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09.03.2013

08:48 Uhr

Vor dem Derby

Wie unerschrockene Schalke-Fans in Dortmund leben

Mitten in der Heimat ihres Rivalen Borussia Dortmund leben die Mitglieder des Schalke-Fanclubs „Blau-Weißer Stachel“. Das Revierderby ist der Höhepunkt der Saison. Für den Gegner gibt es auch Lob.

Hilmar-Roger Schmülling ist der Sprecher des Schalke-Fanclub «Blau Weißer Stachel» aus Dortmund. Vor elf Jahren wurde der Fanclub in der BVB-Hochburg Dortmund gegründet. dpa

Hilmar-Roger Schmülling ist der Sprecher des Schalke-Fanclub «Blau Weißer Stachel» aus Dortmund. Vor elf Jahren wurde der Fanclub in der BVB-Hochburg Dortmund gegründet.

DortmundMitten in Dortmund sitzt der Schalker Stachel. Vor elf Jahren hat Ralf Barsmann den Fanclub „Blau-Weiße Stachel“ in der BVB-Hochburg gegründet - trotz der ausgeprägten Rivalität der beiden großen Revier-Vereine. In Gelsenkirchen geboren, wuchs er im Emsland auf, bevor er aus beruflichen Gründen ins Ruhrgebiet zurückkehrte.

Nach Dortmund, ausgerechnet! 80 Mitglieder der aufrechten „Königsblauen“ fiebern in der Heimat der Schwarz-Gelben dem Ruhrderby an diesem Samstag (15.30 Uhr) auf Schalke entgegen. „Da steigt der Blutdruck und die Spannung wächst“, sagt Stachel-Sprecher Hilmar-Roger Schmülling.

Eine Chronologie des Rassismus

6. Januar 2012

Im Regionalliga-Spiel zwischen Eintracht Trier und den Sportfreunden Lotte beleidigen Spieler aus Lotte die dunkelhäutigen Trierer Jeremy Karikari und Marc Gouiffe á Goufan aufs Heftigste, Worte wie „Affenkind“ und „Neger“ fallen. Das DFB-Sportgericht verhängt schließlich zwei Strafen á drei Spiele: Lottes Spieler Martin Hess muss aufgrund rassistischer Beleidigungen pausieren, der Trierer Karikari, weil er Hess nach dem Spiel geohrfeigt hat.

8. Januar 2012

Liverpool-Fans im Suarez-Trikot beleidigen Oldham-Akteur Tom Adeyemi. Den treffen die rassistischen Gesänge so hart, dass er in Tränen ausbricht. Pikantes Detail: Suarez selbst hatte erst kurz davor United-Spieler Patrick Evra als „Neger“ beschimpft. Für seine verbale Entgleisung musste er acht Spiele zuschauen.

2. Februar 2012

Zwei Spieler des Oberligisten Göttingen rufen ihrem Gegenspieler „Verpiss dich, du schwarzes Schwein! zu. Die Folge: Drei Monate Sperre für beide Akteure.

8. Februar 2012

Die rassistischen Beleidigungen von John Terry gegen Anton Ferdinand halten die englische Fußballwelt auch 2012 in Atem. Erst muss Terry sein Amt als Kapitän abgeben, dann tritt Nationaltrainer Capello zurück: Der Coach war mit der Entscheidung des 14-köpfigen Exekutiv-Komitees nicht einverstanden und schmiss hin.

15. Februar 2012

Schauplatz Italien: Top-Klub Juventus Turin muss sich für die rassistischen Schmähgesänge seiner Fans im Pokalspiel gegen den AC Mailand verantworten. Der italienische Fußballverband verdonnert die alte Dame zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro.

