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18.07.2012

17:20 Uhr

Umstrittener Fifa-Chef

Sepp Blatter, der Allmächtige

VonDiana Fröhlich, Holger Alich, Peter Mandrella

Sepp Blatter, der schier allmächtige Fifa-Chef, will von Rücktritt nichts wissen. Der 76-Jährige inszeniert sich als Reformer und Aufklärer. Die Funktionäre in Deutschland halten sich auffallend zurück – aber nicht alle.

Fifa-Chef Blatter will nur abtreten, wenn es der Fifa-Kongress so will. dapd

Fifa-Chef Blatter will nur abtreten, wenn es der Fifa-Kongress so will.

Zürich, DüsseldorfNein, unsicher war er nicht, allenfalls ein bisschen nervöser als üblich: Als Joseph Blatter am Dienstag in Zürich vor die Presse trat, erwartete wohl niemand ernsthaft den Rücktritt des umstrittenen Chefs des Fußball-Weltverbands Fifa. Und trotzdem war dem 76-Jährigen zu Beginn anzumerken, dass es wohl nicht sein souveränster Auftritt werden würde. Als er die neue Ethikkommission seines Verbands und ihre zwei Vorsitzenden im Fifa-Hauptquartier vorstellte, da versprach er sich mehrmals, nestelte an seiner Krawatte herum und spielte mit dem Kugelschreiber.

Doch schon bald hatte der Schweizer seine von Dritten oft als Überheblichkeit empfundene Souveränität wiedergefunden. „Sie sehen einen glücklichen Präsidenten vor sich, weil unser Reformprozess weitergeht“, verkündete Blatter. Und gab bekannt, dass das Exekutivkomitee Joachim Eckert, Richter aus Deutschland, und Michael Garcia, Staatsanwalt aus den USA, zu Vorsitzenden der Ethikkommission ernannt habe. Einer Abteilung, die innerhalb der Fifa den Kampf gegen die offenbar verbreitete Korruption im mächtigsten Sportverband der Welt aufnehmen soll.

So weit, so gut. Aber Blatter als Reformer? Als Aufklärer? Das wäre zumindest mal eine ganz neue Rolle, die der fünf Sprachen beherrschende Schweizer ausfüllen würde. Flink erinnerten seine Kritiker am Dienstag daran, dass nun ausgerechnet jener Mann, der schon seine erstmalige Wahl zum Fifa-Präsidenten im Jahr 1998 mit zigtausend Dollar erkauft haben soll, nun als Wegweiser einer neuen „Corporate Governance“ bei der Fifa tätig werden soll.

Hinzu kommt, dass neben Blatters schattiger Vergangenheit auch der Verband mit seinen Strukturen nach außen nicht eben das Bild eines durch und durch transparenten Gebildes abgibt. Einen Vorstand, einen Aufsichtsrat oder wenigstens ein professionelles Controlling – all das gibt es nicht. Blatter besitzt alleiniges Zeichnungsrecht.

Fifa: Die Organisation des Fußballweltverbandes

Fifa-Kongress

Er ist die Vollversammlung des Fußball-Weltverbandes. Der Kongress wird von den 209 nationalen Mitgliedsverbänden gebildet und ist das höchste legislative Gremium der Fifa. Jeder Verband hat dabei eine Stimme. Der Kongress tritt mindestens einmal im Jahr zusammen. Er trifft Entscheidungen über die Fifa-Statuten und über die Aufnahme oder den Ausschluss von Mitgliedern.

Aufgaben des Kongresses

Zu den wichtigen Aufgaben des Kongresses gehört auch die Wahl des Fifa-Präsidenten. Künftig soll die Vollversammlung darüber entscheiden, wer die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet - wie, ist aber noch offen. Mit dieser Reform aus dem Jahr 2011 reagierte der Verband auf die schweren Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der Titelkämpfe 2018 nach Russland und 2022 nach Katar.

