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10.01.2014

06:43 Uhr

TV-Kritik „Maybrit Illner“

„Ein Eisbrecher im Eismeer der Homophobie“

VonChristian Bartels

Maybrit Illner kann sich rühmen, als erste Talkerin das von Thomas Hitzlsperger gesetzte Thema „Homosexualität im Fußball“ behandelt zu haben. Doch der Schnellschuss war keine gute Idee. Nur einmal wurde es hitzig.

Videobotschaft

Hitzlsperger outet sich öffentlich als schwul

Videobotschaft : Hitzlspergers Outing im Video

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BerlinThomas Hitzlsperger rockt die Agenda nach allen Regeln des Medienbetriebs: Kaum ein Medium, dass das spektakuläre erste Outing eines Fußball-Nationalspielers in der „Zeit“ nicht ausführlich zum Topthema gemacht hat. Auch Maybrit Illner kippte am Donnerstagabend ihr eigentlich geplantes Talkshow-Thema „Armut auf Wanderschaft – wie viel Freizügigkeit können wir uns leisten?“, um stattdessen über Homosexualität und Toleranz in Sport und Gesellschaft zu diskutieren.

Keine gute Idee, zeigte sich schon am Anfang. Denn die Homophoben, die in Thomas Hitzlsperger nun „einen Gegner mehr“ hätten, wie der Ex-Profi in der Videobotschaft auf seinem Internetauftritt betont, waren, erwartungsgemäß, nicht zu sehen. Bei Illner im Studio saßen fünf Männer mit nur leicht unterschiedlichen Ansichten, die Hitzlspergers Schritt so lobten wie alle, die sich bereits öffentlich dazu geäußert haben. Sie alle halten auch Homophobie für „ein Thema im Sport und nicht nur im Sport“ (Marcus Urban), für „kein Problem des Fußballs, sondern der Gesellschaft“ (Michael Vesper). Bloß in Illners Studio war sie nicht vertreten, die Homophobie.

Marcus Urban, der seine Karriere als Fußballprofi 2007 in einem frühen Stadium aufgab, um offen schwul leben zu können, meinte, die sexuelle Orientierung sei eine „Intimangelegenheit, aber keine Privatsache“. Daher müsse darüber geredet werden. Der ehemalige WDR-Radioreporter Manni Breuckmann nannte Hitzlspergers Schritt „eine begrüßenswerte Aktion“, die aber nicht viel bringe, weil „es den harten Kern nicht beeinflusst“.

Auch diese berühmten Sportler haben sich geoutet

Tom Daley

Der britische Wasserspringer enthüllte seine Liebe zu einem Mann Anfang Dezember 2013 im Internet: „Ich habe jemanden getroffen, der mich so glücklich gemacht hat, der mir Sicherheit gegeben hat. Es fühlt sich alles einfach großartig an. Und dieser Jemand – war ein Mann.“

Justin Fashanu

Der britische Fußballer war 1990 der erste aktive Profi, der sich outete. Acht Jahre später erhängte sich der damals 37-Jährige nach einer regelrechten Hetzjagd in Großbritannien am 2. Mai 1998 in einer Garage.

Anton Hysén

2011 outete sich der Schwede als erster prominenter Fußballer in dem skandinavischen Land.

Greg Louganis

Der viermalige Goldmedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele 1984 und 1988 hatte kurz vor den Spielen in Seoul die HIV-Diagnose erhalten, dies aber zunächst verschwiegen. In der Qualifikation des 3-m-Wettbewerbs schlug er dann mit dem Kopf auf das Brett und zog sich dabei eine blutende Wunde zu. Diese wurde von einem Arzt ohne Handschuhe versorgt, der von der HIV-Infektion nichts wusste, später aber negativ getestet wurde.

Brian Boitano

Der Eiskunstlauf-Olympiasieger outete sich im Dezember als schwul, zwei Tage nach seiner Berufung in die US-Delegation für die Winterspiele in Sotschi. „Ich bin ein Sohn, ein Bruder, ein Onkel, ein Freund, ein Sportler, ein Koch, ein Autor. Und schwul zu sein ist nur ein weiterer Teil von mir“, hieß es in einer von USA Today veröffentlichten Stellungnahme des 50-Jährigen.

John Amaechi

Der frühere NBA-Profi bekannte sich nach seiner Karriere in der nordamerikanischen Profiliga in seiner Autobiografie „Man in the Middle“ als erster Basketballer.

Robbie Rogers

Anfang 2013 outete sich der Fußballer und gab gleichzeitig seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Am 27. Mai gab er für Los Angeles Galaxy in der 77 Minute sein Comeback und ist damit der erste geoutete homosexuelle Profi, der in der MLS ein Spiel absolvierte.

Brian Orser

Der zweifache Silbermedaillen-Gewinner im Eiskunstlauf hatte lange versucht, seine Homosexualität zu verbergen - bis sie durch einen Prozess um den Unterhaltsanspruch seines Ex-Partners im Februar 1999 bekannt wurde.

Gareth Thomas

2009 bekannte sich der Rugbyspieler zu seiner Homosexualität und wurde am Ende des Jahres an die Spitze der Pink List gewählt, der einflussreichsten Homosexuellen Englands. Eine Verfilmung seines Lebens ist geplant.

Mark Tewksbury

Kurz nach seinem Outing 1998 verlor der Schwimm-Olympiasieger von Barcelona 1992 einen lukrativen Werbevertrag, weil er „zu offen schwul“ sei. 2008 sprach der Kanadier anlässlich einer neuen Verordnung zur Stärkung der Rechte Homosexueller vor der UN-Vollversammlung in New York.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der sich 2001 geoutet hat, berichtet aus seinem umfangreichen Erfahrungsschatz. Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, schöpfte das schöne Bild, dass Thomas Hitzlsperger „so was wie ein Eisbrecher“ sei, „der durch das Eismeer der Homophobie fährt“, wodurch dieses zwar noch nicht schmelze, aber doch einen Beitrag zur Überwindung leiste. Vesper verglich den Kampf gegen den Rassismus damit, der auch nicht beendet sei, doch: „Heute ist es gelernt, dass unsere Nationalmannschaft bunt ist“.

Willi Lemke, Funktionärs-Urgestein des Bundesligavereins Werder Bremen, schließlich fand „die spannendere Frage“, wann der erste aktive Bundesliga-Spieler sich outen werde, und prophezeite diesem, dass er es „sehr sehr schwer haben“ werde.

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