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18.12.2013

14:11 Uhr

Weltmeister in Wettskandal verwickelt

„Dann bleibt mir nur mich umzubringen“

VonTom Mustroph

In Italien nimmt der Wettbetrugsskandal immer größere Dimensionen an: Vermutlich haben die Hintermänner der manipulierten Spiele der Serie A sogar die WM im Visier. Mittendrin im Skandal: Italiens Weltmeister Gattuso.

Gennaro Gattuso: „Wer mich kennt, weiß doch, dass ich nicht einmal ein Trainingsspiel verlieren kann.“ dpa

Gennaro Gattuso: „Wer mich kennt, weiß doch, dass ich nicht einmal ein Trainingsspiel verlieren kann.“

Italiens Weltmeister Gennaro Gattuso kann es nicht fassen. Der einstige Kampfterrier im Mittelfeld steht im Mittelpunkt einer neuen Episode der Wettbetrugssaga im italienischen Fußball. „Niemals in meinem Leben habe ich darüber nachgedacht, ein Spiel zu manipulieren. Wer mich kennt, weiß doch, dass ich nicht einmal ein Trainingsspiel verlieren kann“, sagte Gattuso italienischen Medien – und wirkte dabei glaubwürdig.

Der Weltmeister von 2006 und zweimalige Gewinner der Champions League mit dem AC Mailand holte noch das ganz große rhetorische Besteck hervor und drohte: „Wenn diese Vorwürfe bewiesen werden, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die Piazza zu gehen und mich umzubringen.“

Aber mit seinen starken Sprüchen kann Gattuso nicht ungeschehen lassen, dass in der Nacht zum Dienstag Carabinieri seine Wohnung durchsuchten. Vorgeworfen wird ihm bislang kein konkretes Delikt. „Wir haben die Hausdurchsuchung durchgeführt, um Beweismaterial zu sichern“, sagte Staatsanwalt Roberto Di Martino auf einer Pressekonferenz wenige Stunden nach Razzien an 16 verschiedenen Orten sowie vier Verhaftungen.

Chronologie des Wettskandals in Deutschland

November 2009

Die Ermittlungen der Bochumer Staatsanwaltschaft werden durch einen Zufall ausgelöst. Während einer Telefonüberwachung im Drogenmilieu zeichnen Ermittler auch Gespräche auf, bei denen es um manipulierte Fußballspiele und entsprechende Wetteinsätze geht. Darauf folgt eine groß angelegte Razzia: Einrichtungen im In- und Ausland werden durchsucht. Unter den 15 Verdächtigen, die hierzulande festgenommen werden, ist Ante S. Er war als mutmaßlicher Drahtzieher des Manipulationsskandals um Schiedsrichter Robert Hoyzer 2005 zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

November 2009 Teil 2

In Deutschland sind jetzt bereits mehrere Vereine betroffen. Der SSV Ulm hat sich von drei Spielern getrennt. Wenig später entlässt Drittligist SV Sandhausen Profi Marcel Schuon. Der Viertligist SC Verl gibt die Suspendierung von zwei Spielern bekannt, andere Clubs lassen sich von ihren Profis schriftlich versichern, nichts mit illegalen Wettmachenschaften zu tun zu haben. In Spanien stehen Spiele in der zweiten, dritten und vierten Liga unter Verdacht, manipuliert worden zu sein. In Italien gibt es die ersten Verhaftungen.

Mai 2010

Der DFB hat vier Spieler für sechs, acht und 14 Monate "wegen unsportlichen Verhaltens" gesperrt. Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt inzwischen gegen mehr als 250 Verdächtige. Betroffen sind etwa 270 Spiele, davon 74 in der Türkei und 53 in Deutschland.

August 2010

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen zwei Männer. Sie wirft ihnen gewerbs- und bandenmäßigen Betrug in 16 beziehungsweise 22 Fällen vor. Sie werden der Führungsebene der Wettbetrüger zugerechnet. In Deutschland sitzen acht Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Das DFB-Sportgericht hat Schuon für 33 Monate gesperrt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Spieler sich gegenüber einem Wettbüro-Inhaber bereiterklärt hatte, Ergebnisse der Meisterschaftsspiele der 2. Bundesliga zu beeinflussen.

September-Oktober 2010

Gegen zwei weitere inhaftierte Personen wird Anklage erhoben. Ihnen wird gewerbs- und bandenmäßiger Betrug in fünf beziehungsweise neun Fällen zur Last gelegt. 6. Oktober: Prozessauftakt. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Angeklagten vor, Spieler gekauft und Fußballergebnisse manipuliert zu haben. Betroffen sind Partien von der A-Jugend bis zur Europa League.

