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24.03.2006

11:17 Uhr

Weltmeister Jürgen Kohler wartet auf den Durchbruch

„Ich bin nicht mehr der Fußballgott“

VonRoland Leroi

Jürgen Kohler ist in diesen Tagen ein viel beschäftigter Mann. Etwa 15 bis 20 Medienanfragen gehen wöchentlich beim MSV Duisburg ein. Dabei hat der Fußballtrainer eigentlich Wichtigeres zu tun: Mit den Zebras will er den Klassenerhalt schaffen – und ist fest davon überzeugt.

Jürgen Kohler ist engagiert bei der Arbeit. Foto: AP

Jürgen Kohler ist engagiert bei der Arbeit. Foto: AP

HB DUISBURG. Reinhold Beckmann möchte mit dem Fußball-Weltmeister von 1990 gerne in seiner Talkshow plaudern, Alfred Biolek mit ihm kochen und sogar der Kapuzinerpater Bruder Paulus will Kohler in seiner Show „Um Gottes Willen“ auf dem Nachrichtensender N24 zum Thema „Ethik und Fußball“ hören. Selbst Journale und Männermagazine von China bis Mexiko wollen im Vorfeld der WM 2006 mit dem prominenten Trainer sprechen.

„Das nervt, ich muss mich auf meinen Job konzentrieren“, sagt Kohler, der alle die WM betreffenden Interview-Wünsche vom MSV-Pressesprecher Tobias Günther rigoros abblocken lässt. Sogar die Landesregierung Baden-Württemberg, die Kohler am 16. Mai in Mannheim als Stargast bei der Verabschiedung des deutschen WM-Kaders ins Trainingslager präsentieren will, wurde vertröstet.

Denn Kohler hat Wichtigeres als eine WM im Sinn. Seit drei Monaten ist der 40-Jährige Trainer des MSV und tritt im Abstiegskampf auf der Stelle. Zuletzt setzte es beim 2:5 in Frankfurt eine echte Klatsche. Vom Klassenverbleib ist Kohler dennoch überzeugt. „Ich bin Fachmann genug, um einschätzen zu können, dass im Team genügend Qualität, Leben und Moral für eine Siegesserie stecken“, behauptet er, und fügt entschlossen hinzu: „Wir werden unsere Ziele erreichen.“

Dass die Duisburger nun ausgerechnet im Heimspiel am Samstag gegen den Spitzenreiter Bayern München unter Erfolgsdruck stehen, trübt seine gute Laune nicht. „Mit der richtigen Einstellung kann vieles kompensiert werden“, sagt Kohler, der aber auch weiß, dass er keinen seiner acht Titel, die er für Bayern, Juventus Turin, Borussia Dortmund und als 105-facher Nationalspieler erreichte, auf den MSV transferieren kann. Er hat die Erinnerungen abgestreift wie das Paar Schuhe, Größe 44, das er am 8. Juli 1990 im Finale gegen Argentinien trug. „Die Schuhe stehen jetzt in einer Vitrine“, sagt der 40-Jährige. Geschnürt hat er sie nie mehr. Er habe eben schnell gelernt, dass Lorbeer vergänglich ist. 1997 kürten ihn die Dortmunder Fans sogar zum ersten „Fußballgott“, von dem es heutzutage in fast jedem Stadion einen gibt. „Ich bin nicht mehr der Fußballgott“, sagt er heute und hat den Vorwärtsgang eingelegt. In Duisburg versucht er die familiären und provinziellen Verkrustungen mit Profi-Strukturen zu verzahnen. Beim Training ist regelmäßig ein Sportpsychologe zu Gast, auch ein Ernährungsberater wurde schon zu Rate gezogen.

Für MSV-Verhältnisse ist das Neuland, und manchmal wirkt der Verein angesichts der hohen Ansprüche des Trainers sogar überfordert. „Wir wollen nichts unversucht lassen, um mehr Prozente aus der Mannschaft heraus zu kitzeln“, sagt Kohler, der mit einem vierköpfigen Trainerstab arbeiten kann. Während seine Assistenten um den im Abstiegskampf erfahrenen Andreas Zachhuber (früher Hansa Rostock) die Übungsabschnitte leiten, steht der Chef meist in der Mitte, beobachtet, unterbricht und spricht viel. Schnell hat er sich das Image eines kommunikativen Schleifers erarbeitet. „Ich habe einen roten Leitfaden, der mein ganzes Leben prägte“, erklärt Kohler und nennt Ehrlichkeit und Strebsamkeit als wichtigste Eigenschaften.

Nicht viele trauen ihm zu, dass er dem MSV zum Ruhm verhilft. Einerseits weil der Kader, der aus den ersten 26 Spielen nur 21 Punkte holte, vielfach die Bundesliga-Qualität vermissen ließ. Zum zweiten aber hat sein Ruf nach der aktiven Karriere schon gelitten. Als Trainer der deutschen U 21-Nationalauswahl schmiss Kohler nach einem halben Jahr hin, als Sportdirektor von Bayer Leverkusen konnte er hiernach ebenfalls wenig bewirken. Beim DFB und in Leverkusen sollen sie froh gewesen sein, als er seine Verträge frühzeitig auflöste. Auch in Duisburg wird spekuliert, dass für Kohler, der für die 2. Liga einen Vertrag hat, den Trend Richtung Abstieg aber nicht stoppen konnte, zum Saisonende Schluss ist. Offiziell gibt das noch keiner zu, zumal ja noch theoretische Chancen bestehen. Ob es tatsächlich reicht zum Klassenerhalt, wird sich spätestens am 13. Mai zeigen, dem letzten Spieltag. Auftritte, wie kürzlich beim 2:5 bei Eintracht Frankfurt machen allerdings kaum Hoffnung. Wenigstens hätte der Weltmeister dann aber endlich Zeit für Biolek und Beckmann.

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