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02.11.2015

09:01 Uhr

Videobeweis muss her

Die schlimmsten Fehler der Schiedsrichter im Fußball

VonThomas Schmitt

Profifußball ist ein knallhartes Geschäft. Es geht für Spieler und Klubs um Millionen. Da ist Fußballromantik fehl am Platz. Schiedsrichter-Fehler müssen mit bester Technik begrenzt werden – um Manipulation vorzubeugen.

Schiedsrichter Manuel Gräfe (zweiter von rechts) hat im Spiel Wolfsburg gegen Leverkusen eine folgenschwere Fehlentscheidung getroffen. Die Proteste der Leverkusener halfen nichts, er entschied auf Tor und musste sich hinterher entschuldigen. ap

Manuel Gräfe

Schiedsrichter Manuel Gräfe (zweiter von rechts) hat im Spiel Wolfsburg gegen Leverkusen eine folgenschwere Fehlentscheidung getroffen. Die Proteste der Leverkusener halfen nichts, er entschied auf Tor und musste sich hinterher entschuldigen.

DüsseldorfDer moderne Fußball ist derart schnell geworden, dass das menschliche Auge gelegentlich versagt. Schiedsrichter Manuel Gräfe passierte das am Samstag im Spiel Wolfsburg gegen Leverkusen. Er schätzte einen Pass falsch ein und ließ das Spiel weiterlaufen – gegen den Rat seines Linienrichters. Wolfsburg schoss ein irreguläres Abseitstor, das er jedoch gab.

Die Aufregung war gewaltig. Denn Wolfsburg gewann am Ende mit 2:1 – in gewisser Weise war die Situation also spielentscheidend. „Ich nehme das auf meine Kappe. Das war mein Fehler, ein Wahrnehmungsfehler. Es tut mir leid, die Leverkusener können zurecht sauer sein“, entschuldigte sich Gräfe hinterher.

Es war nicht der einzige folgenschwere Fehler eines Schiedsrichters in den vergangenen Wochen. Vielen Fußballfans ist noch gut das Hand-Tor im Spiel Köln gegen Hannover in Erinnerung. Die meisten Zuschauer sahen es, nur der Schiedsrichter nicht. Der fragte hinterher nicht einmal den betroffenen Spieler.

Krasse Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern

31. Oktober 2015: VfL Wolfsburg – Bayer Leverkusen

Das Führungstor der Gastgeber durch Nicklas Bendtner resultierte aus dem Fehler von Schiedsrichter Manuel Gräfe, der nicht auf eine von seinem Assistenten angezeigte Abseitsposition reagierte. Gräfe hatte angenommen, dass ein Pass auf Tor-Vorlagengeber Vieirinha vom Leverkusener Kevin Kampl kam. Allerdings war André Schürrle zuletzt mit dem Fuß am Ball. Wolfsburg siegt am Ende 2:1

31. Oktober 2015: 1. FC Köln – Hoffenheim

Hoffenheims Abwehrspieler Tobias Strobl spielt nach einem Kopfball von Anthony Modeste (57.) den Ball im Strafraum mit der Hand. Für fast alle im Stadion war das Vergehen klar ersichtlich – außer offenbar für Schiedsrichter Günter Perl. „Mehr Hand geht nicht. Aus 50 Metern habe ich es gesehen“, sagte Kölns Trainer Peter Stöger nach dem 0:0. „Hand wird in Köln etwas anders bewertet, ist o.k. so. Darauf werden wir uns einstellen und bald auch etwas mehr mit der Hand spielen.“

18. Oktober 2015: 1. FC Köln – Hannover 96

Durch eines der klarsten Hand-Tore der Bundesliga-Geschichte hat der 1. FC Köln die erste Heimniederlage seit mehr als zehn Monaten kassiert. „Volleyballer“ Leon Andreasen hatte den Ball aus drei Metern mit dem rechten Arm über die Linie geschlagen. Schiedsrichter Bastian Dankert und seine Assistenten hatten dies im Gegensatz zu den meisten der 48.700 Zuschauer nicht gesehen.

12. September 2015: Bayern München – FC Augsburg

Schiedsrichter Knut Kircher (Rottenburg) schenkt dem Bayern München in der 90. Minute einen Foulelfmeter zum 2:1-Sieg gegen den FC Augsburg. Auch Kircher selbst hatte im Nachhinein eingeräumt, dass ihm und seinen Assistenten ein Fehler unterlaufen war.

21. Oktober 2014: Schalke – Sporting Lissabon

Der russische Schiedsrichter Sergej Karassew entschied in der Nachspielzeit nach einem Kopfball Huntelaars ins Gesicht von Jonathan Silva auf Drängen seines Torrichters fälschlicherweise auf Elfmeter. Eric Maxim Choupo-Moting verwandelte den Strafstoß zum Schalker Siegtor (90.+3). „Erst habe ich gedacht, was wäre Hand“, berichtete Huntelaar, „dann habe ich im Fernsehen gesehen, dass es Kopf war.“

14. September 2014: FC Augsburg – Eintracht Frankfurt

Erst übersah er einen glasklaren Foulelfmeter, dann bewies Schiedsrichter Manuel Gräfe (Berlin) Größe. „Er ist zu mir gekommen und hat sich dafür entschuldigt. Herr Gräfe sagte, dass es ein klarer Elfmeter gewesen war. Ich finde gut, dass er so klar Stellung bezogen hat“, sagte Trainer Thomas Schaaf vom Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt nach dem 0:1 gegen den FC Augsburg am Sonntag.