17. Februar 2012

Schauplatz Portugal: Beim Europa-League-Auswärtsspiel von Manchester City werden Mario Balotelli und Yaya Touré von den Fans des FC Porto mit Affenlauten bedacht. Die Engländer erstatten Anzeige, die Uefa verhängt eine Strafe von 20.000 Euro. Beschämend: Portos Sprecher Rui Cerqueira erklärte die Rufe mit Anfeuerungsrufen für die portugiesischen Spieler Hulk und Kun Agüero. „Kun, Kun, Kun; Hulk, Hulk, Hulk. Das kann doch leicht als rassistisch missverstanden werden!“

20. März 2012

Der ehemalige Hertha-Profi Christopher Samba wird im Ligaspiel seines Klubs Anschi Machatschkala gegen Lokomotive Moskau von einem VIP-Besucher mit einer Banane beworfen. Kommentar aus Moskau: Bei uns ist nichts passiert. Unsere Fans haben sich vorbildlich verhalten.

10. Mai 2012

Im Vorfeld der EM in Polen und der Ukraine meldet sich Jan Tomaszewski mit nationalistischen Tönen zu Wort: „Ich will nicht, dass Franzosen und Deutsche das polnische Trikot tragen, die bereits für diese Länder gespielt haben, es nicht ins A-Team geschafft haben und jetzt die Plätze unseren wahren Polen wegnehmen“, so der ehemalige Nationaltorhüter.

8. Juni 2012

Währen der Europameisterschaften 2012 kommt es beim ersten öffentlichen Training der holländischen Nationalmannschaft in der Ukraine zu einem rassistischen Zwischenfall. Affenlaute begleiteten das Training. Ukraines Ministerpräsident dementierte, es gäbe in seinem Land keinen Rassismus. Als nur einen Tag später Tschechiens Nationalspieler Theodor Gebre Selassie während eines Gruppenspiels gegen Russland ebenfalls mit Affenlauten verhöhnt wurde, griff die UFEA ein. Sie verurteilte den russischen Fußballverband zu einer Strafzahlung von 120.000 Euro und einem Punktabzug von sechs Zählern für die kommende EM.

16. Juni 2012

Ein weitere Zwischenfall während der EM. Im Gruppenspiel zwischen Kroatien und Italien wurde Mario Balotelli von kroatischen Fans mit Bananen beworfen, begleitet von Affenlauten. Uefa-Präsident geriet angesichts dieses Verhaltens derart in Rage, dass er die Rassisten in einem Interview als „Arschlöcher“ bezeichnete. Der kroatische Verband wurde zu einer Strafe von 80.000 Euro verurteilt.

27. Juni 2012

Vier Tage vor dem EM-Finale zwischen Italien und Spanien erlaubte sich die italienische Zeitung "Gazzetta dello Sport" einen Schnitzer. In einer Karikatur war Stürmer Mario Balotelli als King Kong auf dem Londoner Big Ben zu sehen. Das Sportblatt entschuldigte sich jedoch umgehend bei seinen Lesern. "Wir können ehrlich zugeben, dass es nicht einer der besten Einfälle unserer großartigen Karikaturisten gewesen ist."

21. August 2012

Affenlaute schallten auch Dresdens Spieler Mickaël Poté beim Pokalspiel gegen dem Chemnitzer FC entgegen. Es wehrte sich allerdings auf dem Platz und zog die Äußerungen der rassistischen Fußballfans mit hämischen Applaus und überzogene Affengesten ins Lächerliche. Chemnitz wurde zu einer Strafzahlung von 25.000 Euro verurteilt.

2. September 2012

In Frankreich machte Ryad Boudebouz, Spieler des Erstligisten FC Sochaux, traurige Bekanntschaft mit debilen Ausrufen rassistischer Zuschauer. Im Match gegen HSC Montpellier warfen "Fans" aus dem eigenen Lager dem Fußballer Sprüche wie "hau ab, dreckiger Araber" entgegen.

20. September 2012

Chelsea-Spieler John Obi Mikel schließt sein Profil bei der Kommunikationsplattform Twitter. Nach einem spielentscheidenden Fehler im Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin war er anschließend dort von rassistischen Beleidigungen überschwemmt worden.

