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20.11.2015

17:37 Uhr

Terror, Böller und Fußball

Die neue Angst im Stadion

VonThomas Schmitt

Das Erlebnis im Fußballstadion ist nicht mehr so unbeschwert. Durch den Terror dieser Tage wird die Angst zum ständigen Begleiter. Die Gefahr einer Massenpanik steigt. Der Bundesliga-Spieltag im Zeichen der Sicherheit.

Bilder wie diese (von einem Pokalspiel Dynamo Dresdens gegen Hannover 96) gibt es in deutschen Stadien immer wieder. dpa

Pyrotechnik im Stadion

Bilder wie diese (von einem Pokalspiel Dynamo Dresdens gegen Hannover 96) gibt es in deutschen Stadien immer wieder.

DüsseldorfWenn heute um 20.30 Uhr der Hamburger SV gegen Borussia Dortmund in der Bundesliga um Punkte kickt, dann spielt auch die Angst mit. Die Spieler selbst können den Terror von Paris vielleicht im Match noch am besten abschütteln, doch ob das auch den Fans auf den Rängen gelingt? Gründe, Angst zu haben, gibt es genug: unabhängig vom Terror und wegen des Terrors.

Radikalen Fußballfans gelingt es seit Jahren regelmäßig, in vielen Bundesliga- und Pokalspielen Feuerwerkskörper ins Stadion zu schmuggeln und dort zu zünden. Das führte vereinzelt sogar zu Verletzungen, verursacht aber in jedem Fall Angstgefühle im Umfeld. Die Vereine haben das Problem noch immer nicht im Griff und kassieren daher regelmäßig hohe Geldstrafen. Wenn die Täter ermittelt werden konnten, verhängten die Gerichte in Einzelfällen sogar Haftstrafen.

Nach den Anschlägen von Paris und der damit einhergehenden Terrorgefahr für Großveranstaltungen wird die Pyrotechnik im Stadion vom Problem zur konkreten Gefahr: Im Stadion könnte schneller eine Massenpanik entstehen, weil die Zuschauer schon beim Zünden eines Feuerwerkskörpers einen möglichen Anschlag fürchten und ausweichen wollen.

Die jüngsten Pyro-Vorfälle in Deutschland

28. Oktober 2015 I

Fußball-Bundesligist Bayer Leverkusen hat zwei mutmaßliche Übeltäter identifiziert, die beim Pokalspiel bei Viktoria Köln (6:0) Pyrotechnik gezündet hatten. Den beiden Bayer-Anhängern droht unter anderem ein bundesweites Stadionverbot. Kurz vor dem Anpfiff hatten Chaoten im Bayer-Block reichlich Pyrotechnik gezündet. Zudem hatte es hinter der Tribüne noch ein kleines Feuerwerk gegeben.

28. Oktober 2015 II

Während des DFB-Pokalspiels zwischen dem Regionalligisten Carl Zeiss Jena und dem Bundesligisten VfB Stuttgart (0:2) ist ein Ordner durch einen Böller im Gesicht verletzt worden. Das bestätigte die Polizei der Ostthüringer Zeitung. Der Vorfall ereignete sich während der zweiten Halbzeit vor der Gegengeraden im Ernst-Abbe-Sportfeld. 

1. Oktober 2015

Fans von Borussia Dortmund brennen in der Europa League bei PAOK Saloniki (1:1) am 1. Oktober Pyrotechnik ab. Schon vor dem Spiel war es zu Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und BVB-Ultras gekommen. Hierbei wurden Flaschen und Dosen auf die Polizei geworfen. Die Disziplinarkammer der Europäischen Fußball-Union (UEFA) verhängte eine Geldstrafe von 60.000 Euro gegen den BVB.

23. September 2015

Im Spiel bei Hansa Rostock (1:1) werden erst im Magdeburger und im Anschluss auch im Rostocker Zuschauerbereich Nebeltöpfe und Bengalische Feuer gezündet. Schiedsrichter Sven Jablonski (Bremen) muss in Folge die Begegnung mehrfach unterbrechen, da weiterhin Pyrotechnik abgebrannt wurde.

9. August 2015

Unmittelbar vor Anpfiff des DFB-Pokalspiels bei Rot-Weiss Essen werden im Düsseldorfer Zuschauerblock zahlreiche Rauchkörper, Böller und Bengalische Feuer gezündet worden. Die Pyrotechnik wurde auch auf das Spielfeld geworfen. Dadurch verzögerte sich der Spielbeginn um etwa zweieinhalb Minuten. Zweitligist Fortuna Düsseldorf wurde wegen des Fehlverhaltens seiner Fans mit 20.000 Euro zur Kasse gebeten.

8. August 2015

Fans zünden Rauchbomben vor dem DFB-Pokalspiel bei den Würzburger Kickers (2:0 n.V.). Fußball-Bundesligist Werder Bremen ist vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu 8.000 Euro Geldstrafe verurteilt worden.