November-Dezember 2010

25. November: Der Angeklagte Nürettin G. legt als erster der vier Angeklagten ein Geständnis ab. Den bestochenen Spielern seien genaue Anweisungen gegeben worden. Ihm droht eine Strafe zwischen fünf und acht Jahren. 20. Dezember: Staatsanwalt Andreas Bachmann gibt bekannt, dass inzwischen 312 Fußballspiele unter Manipulationsverdacht stehen. In Kristian S. kommt der dritte Angeklagte auf freien Fuß.

Januar-April 2011

5. Januar 2011: „Zockerkönig“ Ante Sapina gesteht im Zeugenstand in Bochum, große Summen auf manipulierte Spiele gesetzt und selbst Spieler bestochen zu haben. 14. April: Drei Mitglieder der Wettmafia werden zu Haftstrafen verurteilt. Die höchste Strafe von drei Jahren und elf Monaten wird gegen Wettbüro-Betreiber Stevan R. verhängt. Glücksspieler Tuna A. erhält drei Jahre und acht Monate und Nürettin G. drei Jahre Haft.

Mai 2011

19. Mai: Wettbetrüger Ante Sapina wird zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Sapina hat zugegeben, Fußballspiele manipuliert und dazu Spieler und Schiedsrichter bestochen zu haben. Marijo C. erhält ebenfalls fünfeinhalb Jahre Haft, gegen Dragan M. wird eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren verhängt.

20. Dezember 2012

Der Bundesgerichtshof erklärt die Urteile gegen Sapina und Marijo C. für nicht rechtskräftig. Sapina soll dazu gedrängt worden sein, Beweismittel zurückzunehmen. Auf der anderen Seite kann man ihm nun weitere Vergehen nachweisen. Erwartet wird eine ähnliche Strafe wie bei der ersten Verurteilung.

4. Februar 2013

Die europäische Polizeibehörde Europol gibt bekannt, dass es zwischen 2008 und 2011 insgesamt 380 manipulierte Spiele in Europa gegeben haben soll. In rund 300 weiteren verdächtigen Partien, die zumeist außerhalb Europas stattgefunden haben, laufen derzeit Ermittlungen. Insgesamt sollen 425 Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre und Kriminelle involviert gewesen sein.

In seinem 212-seitigen Durchsuchungsbefehl taucht der Name Gattusos auf 21 Seiten auf. Beschrieben werden dort Kontaktaufnahmen von einem mutmaßlichen Mittelsmann der Wettmafia, der bisher nur mit dem Decknamen „Mr. Y“ und dem Kürzel „Civ“ in den Akten aufgetaucht war.

Seit Dienstagfrüh weiß man, dass sich der Bologneser Geschäftsmann Francesco Bazzani hinter „Mr. Y“ verbirgt. Bazzani soll ein Vertrauter des zuvor bereits in den Wettskandal verwickelten und auch sanktionierten Ex-Nationalspielers Giuseppe Signori sein. Zahlreiche geständige Beschuldigte nannten Bazzani als einflussreiche Kontaktperson.

Bazzani trat den Ermittlungsunterlagen zufolge, die Handelsblatt Online vorliegen, wiederholt unmittelbar vor Spielen des AC Mailand in telefonischen Kontakt mit Gattuso. Vier dieser Spiele aus der Saison 2010/11 gelten als verdächtig.

Das Ergebnismuster von drei der vier Spiele – ein 0:0 gegen Lazio Rom, ein 1:1 gegen AS Bari sowie ein 2:1-Sieg gegen Chievo Verona – passt allerdings nicht in das bislang bekannte Betrugsbild. Allein das 4:1 gegen Cagliari würde mit der Praxis der Wettbetrüger, auf eine hohe Anzahl von Toren zu setzen, konform gehen.

Aber wer steckt schon im Kopf von Wettbetrügern? „Sie agieren unglaublich flexibel. Manchmal manipulieren sie Spiele nur, setzen aber gar nicht auf das Ergebnis. Sie tun dies, um ihren Investoren zu beweisen, dass sie eine Mannschaft kontrollieren“, erklärt der australische Ermittler Michael Pride, dessen Detektei Sports Intelligence den aktuellen Skandal im englischen Fußball aufgeklärt hatte, gegenüber Handelsblatt Online.

Kommentare (2)

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Numismatiker

18.12.2013, 16:03 Uhr

Ich glaube nicht, daß Herr Gattuso Spiele manipuliert hat, denn Spieler wie er wollen gewinnen.

Wenn jemand aus der Wettmafia "Kontakt aufgenommen hat", dann heißt es noch lange nicht, daß der Kontakt später auch im Sinne der Mafia zum Erfolg führte.

SP13

18.12.2013, 16:32 Uhr

Unglaublich, selbst zu so einer Meldung hat jemand eine Meinung! Wen interessierts? Der Typ hat sein Geld verdient....Für mich hat diese Meldung soviel Gewicht, wie wenn in China en Sack Reis rumfällt. Oder haben wir es vielleicht doch mit einem Experten der italiänischen Wettmafia zu tun? Wo kann man so etwas studieren? Das würde mich eher interessieren! Großartig!!

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