Hansestadt sein. Der Veranstalter hofft, bis zum Herbst fündig zu werden. Es gibt einen Plan B. Dem Veranstalter liegen zwei unterschriftsreife Angebote von Unternehmen vor, die das Konzept in anderen Städten umsetzen wollen. Grund: Sie haben ihren Firmensitz dort, aber nicht in der Hansestadt.

Rückzug der Hamburg Freezers

18. Mai 2016: Der Besitzer des Eishockey-Erstligisten Hamburg Freezers, die Anschutz Entertainment Group (AEG) erklärt sich aus Hamburg zurückzuziehen und künftig nur noch die sportlich erfolgreicheren Eisbären Berlin zu unterstützen. Bis zum 24. Mai bekommen Unterstützer Gelegenheit einen neuen Geldgeber zu finden – vergeblich. Zwar kommen 1,2 Millionen Euro zusammen, davon 560.000 Euro durch Crowdfunding, doch die Summe reicht nicht. Nach 14 Jahren kommt so das Aus für die Hamburger Puckjäger.

Unter Sportfunktionären und Sportpolitikern wächst die Einsicht, dass es zwischen den finanziellen Problemen der Hamburger Eishockeyspieler, Handballer, Volleyballerinnen und Radrennfahrer sowie der ungebrochenen Begeisterung der Sponsoren für den Fußball womöglich einen Zusammenhang gibt: Der Präsident des Hamburger Sportbundes (HSB) Jürgen Mantell beklagt, dass der Fußball die öffentlich Wahrnehmung und die Sportprogramme der TV-Sender dominiere. Er sieht darin einen Grund dafür, dass Proficlubs anderer Disziplinen Schwierigkeiten haben, Sponsoren zu finden. Für Unternehmen sei es wenig reizvoll, sich bei Sportarten zu engagieren, deren Wettkämpfe kaum wahrgenommen würden. Hamburgs Sportstaatsrat Christoph Holstein sieht es ähnlich: „Vielleicht wäre das VT Aurubis Hamburg noch erstklassig, wenn die Medien mehr Volleyball übertragen hätten.“

Das Phänomen kennt man nicht nur in Hamburg: In Stuttgart wird bereits seit Ende letzten Jahres über die Gründung eines Sponsorenpools diskutiert, der Vereine und Veranstaltungen fördert, die mit Fußball nichts zu tun haben. Der Hamburger Senat beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Idee, die allerdings nicht unumstritten ist. Edeka-CEO Markus Mosa lehnt sie ab, weil man bei einem solchen Pool „nicht genau weiß, was man für sein eingesetztes Geld bekommt“. Der ehemalige Tennisprofi Michael Stich, heute Direktor des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum, hat angeregt, „dass die Handelskammer alle ihre Partnerunternehmen verpflichtet, einen festen Betrag für den Sport zu spenden“. Auch hier kam sofort Widerspruch. Die Kammer „kann und will die Unternehmen nicht auf eine bestimmte Marketingstrategie verpflichten“, sagte deren Geschäftsleiterin Sport Christine Beine dem Handelsblatt.

Es ist aber keineswegs unmöglich, namhafte Summen für Profi-Sportarten jenseits des Fußballs aufzubringen. Auch nicht in Hamburg: Als am 18. Mai bekannt wurde, dass die AEG sich von den Freezers zurückziehen, sammelten deren Spieler Christoph Schubert und der Hamburger Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste in nur sechs Tagen bei Unternehmen und Privatleuten 1,2 Millionen Euro ein. Das reichte zwar nicht um das Eishockey-Team zu retten, das angeblich 2,5 Millionen Euro Verlust pro Saison einfährt. Immerhin aber wurde Fürste vom für Sport zuständigen Hamburger Innensenator Andy Grote empfangen. Es war kein für die Öffentlichkeit bestimmter Termin. Der Senat fahndet derzeit fieberhaft nach Konzepten, wie man Sponsoren für Hamburger Sportclubs gewinnen kann. Der Regierung des Stadtstaats wird von der Lokalpresse vorgeworfen, nach dem Scheitern der Hamburger Olympia-Bewerbung zu wenig für den Sport zu tun.

Das „Hamburger Abendblatts“ führt die Sponsorenmisere gar auf die Ablehnung Olympischer Spiele in Hamburg durch die Bürger der Stadt im November 2015 zurück: „Das alles wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nicht passiert, wenn Hamburg noch den Status eines Olympia-Kandidaten hätte“, schrieb die Zeitung. Belegen lässt sich diese These jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Ob HSV Handball, VT Aurubis Hamburg, Freezers Hamburg oder die Hamburg Cyclassics – in allen vier Fällen hatten die Sponsoren schon lange vor dem Olympia-Referendum ihren Rückzug beschlossen.

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