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13.04.2017

10:05 Uhr

Thomas Tuchel kritisiert die Uefa

„Fußball ist nicht das Wichtigste der Welt“

Einen Tag nach dem Anschlag auf ihr Leben, mussten die BVB-Spieler wieder auf den Platz. Die Profis zeigten dabei trotz Niederlage eine starke Leistung. Trainer Thomas Tuchel übt scharfe Kritik an der Uefa.

Der BVB-Trainer nach dem Spiel gegen AS Monaco. dpa

Thomas Tuchel

Der BVB-Trainer nach dem Spiel gegen AS Monaco.

DortmundTrotz einer couragierten Leistung stehen die Fußballprofis von Borussia Dortmund in der Champions League vor dem Viertelfinal-Aus. Gut 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus unterlag das Team von Trainer Thomas Tuchel unter extremem psychischen Druck dem französischen Tabellenführer AS Monaco mit 2:3 (0:2). Damit sind die Chancen, im zweiten Spiel am 19. April doch noch das Weiterkommen möglich zu machen, gering.

Nach dem 0:2-Rückstand durch den aus Abseitsposition erzielten Treffer von Monaco-Jungstar Kylian Mbappé (19. Minute) und das Kopfball-Eigentor von Sven Bender (35.) kam der BVB am Mittwochabend in der neu angesetzten Begegnung mit den Monegassen durch Ousmane Dembélé (57.) zum 1:2. Mbappé (79.) erhöhte auf 3:1 für Monaco, ehe Shinji Kagawa (84.) den zweiten BVB-Treffer erzielte. So gab es einiges aufzuarbeiten:

Neuansetzung: „Wir wurden überhaupt zu keiner Zeit gefragt. Die Uefa hat das in der Schweiz entschieden. Das hat sich nicht gut angefühlt Minuten nach diesem Sprengstoffanschlag. Wir hatten das Gefühl, als wäre eine Bierdose gegen den Bus geflogen“, sagte Tuchel mit einer verbalen Zuspitzung auf die Uefa-Entscheider. Tuchel selbst hatte ein „Gefühl der Ohnmacht“, weil er überhaupt keinen Einfluss nehmen konnte auf einen neuen Termin. Auch Nuri Sahin äußerte Kritik: „Ich weiß, dass der Fußball wichtig ist. Wir sind aber auch nur Menschen.“

Die Uefa hatte indes bereits am Dienstagabend von einer gemeinsamen Entscheidung mit beiden Vereinen und Behörden gesprochen. „Die Anstoßzeit wurde aus logistischen Gründen gewählt, auch damit der AS Monaco noch am selben Abend nach Hause reisen kann, um die Vorbereitung auf sein Ligaspiel am Wochenende nicht zu beeinträchtigen“, sagte ein Uefa-Sprecher am Mittwoch der „Rheinischen Post“ als Reaktion auf Tuchels Kritik.

Aufarbeitung: Der Coach will seiner Mannschaft erlauben, sich Zeit zu nehmen, sich auch den Konflikt zu erlauben, ob es nach dem Akt des Terrors aktuell Sinn macht, Fußball zu spielen oder ihn erstmal beiseite zu lassen. Den Spielern wird bei Bedarf psychologische Hilfe angeboten. Denn auch das sagte Tuchel: „Fußball ist nicht das Wichtigste der Welt.“

Der Anschlag auf den BVB und das rätselhafte Islamisten-Schreiben

Ein ungewöhnlicher Tatort

Nach der Detonation von drei mit Metallstiften gespickten Sprengsätzen nahe dem BVB-Mannschaftsbus findet die Polizei drei gleichlautende Bekennerschreiben mit islamistischem Inhalt, der Generalbundesanwalt vermutet einen terroristischen Hintergrund. Es gibt zwei Verdächtige und eine Festnahme, doch auch eine Reihe von Ungereimtheiten. Wichtige Fragen und Antworten.

Steht schon fest, dass Islamisten oder die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Anschlag stehen?

Keineswegs. Die Polizeibehörden gehen zahlreichen Tathypothesen nach. Neben dem islamistisch-salafistischen Hintergrund wollen sie am Mittwoch nicht ausschließen, dass es ganz andere Motive gibt. Die Spannbreite reicht von gewaltbereiten Fußballfans über Rechtsextreme oder auch Erpresser. Aus Sicherheitskreisen wird zur Zurückhaltung gemahnt: Dass die Festgenommenen tatsächlich mit dem BVB-Anschlag zu tun haben, sei noch keineswegs bewiesen.

Bei einem in der Nacht im Internet verbreiteten zweiten Bekennerschreiben bestehen laut der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe „erhebliche Zweifel an der Echtheit“. In dem Schreiben war ein linksextremistischer Hintergrund behauptet worden.

