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20.09.2016

16:27 Uhr

SV Wilhelmshaven

Kommt jetzt der Zwangsaufstieg?

Der kleine SV Wilhelmshaven hat ein Urteil erkämpft, das Sportverbände bundesweit zu genaueren Regeln zwingen dürfte. Aber hat der Fußballclub selbst etwas davon? Experten machen wenig Hoffnung.

Der kleine Verein hat sich erfolgreich gegen den 2012 von der Fifa verhängten Zwangsabstieg gewehrt. dpa

SV Wilhelmshaven

Der kleine Verein hat sich erfolgreich gegen den 2012 von der Fifa verhängten Zwangsabstieg gewehrt.

KarlsruheDer Fall hat so ziemlich alles, was eine gute Geschichte ausmacht: Ein kleiner Fußballverein sieht sich ungerecht behandelt, bietet den mächtigen Verbänden die Stirn - und steht nach jahrelangem Rechtsstreit als Sieger da. „Wir sind froh und glücklich, dass wir so weit gekommen sind“, sagt Harald Naraschewski, Aufsichtsrat des SV Wilhelmshaven. Seit diesem Dienstag steht mit einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) rechtskräftig fest: Sein Verein wurde zu Unrecht aus der Regionalliga Nord geworfen.

Der Ärger begann vor fast zehn Jahren. Damals verpflichtet Wilhelmshaven einen jungen Spieler aus Argentinien, will aber nicht die hohe Ausbildungsentschädigung zahlen, die die FIFA bei solchen Wechseln vorschreibt. Der Fall geht bis vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS. Als der SVW nicht spurt, macht die FIFA mit Sanktionen Druck. Erst muss der Verein zweimal sechs Punkte abgeben. Dann ordnet der Weltfußball-Verband den Zwangsabstieg an.

Fußball: Wo die Bundesliga zu sehen und zu hören ist

Bundesliga

Noch nie gab es so viele Wege zum Anschauen und Hören der Fußball-Bundesliga wie für die nun beginnende Saison – doch noch nie gab es auch so viele Möglichkeiten zum Geldausgeben: Vor allem das Smartphone haben die Anbieter im Visier.

Fernsehen

Alles wie gehabt: Die ARD ist bereits ab 18.30 Uhr samstags mit ihrer „Sportschau“ präsent. Das ZDF zeigt im „Sportstudio“ abends Zusammenfassungen. Der Bezahlsender Sky zeigt alle Spiele live und in Zusammenfassungen.

Internet (1)

Das umfassendste Angebot hat der Bezahlsender Sky, bei dem Kunden auf dem Rechner, iPhone oder iPad oder der Spielekonsole Xbox live oder zeitverzögert alle Spiele gucken können. Das Angebot SkyGo kostet mit mindestens 34,90 Euro pro Monat aber noch einmal fünf Euro mehr als das reine Fernsehangebot.

Internet (2)

Ab der 2013/14 bietet der Axel-Springer-Konzern im Internet über die Seite der „Bild“-Zeitung Video-Zusammenfassungen. Kunden benötigen dazu aber zunächst ein Abo namens „Bild plus“ für mindestens 4,99 Euro pro Monat. Dazu kommen 2,99 Euro für die Bundesliga-Clips mit Spielzusammenfassungen, die eine Stunde nach Abpfiff zur Verfügung stehen.

Mobilie Geräte (1)

Vor allem auf das wachsende Geschäft mit Smartphones und Tablets für das mobile Fußballgucken zielt der Einstieg von Springer in die Bundesliga. Der Vertrag mit „Bild plus“ fürs Internet bezieht diese Endgeräte mit ein, die Kosten liegen also bei 7,98 Euro.

Mobile Geräte (2)

Sky hat den Konkurrenzkampf bei mobilen Geräten angeheizt. Der Bezahlsender, der sein Angebot bislang immer nur im Paket verkaufte, hat nun auch für Nicht-Abonnenten eine App auf den Markt gebracht. Für 4,49 Euro pro Monat können Nutzer unmittelbar nach Abpfiff alle Tore aus Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League sehen. Der Unterschied ist allerdings, dass Sky nur die Tore zeigt und die „Bild“ Zusammenfassungen, hier also für die höheren Kosten auch mehr Fußball im Angebot hat.

