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19.03.2014

12:27 Uhr

Tausende Tote auf WM-Baustellen

Der Tribut von Katar

VonDésirée Linde

Die Fußball-WM in Katar droht zum Skandal-Event zu werden: Gewerkschaften befürchten 4000 tote Wanderarbeiter bis 2022. Mittlerweile ermittelt sogar das FBI wegen der Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe des Turniers.

Umstritten: die Austragung des WM-Turniers im Wüstenstaat Katar. Hier warten Fans der Nationalmannschaft von Katar auf den Beginn des Eröffnungsspiels des Asien-Cups 2011 im Khalifa-Stadion in Doha. dpa

Umstritten: die Austragung des WM-Turniers im Wüstenstaat Katar. Hier warten Fans der Nationalmannschaft von Katar auf den Beginn des Eröffnungsspiels des Asien-Cups 2011 im Khalifa-Stadion in Doha.

Tausende Tote, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und immer neue Korruptionsvorwürfe: Die massive Kritik an der Fußball-WM 2022 in Katar reißt nicht ab. Laut einer Studie des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) sollen seit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat 1200 Arbeiter aus Indien und Nepal auf den Baustellen für das Megasportevent umgekommen sein. Noch weitere 2800, schätzt der Bund, werden bis zum Anpfiff des Auftaktmatches sterben – wenn sich in dem Golfemirat nichts ändert.

Die Zahlen bestätigen das, was die Botschaften von Nepal und Indien bereits veröffentlicht hatten. Die nepalesische Botschaft hatte im vergangenen Monat von 400 tödlich verunglückten Landsleuten seit 2010 berichtet. Ihre indischen Kollegen sprachen von 500 toten indischen Arbeitsmigranten allein seit 2012.

Laut dem 32 Seiten starken Bericht der Gewerkschaften befinden sich derzeit 1,4 Millionen Wanderarbeiter in dem Land, von denen ein Großteil auf den WM-Baustellen arbeitet. In dem Bericht heißt es: „Wie auch immer die Todesursachen deklariert werden – als Arbeitsunfälle, Herzinfarkt (zurückzuführen auf die lebensbedrohlichen Auswirkungen des Hitzestresses) oder Krankheiten, die aus ärmlichen Lebensbedingungen resultieren – die Ursache ist stets die gleiche: die Arbeitsbedingungen.“

Fußballweltmeisterschaft in Katar

Katar

Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf wird als absolute Monarchie regiert. Der Staat liegt auf einer Halbinsel und grenzt im Süden an Saudi-Arabien. Das Staatsgebiet schließt einige Inseln ein.

Hauptstadt

Katars Hauptstadt ist mit 521 283 Einwohnern Doha. Die Stadt beherbergt den Internationalen Flughafen Doha, sowie wichtige Teile der Öl- und Fischereiindustrie. Mit der „Education City“ ist die Stadt ebenso ein attraktives Gebiet in Katar für Forschung und Bildung.

Geographie und Klima

Das überwiegend flache Land ist von Salzsümpfen, Geröll- und Kieswüste geprägt. Das Grundwasser hat einen sehr hohen Salzgehalt, weshalb Trinkwasser in Meerwasserentsalzungs-Anlagen gewonnen wird.

Mit dem geringen Jahresniederschlag von unter 100 mm gehört Katar zu den trockensten Landschaften der Erde. Das Klima ist ganzjährig schwül, subtropisch und heiß. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %. Im Sommer sind Temperaturen von 45 °C keine Seltenheit, im Winter sinken sie auf durchschnittlich 17 °C.

Bevölkerung

Die arabische Bevölkerung mit katarischer Staatsangehörigkeit beträgt nur rund 250.000 Menschen. Etwa 80 % der 1, 7 Millionen Einwohner Katars sind Migranten. Der sunnitische Islam ist Staatsreligion. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund herrschen Schiiten vor. Zudem gibt es einen beträchtlichen Anteil an Hindus und 70.000 Christen in Katar. Die Amtssprache ist arabisch, Handelssprachen sind Persisch und Englisch.

Infrastruktur

In Doha sind sechs Stadien geplant, sechs weitere verteilen sich auf Städte in der näheren Umgebung. Damit die einzelnen Sportanlagen gut erreichbar sind, werden alle an das im Bau befindliche Stadtbahnsystem angeschlossen. Das Investitionsvolumen für die zwölf Spielstätten wird auf etwa 2,87 Milliarden bis 4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Nationalteam

Die Katarer Nationalmannschaft bestritt 1970 ihr erstes internationales Länderspiel während des Golfpokal-Turniers gegen Bahrain. Derzeit rangiert die Mannschaft auf der Fifa-Weltrangliste auf dem 96. Platz. An der letzten WM hat Katar nicht teilgenommen, ist nun aber als Gastgeber automatisch qualifiziert.

Kritik an der Vergabe

Die Kritik, das Land weise keine fußballerische Tradition vor, rechtfertigte die Fifa mit der Erklärung, man wolle neue Wege gehen.

Ein weiterer, eher praktischer Einwand gegen die Vergabe waren die hohen Temperaturen in dem Land. Aufgrund von fast 50 Grad Celsius im Sommer müssten die Stadien klimatisiert werden. Daraufhin regte Franz Beckenbauer eine Verlegung der Fußball-WM in den Winter an.

Eine weitere, viel grundsätzlichere Kritik ist, dass bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivausschusses im Vorfeld schon Katar-Stimmen gekauft wurden.

Winter-WM

Wegen der Hitze im Sommer überlegt die Fifa nun, die WM im Winter, also kurz vor Weihnachten auszurichten. Das würde den Spielplan der großen Ligen über den Haufen werfen.

In dem Dossier werden auch Einzelschicksale aufgelistet und mit Fotos dokumentiert: etwa das eines Wassertanklastfahrers, der angefahren und am Bein verwundet wurde und sich fernab der Stadt selbst um die medizinische Versorgung kümmern musste. Oder das einer Haushaltshilfe, die von ihrem Auftraggeber zwei Jahre lang misshandelt wurde. Der Bericht schildert auch, dass selbst hoch bezahlte Spezialisten aus dem Westen schnell ernsthafte Probleme mit den örtlichen Autoritäten bekommen können.

Arbeiter in Lusail City sagten dem englischen Guardian, dass ihnen Löhne vorenthalten worden seien, sie zur Arbeit ohne Pause in 50 Grad Hitze gezwungen worden seien. Außerdem habe man ihnen die Pässe abgenommen, um sicherzugehen, dass sie das Land nicht verlassen.

Der Internationale Gewerkschaftsbund ist einer der schärfsten Kritiker der WM in Katar. IGB-Generalsekretärin Sharan Burrow hatte bereits mehrfach kritisiert, auf den WM-Baustellen in Katar habe es schon viele Hitzetote geben. Sie berichtet von der ersten tatsächlichen Stadionbaustelle, die des Al-Wakrah-Stadions nahe der Hauptstadt Doha: Hier müssten Männer aus Indien, Nepal und Thailand in verdreckten kleinen Räume unter den Tribünen hausen. Auch sie hätten berichtet, ihnen seien die Pässe abgenommen worden – und ihr Lohn betrage 220 Dollar (158 Euro) im Monat.

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