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17.12.2014

18:34 Uhr

Streit um Ethik-Bericht

Michael Garcia gibt Posten als FIFA-Chefermittler auf

Michael Garcia zieht Konsequenzen aus der Verschleierungstaktik der Fifa: Vom Verband als Korruptionsdetektiv engagiert, schmeißt er seinen Posten als Chefermittler hin. Das Image der Fifa erreicht einen neuen Tiefpunkt.

Michael Garcia wirft der Fifa mangelndes Führungsverhalten vor und tritt als Chefermittler zurück. ap

Michael Garcia wirft der Fifa mangelndes Führungsverhalten vor und tritt als Chefermittler zurück.

BerlinMit scharfen Attacken gegen die FIFA-Spitze um Boss Joseph Blatter und den deutschen Richter Hans-Joachim Eckert hat Michael Garcia seinen Job als Chefermittler des Fußball-Weltverbandes quittiert. Der US-Amerikaner zog am Mittwoch frustriert die Konsequenzen aus der umstrittenen Entscheidung im Korruptionsskandal um die WM-Vergaben an Russland und Katar und hat die Glaubwürdigkeitskrise des Verbandes weiter verschärft. Am Dienstag hatte die FIFA Garcias Einspruch gegen den Bericht des Münchners Eckert zur umstrittenen Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zurückgewiesen.

Garcia beklagte in seiner schriftlichen Stellungnahme einen „Führungsmangel“ innerhalb der FIFA. „Kein unabhängiges Governance Komitee, Ermittler oder Schiedsgericht kann die Kultur einer Organisation ändern. Durch die Entscheidung Eckerts vom 13. November 2014 ist mein Vertrauen in die Unabhängigkeit der rechtsprechenden Kammer verloren gegangen“, teilte der frühere US-Staatsanwalt mit. Er sei zu dem Schluss gekommen, dass seine Rolle in diesem Prozess beendet sei. Garcia war innerhalb der FIFA-Ethikkommission für die Ermittlungen zuständig, Eckert hat den Vorsitz der rechtssprechenden Kammer.

Fußball-WM 2022: Katar und seine Probleme

Das Problem

Fünf Millionen Dollar. Das ist die Summe, die der ehemalige katarische Spitzenfunktionär Mohammed bin Hammam eines Berichts der britischen Zeitung „Sunday Times“ zufolge an Schmiergeldern an Offizielle des Fußball-Weltverbandes gezahlt haben soll.

Der Ermittler

Belege für den Stimmenkauf - teilweise schon ein Jahr vor dem Zuschlag für Katar im Dezember 2010 - sollen von der Zeitung an FIFA-Chefermittler Michael Garcia gehen. Der frühere FBI-Direktor untersucht die WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar.

Der Bericht

Seine Untersuchungen will er bis zum 9. Juni abgeschlossen haben. Sein ursprünglich für September 2013 vorgesehener Bericht soll dann sechs Wochen später fertig sein. Garcia bereist alle Kandidatenländer und wurde zuletzt unabhängig von den neuen Enthüllungen zu Gesprächen mit den Katarern in Oman erwartet.

Im Visier

Als FIFA-Vize und Mitglied des Exekutive gehörte der Katarer Mohammed bin Hammam zum engsten Machtzirkel des Fußball-Weltverbandes. Die Aussage des WM-Komitees, bin Hammam stünde in keiner offiziellen oder inoffiziellen Verbindung zu Katars WM-Bewerbung, ist absurd. Selber abstimmen durfte er bei der Vergabe 2010 zwar nicht, der heute 65-Jährige war aber maßgeblicher Strippenzieher.

Zweifelhafte Karriere

Als Beauftragter für das FIFA-Entwicklungsprogramm Goal verteilte er gerade in armen Ländern immer wieder legale Finanzspritzen des Weltverbandes. Gestürzt wurde bin Hammam 2011 über Bestechungsvorwürfe im Rahmen seiner Kandidatur als FIFA-Präsident gegen Amtsinhaber Joseph Blatter. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hob eine lebenslange Sperre auf, später wurde bin Hammam wegen Verfehlungen in seiner Zeit als Chef der asiatischen Föderation erneut von der FIFA mit einem Bann belegt.

Ein Schatten auf der WM

Die neue Vorwürfe kommen für die FIFA zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Sie werden mit Sicherheit den Kongress der 209 Mitgliedsverbände am 10. und 11. Juni kurz vor dem Eröffnungsspiel in Sao Paulo beschäftigen. Auf der offiziellen Tagesordnung gibt es aber keinen Programmpunkt Katar. Blatter will den Kongress nutzen, um sich als Präsidentschaftskandidat küren zu lassen.

Dauer-Debatte

Das Turnier am Zuckerhut selbst wird durch die Dauer-Debatte um Katar wohl keine Kratzer abbekommen. Die Erfahrung zeigt: Wenn der Ball einmal rollt, rückt der Sport in den Fokus und hohe Wellen schlägt das Thema hauptsächlich in England, Australien und Japan, die alle in den jüngsten WM-Vergaben unterlegen waren, und Deutschland.

Dilemma

Prinzipiell kann die FIFA die Austragungsrechte wieder aberkennen. Zuständig wäre der Kongress als höchste Instanz. Allerdings müssten zunächst Beweise für klare Verstöße gegen die Bewerbungsrichtlinien vorliegen. Und Katar bliebe der Rechtsweg offen. Ein juristischer Streit könnte für die FIFA lang und sehr, sehr teuer werden.

Neue Ausschreibung

Lieber heute als morgen hätte FIFA-Präsident Joseph Blatter das Problem vom Tisch. Doch eine endgültige Lösung ist nicht in Sicht. Legt der Garcia-Bericht eine Neu-Ausschreibung nahe, ist mit einem Gang durch alle Instanzen der Sport- und Zivilgerichtsbarkeit zu rechnen. Bleiben die Vorwürfe ohne Beleg und Konsequenz wird ohnehin weiter über die Katar-WM debattiert werden.

Menschenrechte

Mit Argusaugen beobachten Menschenrechtsorganisationen die umstrittenen Arbeitsbedingungen für Bau- und Gastarbeiter am Golf. Und: Noch ist nicht geklärt, wie die FIFA den durch die extreme Hitze notwendigen Winter-Termin gegen den Widerstand der Top-Ligen in Europa durchsetzen kann.

Blatter zeigte sich am Mittwoch in einer ersten Reaktion „nur überrascht“ von Garcias Schritt. Heftige Kritik an der FIFA kam auch von UEFA-Präsident Michel Platini, dem Gegenspieler von Blatter. „Wir wollten alle Transparenz, aber dies ist ein weiteres Versagen der FIFA“, sagte der Franzose der BBC.

Garcia hatte mögliche Korruptionsfälle rund um die WM-Vergaben 2018 und 2022 untersucht, in einem 430 Seiten langen Bericht zusammengefasst und an Eckert weitergegeben. Der Münchner Richter sah nach einer ersten Durchsicht der Akten aber „keine gravierenden Verstöße“ bei den Bieterverfahren zu den WM-Turnieren, womit er weltweite Kritik und Unverständnis erntete.

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Garcia hatte noch am selben Tag Einspruch gegen Eckerts Bericht eingelegt und dabei zahlreiche unvollständige und fehlerhafte Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen moniert. Die FIFA-Berufungskommission unter dem Vorsitzenden Larry Mussenden von den Bermudas sah dies anders und wies am Dienstag den Einspruch zurück. Die Berufung sei aus formalen Gründen „unzulässig“, teilte die FIFA mit.

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