Was ist so ungewöhnlich an den am Tatort hinterlassenen Bekennerschreiben?

Viel. Ermittler merken schon deswegen auf, weil überhaupt solche Schreiben zurückgelassen wurden. Das ist untypisch für Anschläge, die womöglich mit dem Islamischen Staat zusammenhängen. Bei jüngsten Attentaten wie dem Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag von Anis Amri mit zwölf Toten hat es das nicht gegeben. Üblich war bislang, dass das IS-Sprachrohr Amak Tage später ein Video-Bekenntnis ins Internet stellt.

Was könnten die Ermittler aus dem Schreiben noch herauslesen?

In Sicherheitskreisen wird von einem für Islamisten generell untypischen Vorgehen gesprochen. So gebe es auf dem Schreiben keinerlei IS-Symbole wie etwa die typische Fahne, die sonst oft zu finden ist. Der oder die Täter hätten keine der beliebten IS-Insignien hinterlassen.

Das Bekennerschreiben wurde in gleich dreifacher Ausfertigung gefunden. Warum?

Auch darüber rätseln die Ermittler. Ein solches Vorgehen gilt ebenfalls als nicht szene-typisch. Dass der oder die mutmaßlichen Täter ihren Zettel mit dem angeblichen Bekenntnis gleich drei Mal im Umkreis des Anschlagsorts ausgelegt haben, deute darauf hin, dass sie unbedingt wollten, dass er schnell gefunden wird. Warum, ist unklar.

Was sagen die Rechtschreibfehler im Bekennerschreiben aus?

Das Schreiben ist auf deutsch formuliert. Die 15 Zeilen enthalten einige Rechtschreibfehler - die Ermittler sind von Bekennerbriefen aus diesen Kreisen jedoch eigentlich weit mehr Fehler gewohnt. Zudem ungewöhnlich sei es auch, welche Rechtschreibfehler gemacht wurden. So habe der Verfasser schwierige Wörter richtig geschrieben, dafür aber ziemlich simple Fehler etwa bei der Groß- und Kleinschreibung gemacht.

Auch die Wortwahl dürfte manchen Ermittler zu denken geben. So werde die in dem Schreiben verwendete Bezeichnung „Untertan“ in der Islamisten-Szene eigentlich nicht benutzt, heißt es.

Wie gehen die Ermittler vor?

Nach Angaben der Sprecherin des Generalbundesanwalts, Frauke Köhler, sind die Wohnungen von zwei verdächtigen Islamisten durchsucht worden. In der Regel beschlagnahmt die Polizei in solchen Fällen Computer und Mobil-Telefone. Sie werden dann auf Verbindungen zu Kontaktleuten des Islamischen Staats in Syrien oder zu anderen Islamisten in Deutschland und Europa ausgewertet. So sollen auch mögliche Netzwerke aufgedeckt werden. Das dürften die Sicherheitsbehörden auch in diesem Fall so gemacht haben.

Werden jetzt die Überwachungsmaßnahmen gegen Islamisten verstärkt?

Üblicherweise klopfen Anti-Terror-Ermittler nach Terrordrohungen oder Anschlägen zunächst jene Verdächtigen in der Islamisten-Szene ab, die sie sowieso schon auf dem Schirm haben. Etliche sogenannte Gefährder, von denen die Behörden glauben, dass sie jederzeit einen Anschlag begehen können, werden routinemäßig abgehört, deren Internet-Kommunikation wird überwacht. In einem akuten Fall wie in Dortmund schalten sich die Ermittler dann gerne auch „live“ in die Überwachung ein. Sie wollen sehen, ob es Bewegung in der Szene gibt. Das dürfte auch jetzt der Fall sein.

Spielverlauf: Die Analyse des BVB-Trainers war auch von Bitterkeit ob des Spielverlaufs geprägt. „Das erste Tor fällt aus einer Abseitsstellung heraus. Beim 0:2 wird Sven praktisch zum Eigentor gezwungen. Das dritte Gegentor bereiten wir selbst vor“, sagte er. Das seien also praktisch zwei Eigentore und ein Abseitstor. „Es ist einfach nicht so gut gelaufen für uns.“

Personal: Dem BVB standen nur 15 Feldspieler zur Verfügung. Der Kader bestand nach der Verletzung, die Marc Bartra beim Sprengstoffanschlag erlitten hatte, lediglich aus 17 Spielern. „Das ist total absurd“, bemerkte Tuchel.

Rückspiel: Es wartet laut Tuchel „eine große Aufgabe auf uns“. Er will indes weiter daran glauben, seine Spieler würden im Fürstentum „alles versuchen“. Denn es gehe ja auch „um den Traum, in das Halbfinale zu kommen“.

Von

dpa

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