Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.06.2015

11:53 Uhr

Verhaftete Fifa-Funktionäre in Angst

Bitte bloß keine Abschiebung in die USA!

VonHolger Alich

Adieu, Zimmerservice, adieu, Wolfsbarsch-Filet: Die sieben festgenommenen Fifa-Funktionäre wurden unsanft aus ihren Luxus-Suiten in die Auslieferungshaft verlegt. In ihrer tristen Bleibe könnten sie noch lange schmoren.

Jerome Valcke

Fifa-Generalsekretär im Visier der Ermittler

Jerome Valcke: Fifa-Generalsekretär im Visier der Ermittler

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

ZürichWie wäre es mit „Turbot de linge sauvage de l’atlantique“ (Rückenfilet vom Steinbutt) für 102 Franken oder „Bar de linge de l’ile d’Yeu de Laurent Eperon (gebratenes Filet vom wilden Wolfsbarsch) für 74 Franken?

Von solchen Köstlichkeiten, wie sie das Restaurant „Pavillon“ im Zürcher Fünf-Sterne-Hotel „Baur au lac“ anbietet, können Rafael Esquivel, Eugenio Figueredo, Eduardo Li, José Maria Marin, Julio Rocha, Jeffrey Webb und Costas Takkas jetzt nur noch träumen. Im Gefängnis stehen ihnen jetzt nur Mahlzeiten pro Tag im Gesamtwert von 15 Franken zu - etwa Kartoffelbrei und Rindsgulasch.

Seit Mittwoch sitzen die Fifa-Funktionäre in Zürcher Gefängnissen und kämpfen gegen ihre Auslieferung an die USA. Laut dem Bundesamt für Justiz hat nur einer der sieben Inhaftierten seine Bereitschaft signalisiert, sich dem vereinfachten Verfahren zu unterwerfen, was eine schnelle Auslieferung bedeuten könnte.

Die Anklagepunkte gegen die Fifa-Funktionäre

Copa Americà

1986 erwirbt das Unternehmen Traffic Brazil die weltweiten Vermarktungsrechte für die Südamerika-Meisterschaft. Fünf Jahre später fordert CONMEBOL-Präsident Nicolas Leoz für eine Vertragsverlängerung eine sechsstellige Summe an Schmiergeld. Ein namentlich nicht genannter Mitverschwörer (#2) veranlasst die Zahlung einer sechsstelligen Summe in US-Dollar auf ein Konto, das Leoz zugeschrieben wird. Bis 2011 erhält Leoz Zahlungen für jede Auflage des Turniers, diese erhöhen sich jedes Mal und erreichen einen Millionenbetrag. Für die weltweiten Vermarktungsrechte der vier Copa Americas von 2015 an werden bereits insgesamt Schmiergelder in Höhe von 110 Millionen an elf CONMEBOL-Offizielle vereinbart.

Gold Cup

Mit Hilfe des gleichen Mit-Verschwörers (#2) wird ein System wie bei der Copa America aufgebaut. Traffic USA erwirbt von 1996 an für fünf Auflagen auch die Vermarktungsrechte der Nord- und Mittelamerika-Meisterschaft. Bis zum Turnier 2003 fließen Hunderttausende Dollar an Schmiergeldzahlungen an CONCACAF-Präsident Jack Warner. Diese werden ebenfalls versucht, über Mittelsmänner zu verschleiern. Warners Nachfolger Jeffrey Webb erhält 1,1 Millionen für seine Zusage der Rechte am Gold Cup und CONCACAF Champions League 2012 an Traffic USA. Für die Turniere im folgenden Jahr sind es bereits zwei Millionen.

Copa Libertadores

Rund um 2000 hält Leoz auch hier die Hand auf und bekommt von einem Mit-Verschwörer (#5) einer Sport-Marketing-Agentur Schmiergeld- und Kickback-Zahlungen für die Werberechte an der südamerikanischen Vereins-Königsklasse. 2006 weist Leoz #5 an, aus dem Werbekontrakt mit dem CONMEBOL mehr als zwei Millionen US-Dollar auf persönliche Konten in Schweiz und Paraguay zu lenken.

Brasilianische Nationalmannschaft

Ein multinationaler Sport-Ausrüster aus den USA erwirbt 1996 die Ausrüsterrechte für zehn Jahre für 160 Millionen US-Dollar. Der Ausrüster stimmt zu, weitere 40 Millionen an eine Tochter von Traffic Brasil zu zahlen. Die Hälfte fließt als Schmiergeld von Mit-Verschwörer (#2) an eine weitere namentlich nicht genannte Person. 2002 wird der Ausrüstervertrag vorzeitig aufgelöst.