Radio (1)

Im Radio hat sich die ARD mit ihren Sendern bis 2017 die Rechte gesichert. Die mit mehreren Millionen Zuhörern erfolgreiche ARD-Schlusskonferenz bleibt damit erhalten.

Radio (2)

Bei den privaten Radios verlor dagegen 90elf die Rechte an Sport1 (ehemals DSF) und stellte den Sendebetrieb ein. Sport1 startete im Juli den Radiobetrieb, der übers Smartphone und im Internet läuft. Hörer können kostenlos einzelne Spiele vollständig oder eine Konferenz aller Spiele verfolgen.

Dass dieser nun von den obersten deutschen Zivilrichtern gekippt wird, hat mit den komplizierten Verbandsstrukturen im Fußball zu tun. Denn durchgesetzt werden die FIFA-Regeln vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dessen Regional- und Landesverbänden. Der SVW, selbst kein DFB-Mitglied, wird deshalb zum Ende der Spielzeit 2013/14 vom Norddeutschen Fußball-Verband (NFV) aus der Regionalliga verbannt.

So eine Disziplinarstrafe ist in der NFV-Satzung zum maßgeblichen Zeitpunkt aber gar nicht vorgesehen. Kein Rausschmiss ohne rechtliche Grundlage, sagen die BGH-Richter. Der Zwangsabstieg ist also nichtig.

Für SVW-Aufsichtsrat Naraschewski liegt auf der Hand, wie es jetzt weitergehen muss. „Die Zukunft stellen wir uns so vor: Rückgliederung in die Regionalliga und Ausgleich der wirtschaftlichen Schäden“, sagt er nach der Urteilsverkündung in Karlsruhe. Der Verein möchte eine siebenstellige Summe, am besten ohne neue Klagen. „Wir waren immer zu einer gütlichen Regelung bereit und sind es auch jetzt.“

Aber geht das so einfach? Der Karlsruher Sportrechtler Markus Schneider dämpft die Erwartungen. „Ein Schadenersatzanspruch dem Grunde nach dürfte jetzt feststehen“, sagt er. „Aber der Höhe nach ist das sicher noch ein weiter Weg. Und die Beweislast für die Schadenshöhe liegt beim Verein.“ Der SVW müsste also erst einmal nachweisen, dass ihm durch den Zwangsabstieg Sponsorengelder oder Zuschauereinnahmen entgangen sind. „Das ist sehr, sehr schwierig.“

Noch spannender findet der Kölner Sportrechtler Jan Orth die Frage nach dem „sportlichen Schadenersatzanspruch“ - also: „Gibt es einen Zwangsaufstieg, wenn es einen Zwangsabstieg gab?“ Als Tabellen-Sechzehnter wäre Wilhelmshaven 2014 so oder so abgestiegen. Heute spielt die Mannschaft in der Bezirksliga. Orth kann sich daher höchstens ein Aufrücken in die Landesliga vorstellen. „In die Regionalliga führt kein Weg zurück“, betont er.

Mit seinem langen Atem hat der SVW aus Orths Sicht trotzdem „Schwächen im System“ aufgezeigt. Grundsatzurteile des BGH setzen immer Maßstäbe. Der DFB will die Veröffentlichung der ausführlichen Urteilsgründe in einigen Wochen abwarten. Vizepräsident Rainer Koch kündigt aber bereits „gegebenenfalls notwendige Satzungsänderungen“ an, die „umgehend auf den Weg gebracht werden“ müssten.

Schneider ist sich schon jetzt sicher, dass der Richterspruch Konsequenzen haben wird: „Alle Regional- und Landesverbände werden nun ihre Regularien überprüfen müssen - das muss von oben nach unten sauber durchgeregelt sein.“ Die Verbände gäben sich aber schon heute große Mühe, und die Fußballwelt stelle das Urteil nicht auf den Kopf. „Der Ball wird am nächsten Wochenende sicher weiterrollen.“

Von

dpa

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