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23.11.2013

08:28 Uhr

Trainerlegende Sacchi

„Klopp und Guardiola erneuern den Fußball“

VonAntje Luz

ExklusivDer ehemalige italienische Nationaltrainer Arrigo Sacchi ist ein großer Bewunderer des Fußballs, den Borussia Dortmund und Bayern München spielen. Der Stil beider Mannschaften komme seiner Spielphilosophie sehr nahe.

Arrigo Sacchi prägte als Fußballtrainer einen neuen Offensivstil. Mit dem holländischen Trio Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard holten sie zahlreiche Titel, unter anderem 1989 den Europapokal der Landesmeister, den die Norditaliener 1990 verteidigen konnten. Bildquelle: FIGC

Arrigo Sacchi prägte als Fußballtrainer einen neuen Offensivstil. Mit dem holländischen Trio Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard holten sie zahlreiche Titel, unter anderem 1989 den Europapokal der Landesmeister, den die Norditaliener 1990 verteidigen konnten. Bildquelle: FIGC

Handelsblatt Online: Signore Sacchi, Sie haben den AC Mailand und die italienische Nationalmannschaft trainiert. Und Sie gelten sowohl als Vorbild von Jürgen Klopp wie von Josep Guardiola. Wie schauen Sie auf das Duell Dortmund gegen Bayern?
Arrigo Sacchi: Klopp und Guardiola sind zwei großartige Trainer. Ihre Konzepte sind an sich ähnlich. Die Umsetzung ist jedoch anders. Beide verfolgen mit ihren Mannschaften einen kollektiven und totalen Fußball. Dabei fokussiert sich Guardiola mehr auf Ballbesitz. Das macht Klopp etwas weniger. Die individuelle und technische Qualität der Spieler, die Guardiola trainiert, ist sicherlich der von Dortmund überlegen. Aber beide versuchen, den Platz und das Spiel zu dominieren.

 

Wie beherrschen beide Mannschaften ihre Gegner?
Sie versuchen beide, dem Gegner das eigene Spiel aufzudrücken. Dabei nutzen sie die Qualitäten der jeweiligen Spieler.

Und wie unterscheiden sie sich?
Der Unterschied liegt im Verhalten der Mannschaften: Borussia Dortmund erscheint stärker, wenn es um Schnelligkeit und Ballbewegungen geht. Guardiolas Mannschaft dagegen nutzt vielleicht die Räume etwas weniger. Aber das sind minimale Unterschiede. Der Hauptunterschied liegt in den Spielern, über die sie verfügen, und zwar in deren Eigenschaften und deren Erfahrung.

So hat Arrigo Sacchi den Fußball revolutioniert

Sacchi

Der Italiener Arrigo Sacchi hat Ende der achtziger Jahre mit dem AC Mailand den modernen Fußball entscheidend geprägt. Er war kein guter Spieler. Das sei aber auch nicht nötig, um ein guter Trainer zu sein. „Ein Jockey muss schließlich auch nicht als Pferd geboren worden sein“, lautet eine seiner Trainerweisheiten.

Quelle: www.spox.com

Philosophie

Sacchi betonte immer wieder, dass ein guter Fußballer nicht auch zwangsläufig ein brauchbarer Spieler sei, wenn er seine vorgegebene Position nicht einnimmt und schlechte Entscheidungen trifft.

Bewegung

Sacchis Spielsystem war anstrengend. Volle Konzentration war gefragt, über 90 Minuten. „Unsere Spieler hatten vier Referenzpunkte: den Ball, den Raum, den Gegner und seine Mitspieler. Jede Bewegung musste in Beziehung zu diesen Referenzpunkten passieren. Jeder Spieler musste entscheiden, welcher dieser Referenzpunkte seine Bewegungen bestimmen sollte.“

Alle verteidigen

Alle Akteure mussten verteidigen. Und der Abstand zwischen Abwehr und Angriff sollte im Optimalfall nicht mehr als 25 Meter betragen. Der Gegner sollte keine Zeit haben, die weit aufgerückte Abwehr mit Pässen zu überspielen. Ein Abwehrnetz um den Mann im Ballbesitz sollte sich so zuziehen, dass ihm oft nur ein Rückpass oder ein unkontrollierter Schlag nach vorne möglich war.

