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17.11.2015

11:56 Uhr

Symbolik gegen den Terror

90.000 sollen in Wembley die Marseillaise schmettern

Eigentlich mögen sich die Fans der französischen und der englischen Fußball-Nationalmannschaft nicht besonders. Doch die Anschläge von Paris ändern alles: Heute sollen alle im Stadion die französische Hymne singen.

Emotionales Fußballspiel

England vs. Frankreich: „Es wird um mehr gehen als nur Fußball“

Emotionales Fußballspiel: England vs. Frankreich: „Es wird um mehr gehen als nur Fußball“

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LondonEs soll ein Symbol der Solidarität mit Frankreich werden: Aus 90.000 Kehlen soll vor dem Spiel der „Équipe tricolore“ im Londoner Wembley-Stadion die berühmte Marseillaise erklingen. Ob französische oder englische Spieler, ob heimische Fans oder neutrale Zuschauer – alle sollen mitmachen.

Dazu haben Journalisten und Sportler bei Twitter aufgerufen:

Damit die englischen Fans möglichst textsicher sind, veröffentlichte die BBC sogar den Text der Hymne.

Nicht alle finden die Idee allerdings passend. Bei Twitter wird auch darüber diskutiert, ob die Marseillaise als Symbol für den Frieden taugt.

Dass das Match nach dem Schock von Paris überhaupt stattfindet, bezeichnete Innenministerin Theresa May als Zeichen, dass „die Terroristen nicht gewinnen werden“. Es sei sehr wichtig, „dass wir unser normales Leben fortsetzen“, meinte Premierminister David Cameron. Auch Prinz William hat sich für die Partie, die vielmehr sein wird als das Aufeinandertreffen zweier Fußball-Nationen Europas, angemeldet.

„Dieses Spiel hat nicht nur eine sportliche Dimension, sondern noch viel mehr. Wir werden zeigen, dass wir stolz sind, Franzosen zu sein“, sagte der Coach der „Équipe tricolore“, Didier Deschamps. „Wir sind hier, um unser Land zu repräsentieren, unsere Farben.“

Der Terror von Paris – Was wir wissen

Täter

Die Attacken wurden von drei Terrorkommandos verübt. Sie schlugen am Freitagabend an sechs Orten in Paris und dem Vorort Saint-Denis koordiniert zu, schossen wahllos auf Menschen oder sprengten sich selbst in die Luft. Die Angreifer benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten. Sieben Terroristen starben. Einer wurde erschossen, sechs sprengten sich in die Luft. Mindestens einem Terrorkommando scheint zunächst die Flucht gelungen zu sein. Ermittler stellten am Sonntagmorgen östlich von Paris den schwarzen Seat sicher, aus dem heraus die Attentäter die Cafés und Restaurants beschossen hatten. Darin wurden nach Medienberichten drei Kalaschnikows gefunden.

Ziele

Die mit Abstand meisten Opfer gab es beim Überfall auf ein ausverkauftes Rockkonzert im Musikclub „Bataclan“, dort wurden Geiseln genommen. Auch mehrere Cafés und Restaurants in der Nähe wurden beschossen. Drei Selbstmordattentäter sprengten sich vor dem Fußball-Stadion Stade de France in die Luft, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Mindestens einer von ihnen soll zuvor vergeblich versucht haben, ins Stadion zu kommen.

Opfer

Mindestens 129 Menschen wurden getötet, 352 weitere teils lebensgefährlich verletzt. Unter den Toten ist ein Deutscher.

Terror

Frankreichs Präsident François Hollande machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich und sprach von einem „Kriegsakt“. Der IS bekannte sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung im Internet zu den Anschlägen. Die Angreifer sollen beim Überfall auf das „Bataclan“ „Allah ist groß“ gerufen und ihre Taten mit der Situation in Syrien und im Irak begründet haben. In beiden Ländern fliegt Frankreich Luftangriffe.

Pass

Bei den Überresten eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Es verdichten sich die Hinweise, dass dieser Mann und ein weiterer Attentäter gemeinsam als Flüchtlinge getarnt in die EU einreisten. Einer von ihnen, ein 25-Jähriger namens Ahmed Almuhamed, soll am 7. Oktober in Serbien eingetroffen sein. Am 3. Oktober war er laut griechischen Behörden als Flüchtling auf der Insel Leros registriert worden. Nach Medieninformationen aus Polizeikreisen könnte auch sein mutmaßlicher Komplize über die Türkei nach Griechenland eingereist sein. Beide sollen zusammen von Leros aus die Fähre nach Piräus genommen haben.

Spuren in Belgien

In der Nähe des „Bataclan“ war zuvor schon ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen gefunden worden. Dieser Wagen soll von einem Franzosen angemietet worden sein, der in Belgien lebt. Er geriet am Samstagmorgen in einem dritten Auto in eine Routinekontrolle, wurde zunächst aber nicht festgenommen. Mit im Wagen waren mehrere Personen mit Wohnsitz in der Region Brüssel. Ein weiterer verdächtiger Mietwagen mit belgischem Kennzeichen wurde in der Nähe des Pariser Friedhofs Père Lachaise entdeckt. Die Polizei durchsuchte am Samstagabend im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Wohnungen und nahm sieben Menschen fest. Einer der Festgenommenen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein. Bei der Aktion wurde auch der Wagen sichergestellt, der am Morgen in die Routinekontrolle geraten war.

Am Wochenende im Quartier in Clairefontaine habe die Mannschaft über die Medien die Folgen der Anschläge verfolgt, die mindestens 129 unschuldigen Menschen das Leben kosteten, berichtete Torwart Lloris. „Die vergangenen drei Tage waren dramatisch. Wir haben zusammen getrauert.“ Zumal auch noch ein Spieler sehr persönlich betroffen ist. Lassana Diarra betrauert den Tod einer Cousine bei den Anschlägen.

Innerhalb der Mannschaft sei eine Absage des Spiels diskutiert worden. Das sei aber von den Trainern und Offiziellen sehr gut geregelt worden. „Wir sind bereit zu spielen“, sagte Lloris.

Der Text der französischen Nationalhymne soll auf den Leinwänden im Stadion für alle zum Mitsingen eingeblendet werden. Die Spieler der englischen Mannschaft planen zudem eine gemeinsame Aktion für ihre Kollegen aus Frankreich. Nicht wenige aus dem Team des Gastgebers der EM im kommenden Jahr verdienen auf der Insel in der Premier League ihr Geld.

Unter erhöhten Sicherheitsmaßnahmen wird das letzte Länderspiel der Franzosen und Engländer in diesem Jahr stattfinden. Die Fans sind bereits angehalten, früher als sonst zu kommen, weil die Kontrollen mehr Zeit in Anspruch nehmen könnten. Rund 1400 Anhänger aus Frankreich werden erwartet.

Zu was die Spieler auf dem Rasen fähig sind, wird sich zeigen. Die Spiele gegen Weltmeister Deutschland und England sollten eigentlich Standortbestimmungen für die Franzosen sein. Doch alles Sportliche dürfte nun zweitrangig geworden sein: Das Spiel soll zum Zeichen der seelischen Unterstützung der schwer getroffenen Franzosen werden - auch vonseiten des französischen Teams selbst. „Ich habe es immer als Ehre empfunden, dieses Trikot zu tragen“, meinte Ex-Weltmeister Deschamps. „Die Verantwortung ist heute noch wichtiger.“

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