20. Juli 2015

Zweitligist 1860 München ist vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wegen Verfehlungen seiner Fans in vier Spielen zu einem Zuschauer-Teilausschluss auf Bewährung verurteilt worden. Die Bewährungszeit beträgt acht Monate. Darüber hinaus muss der Klub eine Geldstrafe von 40.000 Euro zahlen. Anhänger der Sechziger hatten bei den Spielen der Rückrunde in Darmstadt, Karlsruhe und Ingolstadt sowie in der Relegation in Kiel Pyrotechnik gezündet und die Bengalos teilweise in den Innenraum geworfen. Vor allem in Karlsruhe seien die Grenzen „massiv überschritten worden“.

17. Juli 2015

Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) belegte Borussia Dortmund wegen Vorkommnissen in sechs Spielen mit einer Geldstrafe von 90.000 Euro. Zudem sind Fahnen und Transparente für BVB-Fans bei Auswärtsspielen bis Ende 2015 verboten. Der DFB begründete die Auflagen damit, dass Dortmunder Zuschauer großflächige Zaun- und Blockfahnen zuletzt benutzt hätten, um dahinter unbemerkt Pyrotechnik zu zünden. Dies sei unter anderem beim DFB-Pokal-Endspiel in Berlin gegen den VfL Wolfsburg, während des Achtelfinals bei Dynamo Dresden, sowie während der Bundesliga-Partien bei Hannover 96 und bei 1899 Hoffenheim geschehen.

23. Juni 2015

Fußball-Zweitligist Karlsruher SC muss 25.000 Euro Strafe zahlen. Es handelt sich um Vorkommnisse beim Punktspiel gegen RB Leipzig (0:0) sowie bei den  Relegationsspielen gegen Erstligist Hamburger SV (1:1, 1:2 n.V.). Im Rückspiel gegen den HSV waren mehrere Dutzend KSC-Fans durch Becherwürfe in Richtung der Gäste-Profis und des Schiedsrichter-Gespanns um Manuel Gräfe (Berlin) negativ aufgefallen. Zudem wurde Pyrotechnik eingesetzt.

19. Juni 2015

Bundesligist VfB Stuttgart ist wegen des Fehlverhaltens seiner Fans vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit einer Geldstrafe in Höhe von 15.000 Euro belegt worden. Vor dem Bundesligaspiel gegen Werder Bremen (12. April) brannten VfB-Fans bengalische Feuer ab und zündeten Rauchbomben, während der Begegnung beim SC Paderborn (23. Mai) kam ebenfalls „massiv Pyrotechnik“ zum Einsatz.

24. November 2012

Ein Fan, der zur Schalke-Fangruppierung „Hugos“ gehörte, zündet beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt gemeinsam mit mehreren anderen Krawallmachern 19 Seenotrettungsfackeln. Durch die dabei ausgetretenen toxischen Rauchgase erlitten acht unbeteiligte Stadionbesucher, unter anderem ein zwölf Jahre altes Kind, „zum Teil erhebliche Rauchgasvergiftungen“, wie das OLG Hamm ausführte. Der 25 Jahre alte Fan muss für ein Jahr und sechs Monate in Haft.

Dieses Szenario beschrieb als einer der ersten der Unternehmer Martin Kind, Boss des Fußballvereins Hannover 96: „Böller waren immer verboten“, sagte er in der „Sport Bild“. „Jetzt hat das Zünden aber noch eine deutlich andere Qualität. Es könnte zu einer Situation führen, die nicht mehr kontrollierbar ist und hochgefährlich enden könnte.“

Deshalb appellieren nun Manager, Spieler, Polizei und Politiker unisono an die Fans, auf Feuerwerkskörper im Stadion zu verzichten. „In der aktuellen Lage wäre es geradezu fahrlässig“, sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz der Bundesländer, Roger Lewentz, der auch rheinland-pfälzischer Innenminister ist. „Liebe Fans, lasst die Pyrotechnik zu Hause, ihr helft in dieser angespannten Sicherheitslage damit der Polizei.“

„Wir wissen jetzt, dass es nicht mehr nur um Pyrotechnik geht“, pflichtete Jörg Radek, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), bei. „Auch die Stadien sind zu potenziellen Anschlagszielen geworden.“ Durchsuchungsmöglichkeiten sind allerdings begrenzt. Immer wieder gelangt Pyrotechnik in der Unterwäsche oder gar in Körperöffnungen ins Stadion. Es liegt der Schluss nahe, dass so auch weit gefährlichere Substanzen und Gegenstände einschmuggelt werden könnten. Das gilt jedoch für alle Menschenansammlungen.

Um andere Menschen zu gefährden, braucht es aber zuvorderst einen Täter. Und auf potenzielle Gefährder gebe es aktuell und in der Vergangenheit keine Hinweise. Zudem sei bei Menschenmengen immer das Vertrauen, dass nichts geschehen wird, die Grundlage, heißt es aus Expertenkreisen. Bisher hat sich dies als stichhaltig erwiesen.

Sicherheitsexperten warnen daher davor, „in Panik“ zu verfallen. „Dank der intensiven Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden können die Klubs auf gut funktionierende Netzwerke zurückgreifen", versuchte Hendrik Große-Lefert, der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu beruhigen. Es gebe zudem keine Hinweise, dass Spiele gefährdet seien.

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