Viererkette

Sacchi gilt als einer der Erfinder der Viererkette, so wie sie heute auch gespielt wird, etwa von der Nationalmannschaft. Er ließ keine Manndeckung mehr spielen, sondern eine ballorientierte Raumdeckung. Den Libero schaffte er ab.

Pressing

Sacchis AC Mailand machte den Raum, den der Gegner zum Spielen hat, extrem eng. Die verteidigende Mannschaft begann, sich als Einheit in Richtung Ball zu verschieben. Sie lief also nicht mehr nur einem Gegner hinterher.

Spektakel

Sacchi wollte unterhalten. „Ich wollte bei eigenem Ballbesitz immer fünf Mann vor dem Ball haben. Und es musste immer ein Spieler den linken und den rechten Flügel besetzen. Aber das konnte jeder sein, es mussten nicht immer die gleichen Leute sein.“ Sein Ziel: „Ich tat es, um den Menschen 90 Minuten Freude zu bereiten. Diese Freude sollte nicht nur vom Gewinnen kommen, sondern daher, dass man unterhalten wurde und etwas Besonderes zu sehen bekam.“

Fünf schlagen zehn

Die Effektivität seiner Methoden bewies Sacchi seinem Team mit einer Übung. „Ich sagte ihnen, dass fünf Spieler mit guter Organisation zehn Spieler ohne Organisation schlagen könnten.“ Die zehn Akteure bekamen 15 Minuten Zeit, um gegen Sacchis fünf Mann (Torwart und vier Abwehrspieler) ein Tor zu machen. Die einzige Regel für die Angreifer war, dass sie bei Ballverlust wieder in der eigenen Hälfte beginnen mussten. Sacchi behielt Recht.

Geisterspiele

Geübt wurde bis zum Umfallen. An jedem Spieltag gab es morgens eine Trockenübung. „Wir stellten uns in unserer Formation auf. Ich rief unseren Spielern zu, wo der imaginäre Ball war und die Spieler mussten sich entsprechend bewegen, den unsichtbaren Ball passen und sich wie ein Uhrwerk über den Platz bewegen, basierend auf den Reaktionen der Spieler.“
Ein Scout von Real Madrid sah eine solche Trainingseinheit und berichtete: „Sie haben ein Spiel gemacht mit elf Mann über das ganze Feld, ohne Gegner und ohne Ball.“

Erfolge

Die größten Erfolge feierte Sacchi mit Mailand international. Den Realitätstest bestand sein System 1989 im Europapokal der Landesmeister. Im Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid verloren die Königlichen mit 0:5. Im Finale unterlag Steaua Bukarest 0:4.

Wegbereiter für Deutschland

In Deutschland spielte die Nationalmannschaft erst 2002 unter dem damaligen Nationalcoach Rudi Völler mit einer Viererkette basierend auf Sacchis Modell. In den neunziger Jahren dominierte zunächst weiter die Manndeckung.

Was zeichnet die Dortmunder aus?
Klopp verfügt technisch gesehen über keinen so exzellenten Kader wie Guardiola. Doch er hat aus seinen Spielern ein Team geformt, dessen Fußball wunderschön anzusehen ist. Ihr Spiel reißt mich sehr oft mit: ihre Schnelligkeit, wie sie Toraktionen herausspielen, und ihr Fairplay, das sie auf dem Platz zeigen. Das ist ein Phänomen und hat schon Geschichte geschrieben!

Und warum sind die Bayern dennoch besser?
Die Spieler des FC Bayern haben einen Hintergrund, den Dortmund nicht haben kann. Aber glauben Sie nicht, dass es leicht wäre, Bayern oder Real Madrid zu trainieren. Es ist schwer, einem Topspieler, der eine gewisse Geschichte hat, beizubringen, dass das Team wichtiger ist als ein Einzelspieler. Sie dürfen nicht allein spielen, sondern mit und für die Mannschaft, auf dem ganzen Platz und über die volle Spielzeit.

 

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