21. September 2012

Affenlaute verunglimpften die Tottenham Hotspur-Spieler Jermain Defoe, Aaron Lennon und Andros Townsend während des Europa-League-Spiels gegen Lazio Rom. Der italienische Verein wurde anschließend zu einer Strafe von 40.000 Euro verdonnert.

21. September 2012 (2)

Spieler von FK Sarajevo wurden im Europa-League-Spiel gegen Lewski Sofia verunglimpft. Zuschauer aus Sofia verhöhnten die Fußballer mit rassistischen Ausrufen und Bannern. Das idiotische Verhalten der Stadionbesucher zog eine Strafe in Höhe von 30.000 Euro für Lewski Sofia nach sich.

14. Oktober 2012

In Asien ließen sich sogar Funktionäre des Fußballs zu rassistischen Beleidigungen hinreißen. Nach einem Spiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate, wurden die gegnerischen Spieler in einem Spielbericht, der aus der Website des asiatischen Verbands veröffentlicht wurde, als "Sandaffen" bezeichnet.

16. Oktober 2012

Und schon wieder beschämende Affenlaute: Diesmal beleidigen serbische Zuschauer beim Playoff-Spiels für die U-21-EM zwischen Serbien und England den dunkelhäutigen englischen Verteidiger Danny Rose. Der Verband verhängt eine Strafe über 80.000 Euro. FA-Generalsekretär Alex Horne zeigt sich enttäuscht. Ende 2012 dann noch einmal eine Wende. Die UEFA legt Berufung gegen die Entscheidung ihrer eigenen Kontroll- und Disziplinarkammer ein und setzt damit ein Zeichen.

30. Oktober 2012 (1)

Die Rassistischen Gesänge seiner Fans im Ligaspiel gegen Udinese Calcio kommen den AS Rom teuer zu stehen: Der Verein wird zu einer Zahlung von 20.000 Euro verurteilt.

30. Oktober 2012 (2)

Während seiner Leitung des Premier-League-Spiels FC Chelsea gegen Manchester United soll Schiedsrichter Mark Clattenburg die Spieler vom FC Chelsea Juan Mata (Spanien) und John Ob Mikel (Nigeria) angeblich rassistisch beleidigt haben. Mikel beschimpfte und bedrohte daraufhin den Unparteiischen in der Kabine. Während Clattenburg später vollständig freigesprochen wurde, gab es für den nigerianischen Nationalspieler Mikel ein Sperre für drei Spieltage und ein saftige Geldstrafe in Höhe von 75.000 Euro.

7. November 2012

Besonders schlimm ist es, wenn schon Teenager Spieler mit rassistischen Beleidigungen eindecken. So geschehen im Spiele zwischen FC Millwall und Bolton Wanderers. Ein 13-jähriger Junge verhöhnte Bolton-Fußballer Marvin Sordell. Der kleine Rassist wurde daraufhin mit einem Stadionverbot bestraft. Außerdem bot der FC Millwall dem Teenager einen Platz in einem Bildungprogramm an. Der Junge zeigte sich beeindruckt. Er entschuldigte sich mit einem Brief bei Marvin Sordell.

6. Dezember 2012

Die ausstehende Bestrafung des türkischen Nationalspielers Emre könnte Signalwirkung bekommen. Der bereit 2007 auffällig gewordene Spieler, soll 2012 Didier Zokora von Trabzonsspor fremdenfeindlich beschimpft haben. Die Istanbuler Staatsanwaltschaft fordert deswegen eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren.

9. Dezember 2012

Im walisischen Swansea kommt es noch während des Premier-League-Spiels zwischen den Vereinen Swansea City und Norwich City mithilfe von Stadionkameras zur Festnahme eines Swansea-Fans. Der Norwich-Spieler Sébastien Bassong (spielt auch in der Kameruner Nationalmannschaft) wies Schiedsrichter Howard Webb zuvor auf eine rassistische Attacke gegen ihn hin.