Exekutivkomitee

Das Exekutivkomitee ist das ausführende Organ der Fifa, vereinigt aber sehr viel Macht auf sich. Kopf ist der auf vier Jahre gewählte Präsident, seit 1998 Joseph Blatter. Darüber hinaus gehören dem Komitee 24 Mitglieder an, darunter acht Vizepräsidenten. Sie werden nicht vom Kongress gewählt, sondern durch die Fußball-Konföderationen (Kontinentalzusammenschlüsse) und Verbände ernannt.

Aufgaben

Das Exekutivkomitee ernennt die Vorsitzenden und die Mitglieder der Ständigen Kommissionen, zum Beispiel für Finanzen und für Medizin. Es besetzt aber auch Rechtsorgane wie zum Beispiel die Ethikkommission, die sich um Betrugsvorwürfe kümmert. Bis 2011 bestimmte das Exekutivkomitee den Ort und die Daten der Fußball-Weltmeisterschaften.

Verdacht

Am Prinzip wurde erst gerüttelt, als zehn Mitglieder des Exekutivkomitees unter Korruptionsverdacht standen. Einige wurden suspendiert, andere lebenslang gesperrt - wie im Juli 2011 Fifa-Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam aus Katar. Die Ethikkommission sah es als erwiesen an, dass er Stimmen für seine Wahl zum Fifa-Chef kaufen wollte - bin Hammam bestritt das. Fifa-Vize Jack Warner trat bereits im Juni 2011 von allen Ämtern zurück, die eingeleiteten Verfahren wurden damit einfach beendet.

Präsident

Seit 1998 steht der Schweizer Joseph Blatter an der Spitze der Fifa. Bei den beiden letzten Wahlen hatte er keinen Gegenkandidaten. Trotz der Korruptionskrise wurde Blatter Anfang Juni 2011 mit großer Mehrheit wiedergewählt - 186 der 203 abstimmenden Delegierten votierten für ihn. Allein schon eine Verschiebung dieser Wahl zur Klärung aller Vorwürfe wäre schwierig geworden. Denn dafür ist eine Dreiviertel-Mehrheit der 209 Mitgliedsverbände nötig.

Aufgaben

Der Präsident führt nicht nur die Kongressverhandlungen. Über das Exekutivkomitee, das er einberuft und leitet, hat er ebenfalls große Machtfülle. Bei Patt-Situationen in Abstimmungen gibt seine Stimme den Ausschlag. Auf Vorschlag des Präsidenten ernennt und entlässt das Exekutivkomitee auch den Generalsekretär, der die Verwaltung der Fifa leitet. Um den Präsidenten zu zwingen, eine außerordentliche Sitzung einzuberufen, müssen sich mindestens 13 der 24 Mitglieder auf einen Antrag dafür einigen.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

18.07.2012, 18:37 Uhr

Einmal mehr ist Uli Hoenes derjenige, der Rückgrat zeigt und klare Ansagen macht. Na ja, Rauball ist auch mal dabei; besser, als gar nichts!

Ich bin stolz darauf, dass dieser widerlich korrupte Sack Blatter in deutschen Stadien ausgepfiffen wird. Theo Zwanziger hat schon eine beachtliche Lernkurve hingelegt, hat er sich doch gerade einmal mehr als Blatter-Fan geoutet und findet jetzt alles wieder ganz prima. Was so ein Sessel am Napf und ein paar Bündel Schweizer-Fränkli (im Gegensatz zum Euro-Klopapier) so alles bewirken können...

JAP27

18.07.2012, 19:33 Uhr

Wie sieht eiegnetlich der Ethik-Codex und wie sehen die Compliance-Richtlinien der deutschen Sport- und Fußball verbände aus ?? - Gibt es die überhaupt und wenn ja, ist es dann erlaubt einem imnternationalen Verband anzugehören der so undemokratisch und undurchsichtig agiert und strukturiert ist ? Durch wen ist dieser Verband eigentlich in seinem Handeln (demokratisch!!!)legitimiert ?

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