22. Juni 2014: Belgien - Russland

Geheimfavorit Belgien erreichte vorzeitig das Achtelfinale der WM in Brasilien: durch ein 1:0 (0:0) gegen Russland. Die Belgier profitierten von einem Fehler des deutschen Schiedsrichters Felix Brych: Er verweigerte den Russen einen Elfmeter (27.).

13. Juni 2014: Brasilien – Kroatien

Der Brasilianer Fred provoziert nach einer Berührung an der Schulter des Kroaten Dejan Lovren theatralisch einen Strafstoß. Ex-Schiedsrichter Urs Meier im ZDF: „Ein Schiedsrichter auf Weltklasseniveau hätte das sehen müssen.“ Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Bernd Heynemann bei Sport1: „Da braucht man keine Zeitlupe", um die Unrechtmäßigkeit des Elfmeters, den Neymar zum 2:1 nutzte (71.), zu erkennen.

17. Mai 2015: Borussia Dortmund – Bayern München

Schiedsrichter Florian Meyer gibt ein klares Tor von Mats Hummels im DFB-Pokalfinale gegen Bayern München (0:2 n.V.) in der regulären Spielzeit nicht. „Ich werfe ihm aufgrund der deutlichsten Fehlentscheidung persönlich gar nichts vor, aber dass er offenbar nicht das Mindestmaß an Respekt vor dem BVB hat und sich nicht einmal bei den Spielern entschuldigt, ärgert mich sehr“, sagte Borussia-Chef Watzke der Sport Bild.

18. Oktober 2013: Hoffenheim – Bayer Leverkusen

Stefan Kießling schießt in Sinsheim an Außennetz, der Ball landet jedoch durch ein Loch im Tor. WM-Schiedsrichter Felix Brych aus München erkannte das Phantom an. Als Folge der Fehlentscheidung wurde die Einführung der Torlinientechnik beschlossen, die beim Pokalfinale ihre Premiere in Deutschland feiern soll.

November 2009: Frankreich – Irland

In der Verlängerung besorgte der französische Verteidiger William Gallas den Ausgleichstreffer zum 1:1 – und sicherte seinem Team damit die Teilnahme an der WM 2010 in Südafrika, während Irland aus dem Wettbewerb flog. Den Treffer leitete Stürmer Thierry Henry jedoch irregulär mit einem Handspiel ein, was er später freimütig zugab. Die Fifa hat dem irischen Verband als Entschädigung für den WM-Einzug 2009 einen Kredit über fünf Millionen Dollar (rund 4,4 Millionen Euro) gewährt. Das räumte der Weltfußballverband ein.

Irren ist menschlich, und selbst vier Schiedsrichter sehen auf einem großen Spielfeld nicht alles. Ganz anders geht dies heutzutage jedoch Millionen Fans vor den Fernsehern. Da jedes Bundesliga-Spiel von Dutzenden Kameras verfolgt wird, kann jede strittige Situation sofort aus mehreren Perspektiven ausgeleuchtet werden.

Damit wissen die Zuschauer vor den Fernsehern und in den Logen des Stadions umgehend genau Bescheid, zumal in der Regel noch ein Experte, oft ein ehemaliger Schiedsrichter, sofort eingeblendet wird mit einer ersten Einschätzung. Nur die Person, die Entscheidungen auf dem Platz fällt, bleibt oft bis zur Halbzeit im Dunkeln.

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Hannover gelingt im Nordduell gegen den Hamburger SV die Wende und sichert sich damit drei wichtige Punkte im Abstiegskampf. Beim zweiten Sonntagsduell in Stuttgart sorgt ein Darmstädter Eigentor für den VfB-Sieg.

Warum also wird die vorhandene Technik nicht eingesetzt, um strittige Entscheidungen im Stadion sofort zu lösen? Für alle Beteiligten geht es schließlich um viel: Fußball ist heutzutage ein Millionengeschäft, sowohl für Spieler und Vereine genauso wie für TV-Sender und den Fußballverband. Alle leben von Fans, die das Spiel lieben und viel Geld für ihre Idole ausgeben. Fehlentscheidungen will eigentlich niemand.

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Dennoch melden sich immer die Fußballromantiker – mit zum Teil merkwürdigen Argumenten. „Wir haben in der Bundesliga mit die besten Schiedsrichter der Welt. Aber es sind eben auch Menschen, die mal einen Fehler machen können“, meint Dirk Schuster, Trainer von Darmstadt und folgert dann unverständlicherweise: „Wir sollten nicht allzu viel am Fußball rumdoktern.“

Kommentare (2)

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Herr Josef Monschau

02.11.2015, 12:27 Uhr

Vermutlich gibt es deswegen (noch) keine Kommentare, weil mit dem guten Artikel alles gesagt ist. Darüber hinaus vermute ich wird es bald mal eine Zeitregel wie beim Basketball oder Handball notwendig, um dieses (spanische) Geschiebe mal zu beenden. Mein einfacher Vorschlag: Rückpass mit dem Fuß in die eigene Hälfte wird verboten. Gruß an alle "Bewahrer" !

Herr Bernhard Ramseyer

02.11.2015, 18:22 Uhr

Nach einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters nützt hinterher die Entschuldigung nichts mehr. Es gibt keinen Bonuspunkt oder ein Ersatzspiel,
das Spiel wurde durch Fehlentscheidungen verpfiffen.

Wer gegen die beste Technik ist, bei dem handelt es sich nicht um einen Fußballromantiker sondern schon eher um den Anhänger der Fußball- und TOTO-Manipulation.

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