3. Januar 2013

Kevin-Prince Boateng sorgte mit seinem Verlassen des Platzes im Testspiel gegen den italienischen Viertligisten Pro Patria für Aufsehen. 26 Minuten tat sich Mailands Spieler die rassistischen Beleidigungen an, danach war Schluss. Wütend schoss er den Ball in die Zuschauermenge und ging, begleitet von seinen Mannschaftskammeraden, wütend vom Platz. Für seine mutige Reaktion erntete Boateng viel Lob. Auf Druck von Medien im In- und Ausland stellte sich einer der rassistischen Chaoten einen Tag nach dem Spiel.

29. Januar 2013

Während eines niederländischen Pokalspiels diskriminierten Fans des FC Den Bosch den Alkmaar-Spieler Jozy Altidore. Sie beleidigten den US-Stürmer mit Affengesängen und rassistischen Äußerungen. In der 55. Minute, als auch noch Schneebälle auf den Linienrichter geworfen wurden, brach der Schiedsrichter das Spiel ab. Schon zuvor hatte der Unparteiische die Partie offenbar unterbrechen wollen, doch Altidore bestand darauf, weiterzuspielen.

30. Januar 2013

Der japanische Fußballprofi Yuki Nakamura floh wegen rassistischer Beleidigungen seitens Fans vom slowakischen Erstligisten Rimavska Sobota zurück in seine Heimat. Klubanhänger hätten vor und nach den Spielen Nakamuras Namen gerufen und ihm ihre Mittelfinger entgegen gestreckt.

Bei jedem Heimspiel in der Arena in Gelsenkirchen weist ein riesiges Banner darauf hin, dass in der Stadt des Widersachers BVB Unerschrockene zu Hause sind. Der Stachel als kleiner Piekser im Fleisch der großen BVB-Familie.

Als Club-Logo haben Ralf Barsmann und seine Mitstreiter eine Hornisse gewählt. Schmülling spricht von rund 900 Menschen, die es wagen, in der schwarzgelben Stadt königsblaue Sympathien zu zeigen.
Einmal im Jahr würden die Dortmunder S04-Anhänger ihr Heimspiel in der Schalke-Arena richtig auskosten.

Beim Rückspiel müssen sie sich ganz besonders warm anziehen, denn dann werden sie von ihren Dortmunder Freunden und Arbeitskollegen als „Die aus Herne-West“ verspottet. Leider werde, so Schmülling, die rein verbale Ebene aber oft verlassen. „Als Schnittstelle gelebter Emotionen haben wir da eine gewisse Verantwortung“, sagt Schmülling.

Trotzdem leuchtet am Samstag auf Schalke nicht nur das Flutlicht: Auch bei den Sicherheitsbehörden sind alle Alarmlampen an. Ziemlich groß ist die Furcht, dass die schönste Nebensache der Welt im Ruhrgebiet plötzlich eine hässliche Wendung erfahren und es wieder einmal zu Ausschreitungen kommen könnte. Die Polizei in Gelsenkirchen hat sich wie immer in Absprache mit den Dortmunder Beamten und der Bundespolizei intensiv auf das „Spiel des Jahres“ vorbereitet. 7.000 BVB-Fans werden in der ausverkauften Arena erwartet. Man ist gewappnet.

Kommentare (1)

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RuhrpottHochdeutschBvB04S09

09.03.2013, 12:20 Uhr

Was ist daran eigentlich unerschrocken andere Farben zu hofieren?

Jedem das Seine und manchen Irren das Ihre auf politischer Bühne. Dieser Art gibt es mehr davon in getreuer, linienartiger Form auf ganz anderen Feldern und davon weiß man in Dortmund, jeden Tag davon erfahren zu dürfen. Ungewollt.

Neueste Wortschöpfung, wenn nichts mehr geht: freundlich gelebte Feindschaft, hätte auch andersherum genauso nichtssagend gegolten, feindlich gelebte Freundschaft. HUhu.

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