WM-Vergabe 2010

CONCACAF-Präsident Warner berichtet einem Mitverschwörer, dass hohe FIFA-Offizielle, die südafrikanische Regierung und das südafrikanische Bieter-Komitee bereit seien, eine Zahlung von Südafrikas Regierung in Höhe von 10 Millionen Dollar an den CFU zu arrangieren. Diese soll „die afrikanische Diaspora unterstützen“. Mitverschwörer #1 versteht, dass Warner, er selbst und Mitverschwörer #17 für Südafrika als Gastgeber der WM 2010 stimmen sollen. Warner deutet an, dass er das Angebot akzeptiert und sagt Mitverschwörer #1 zu, eine Million Dollar weiterzureichen.

Die südafrikanische Regierung soll die Zahlungen daraufhin jedoch nicht direkt aus Regierungstöpfen vornehmen können. In drei Margen weist ein hochrangiger FIFA-Funktionär an, dass zehn Millionen Dollar von einem FIFA-Konto in der Schweiz auf ein US-Konto fließen. Das Geld landet schließlich auf Konten im Namen der Karibischen Fußball-Union CFU und CONCACAF, kontrolliert von Warner, in Trinidad und Tobago. Durch Geldwäsche bei Mittelsmänner fließen Teile des Geldes schließlich zu Unternehmen in Trinidad und Tobago sowie Warners Privatkonten. Mit-Verschwörer #1 erhält mehr als 750.000 Euro von Warner.

Fifa-Präsidentschaftswahl 2011

Mit-Verschwörer #7, ein hoher Funktionär der FIFA und des asiatischen Verbands AFC, erklärt 2011 seine Kandidatur für das FIFA-Präsidentenamt. Ende April fließen 363 537,98 Dollar von einem Konto, das Mit-Verschwörer #7 kontrolliert auf ein Konto des CFU, das Warner kontrolliert. Im Mai stellt #7 den CFU-Verbänden seine Kandidatur vor, Warner sagt den Funktionären, dass sie sich ein „Geschenk“ abholen könnten. Die Repräsentanten erhalten jeweils einen Umschlag mit 40 000 US-Dollar. Nachdem das System aufliegt und Warner von seinen Posten zurücktritt, veranlasst Mit-Verschwörer #7 eine Zahlung von mehr als 1,2 Millionen Dollar auf ein Konto, das Warner kontrolliert.

In welchem Knast die Funktionäre sitzen, verraten die Schweizer Behörden nicht. „Die Angeschuldigten befinden sich an verschiedenen Standorten im Kanton Zürich“, erklärt die Sprecherin des Zürcher Amts für Justizvollzug. Doch klar ist, dass die kleinen Zellen für die komfortverwöhnten Fußball-Funktionäre eine Qual sein müssen.

„In der Regel ist um 7 Uhr Tagwache“, so die Sprecherin. Gefrühstückt wird dann in der Zelle, die die Insassen auch selbst sauber halten müssen. Adieu, Zimmerservice. Auch das Klo befindet sich in der Zelle. „Bis 11.15 Uhr wird gearbeitet, entweder in Arbeitsräumen oder auf der Zelle“, so die Sprecherin weiter.

Was hat er gewusst?

Blatter zu Schmiergeldzahlungen: „Ich war es definitiv nicht!“

Was hat er gewusst?: Blatter zu Schmiergeldzahlungen: „Ich war es definitiv nicht!“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die Häftlinge tüten Werbe-Sendungen ein oder falten Pappkartons. Unterbrochen wird die Arbeit durch einen einstündigen Spaziergang auf dem Gefängnisgelände. Ist keine oder zu wenig Arbeit vorhanden, müssen die Häftlinge zwei Drittel des Tages in ihren Zellen verbringen.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Fritz Yoski

02.06.2015, 13:46 Uhr

"Adieu, Zimmerservice, adieu, Wolfsbarsch-Filet: ..."
Dafuer gibt es im US Knast "erotische Erlebnisse" in der Gemeinschaftsdusche. Tja, dumm gelaufen.

Herr Marc Otto

02.06.2015, 14:43 Uhr

Ist der FIFA-Skandal wegen Israel?
Donnerstag, 28. Mai 2015 , von Freeman um 09:00

Beim aktuellen Angriff auf die FIFA geht es nicht wirklich um Korruption. Die US-Justiz hat die Verhaftung der sieben FIFA-Funktionäre deshalb bei den Schweizer Behörden angeordnet, wegen der Abstimmung über die Aussetzung oder den Ausschluss von Israel. Ist es nicht interessant, wie Reporter der New York Times wieder vorab über die Verhaftung informiert wurden, deshalb Vorort waren und die Szene fotografiert haben? Die FIFA-Delegierten sollten am Freitag anlässlich ihres 65. regulären Weltkongress auch das Thema "Aussetzung oder den Ausschluss von Mitgliedern" behandeln und darüber entscheiden, denn der palästinensische Fussballverband hat die FIFA gebeten, über die Aussetzung Israels zu stimmen.

Herr Fritz Yoski

02.06.2015, 15:20 Uhr

Kann stimmen oder auch nicht. Mein Mitgefuehl fuer die Betroffenen haelt sich in engen Grenzen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×