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23.11.2015

07:52 Uhr

Streit ums Geld

St. Pauli ärgert Klubs mit Großsponsoren

Quelle:SID

Zweitligist FC St. Pauli nervt vier Vereine mit potenten Geldgebern. Das Ziel: Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und Hannover sollen weniger TV-Gelder erhalten. Betroffen davon: VW, Bayer, Dietmar Hopp und Martin Kind.

SID

St. Paulis Antrag sorgt für heftige Diskussionen

NürnbergIm deutschen Profifußball hat ein Vorschlag des Zweitligisten FC St. Pauli heftige Diskussionen ausgelöst. Der Hamburger Traditionsklub stellte nach Angaben des Fachmagazins kicker am 10. November den Antrag an den Ligaverband, die vier Bundesligisten VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen, Hannover 96 und 1899 Hoffenheim von der Verteilung der Einnahmen aus der Fernsehvermarktung sowie der Gruppenvermarktung (adidas-Ligaball, Hermes-Ballbote, Krombacher) auszuschließen.

Hannover (Kind-Gruppe), Hoffenheim (SAP/Dietmar Hopp), Leverkusen (Bayer-Konzern) und Wolfsburg (Volkswagen-Konzern) reagierten wiederum mit Schreiben vom 19. November an die Deutsche Fußball Liga (DFL). Sie erklärten, dass St. Pauli mit diesem Antrag "die Aufkündigung der Solidargemeinschaft in der Bundesliga und 2. Bundesliga" betrieben habe. Das Fußballmagazin "kicker" druckt in seiner am Montag erscheinenden Print-Ausgabe in Auszügen die Originalschreiben.

Investoren im Fussball: Die 50+1-Regel

Regel

Die 50+1-Regel ist ein Paragraph in den Statuten der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Sie soll verhindern, dass Kapitalanleger die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgliedern.

Hintergrund

Hintergrund dieser Regelung ist das Interesse von Großunternehmen oder Investoren am Fußball. Die Liga möchte einer Entwicklung wie in England, Spanien oder Italien vorbeugen, wo Fußballvereine zum Spielball für Investoren wurden.

Streit

Um die Regel gibt es seit Jahren Streit. Manche Investoren wollten sie kippen, doch ein Schiedsgericht bestätigte die Regel im Kern.

Ausnahme

Liga-Präsident Reinhard Rauball ist sicher: „Im deutschen Profi-Fußball werden Investoren weiterhin nur im Ausnahmefall und sehr eingeschränkt die Stimmenmehrheit bei einzelnen Clubs übernehmen können.“

Charakter

Die Bundesliga behält damit nach Einschätzung der DFL ihren unverwechselbaren Charakter und kann weiter auf die Faktoren setzen, die in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend zum Erfolg beigetragen haben: Stabilität, Kontinuität, Vorrang des Wettbewerbs und gelebte Bodenständigkeit.

Investoren

Allerdings ist künftig im Liga-Fußball mehr Platz für Investoren. Das ist ein Erfolg von Hannovers Präsident Martin Kind, der gegen die Regel vorgegangen war.

Zukunft

Nach Einschätzung von Experten erhalten Klubs fortan die Möglichkeit, eng verbundene Finanziers, Sponsoren oder Mäzenen nach 20 Jahren Engagement im Verein die Kapitalmehrheit und Stimmenmehrheit an der Fußball-Kapitalgesellschaft zu übertragen.

Hoffenheim und München

Auch hinter 1899 Hoffenheim und 1860 München stehen potente Einzelpersonen – SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp (Hoffenheim) und der jordanische Multimillionär Hasan Ismaik (München) –, die die Mehrheit des Vereins besitzen. Jedoch haben sie ihre Stimmanteile formal auf 49 Prozent beschränkt, um nicht gegen die 50+1-Regel zu verstoßen.

Lex Leverkusen

Die „Lex Leverkusen“ besagte, dass Investoren erlaubt sind, die „seit mehr als 20 Jahren vor dem 1. Januar 1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert“ haben. Das war im Grunde eine Ausnahmeregelung für die Werksclubs Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg. In unteren Ligen machen auch als Betriebssportgemeinschaften gegründete Vereine wie der FC Carl Zeiss Jena oder Wacker Burghausen von der Regel Gebrauch. Deshalb dürfen Jena oder Leverkusen den Sponsor im Vereinslogo und -namen tragen und der VfL Wolfsburg eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG sein.

Anteile an Fußballvereinen

Beim börsennotierten Erstligisten Borussia Dortmund befinden sich weniger als zehn Prozent der Aktien im Besitz des Vereins. Beim Branchenprimus FC Bayern München halten drei Firmen (Adidas, Allianz, Audi) zusammen ein Viertel der Anteile. Wobei ein Tochterunternehmen von Audi auch 20 Prozent bei Zweitligist FC Ingolstadt 04 hält. Und bei Hertha BSC stieg Anfang des Jahres der Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) ein.

Das vierseitige St.-Pauli-Schreiben war an Ligapräsident Reinhard Rauball und DFL-Geschäftsführer Christian Seifert gerichtet. Verwiesen wird darin auf § 17 Nr. 1 der Ordnung für die Verwertung kommerzieller Rechte (OVR) und das Bekenntnis des Ligaverbandes zur 50+1-Regel.

Nach dieser Regel im deutschen Profifußball ist es Kapitalanlegern grundsätzlich nicht möglich, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu übernehmen, in die Vereine ihre Profimannschaften ausgliedern. Es gibt allerdings einige Fälle, in denen ein Kapitalanleger dann doch die Mehrheit am Klub halten darf.

Gegen diese Ausnahmen für Investoren zieht der Millerntor-Klub zu Felde: Vereine, die sich nicht an diese Regel halten müssen, sollten künftig "von der Verteilung der Einnahmen aus der Vermarktung von Spielen nach § 9 Nr. 1" ausgeschlossen werden.

Im ersten Zug wären die Werksklubs Wolfsburg (VW) und Leverkusen (Bayer) sowie Hoffenheim mit Eigner Dietmar Hopp betroffen. Ab 2017 wäre davon auch Hannover bedroht, das nach dem Engagement von Präsident und Unternehmer Martin Kind dann 20 Jahre von der 50+1-Regel auf entsprechenden Antrag hin ausgenommen werden kann. 

Die betroffenen Klubs wehren sich heftig. Sie richteten wiederum ein dreiseitiges Schreiben an die DFL. "Sollte dieser Antrag - tatsächlich - ernst gemeint sein", brachten die Klubs ihr Erstaunen und ihr Unverständnis zum Ausdruck.

Kommentare (1)

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Herr Max Nolte

23.11.2015, 08:59 Uhr

Ich mag zwar St. Pauli an und für sich nicht aber diese Aktion ist absolut super! Wenn man Größenwahn, Kommerzialisierung und Mega Spielergehälter stoppen will dann ist das einer der ersten Wege!
Ich fand den Handelsblatt Artikel zu VW ganz gut, wo vorgeschlagen wird, dass man die Geldmittel für den VfL Wolfsburg kappen sollte - was absolut passend war.
Im solchen Konzernen im Nacken ist es einfach wie mogeln...genau wie RB Leipzig...eine einzige Mogelpackung...ich will keine überbezahlten Spieler, ich will ehrlichen Sport!

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