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28.05.2015

15:23 Uhr

Wie Blatter die Fifa regiert

„Jede Bananenrepublik kann Einfluss nehmen“

VonStefan Kreitewolf

Zwei Ermittlungsverfahren stürzen die Fifa ins Chaos. Ihren Boss Joseph Blatter lässt das kalt. Er taucht ab - seinen Einfluss hat er lange vor der Präsidentschaftswahl gesichert. Und die Uefa? Sagt ihren Boykott ab.

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Düsseldorf/ZürichJoseph Blatter, der seit 1998 Fifa-Chef ist, scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Er zieht – bisher jedenfalls – eine Vertagung seiner wohl erneuten Wahl zum Präsidenten offenbar gar nicht erst in Betracht. Warum auch? Das System Blatter läuft im Fußball-Weltverband seit vielen Jahren wie geschmiert. Der 79-Jährige gilt als Stehaufmännchen. Bislang konnte ihn keine noch so große Krise umhauen.

Die Wahl zu seiner fünften Amtszeit ist auch nach dem „Beben“ von Zürich wohl nur noch Formsache. Schließlich ist ihm die Unterstützung aller Kontinentalverbände, außer der Uefa, sicher. Alle Fußballnationen sind gleichberechtigt und dürfen je eine Stimme bei der geheimen Wahl am Freitag abgeben. Die in der Wahrnehmung mächtige Uefa (53 Mitglieder) kann bei der Wahl also leicht überstimmt werden. Zumindest dabei ist die Uefa: Die Europäische Fußball-Union wird entgegen ursprünglichen Überlegungen den Fifa-Kongress nicht boykottieren und will bei der Präsidentschaftswahl am Freitag zu großen Teilen für Prinz Ali bin al-Hussein votieren. Das teilten mehrere Uefa-Mitglieder am Donnerstag mit.

In Zürich bestimmen Fifa und Uefa die Berichterstattung: Auf der Pressekonferenz der Uefa herrscht reger Betrieb.

Pressekonferenz der Uefa

In Zürich bestimmen Fifa und Uefa die Berichterstattung: Auf der Pressekonferenz der Uefa herrscht reger Betrieb.

„Jede Bananenrepublik kann da maßgeblich Einfluss nehmen“, sagt der Münchener Compliance-Experte Manuel Rene Theisen dem Handelsblatt. Und Blatter weiß seit jeher, wie er die restlichen 156 Fifa-Mitglieder aus Afrika, Asien und Amerika an sich bindet – nämlich mit viel Geld.

Fifa: Skandale unter Blatter

Präsidentschaftswahl 1998

Der damalige FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen UEFA-Präsident Lennart Johansson kurz vor WM-Beginn in Frankreich. Bis heute stehen Vorwürfe über angebliche Zahlungen von je 50.000 Dollar an afrikanische Delegierte in einem Pariser Hotel im Raum, die Blatter beharrlich zurückweist.

ISL-Skandal (1)

Blatters Präsidentschafts-Vorgänger Joao Havelange und dessen ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixera kassierten Millionen Schmiergeld für WM-Marketing-Deals mit dem später Pleite gegangenen Vermarkter ISL.

ISL-Skandal (2)

Blatter wurde von allen Verdächtigungen freigesprochen, obwohl er 1997 als Generalsekretär eine Zahlung an Havelange von 1,5 Millionen Schweizer Franken persönlich zurücküberwiesen und somit offenbar zumindest Kenntnis vom System hatte.

WM-Vergabe 2018 und 2022 (1)

Schon vor der Doppel-Vergabe an Russland und Katar wurden zwei FIFA-Exekutivmitglieder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit suspendiert. Die Vorwürfe gegen die beiden künftigen Gastgeber wurden schließlich aufwändig von der FIFA untersucht, aber von den Ethikhütern ohne maßgebliche Ergebnisse eingestellt.

WM-Vergabe (2)

Der Generalverdacht wurde aber nie entkräftet. Vom damaligen Exekutivkomitee sind künftig wohl nur noch acht von damals 22 Mitgliedern in dem mächtigen Gremium.

Präsidentschaftswahl 2011 (1)

Lange schien es, als könne der Katarer Mohamed bin Hammam Blatter bei der Wahl 2011 tatsächlich gefährlich werden. Dann stolperte der Funktionär kurz vor der Abstimmung über konkrete Bestechungsvorwürfe aus der Karibik. Die 35 Stimmen aus der CONCACAF-Zone galten als entscheidend.

Präsidentschaftswahl 2011 (2)

Blatter hatte den Verbänden eine Million Dollar als offizielle FIFA-Zuwendung versprochen. Bin Hammam versuchte es inoffiziell mit 40.000 Dollar pro Verband – und flog auf, weil ihn andere mittlerweile der Korruption überführte Funktionäre anschwärzten.

WM-Tickets (1)

Der Umgang mit von Millionen Fans begehrten WM-Tickets im Exekutivkomitee war schon häufig lax. Jack Warner trieb es 2006 auf die Spitze, als er die Vermarktung in seinem für das Turnier in Deutschland qualifizierten Heimatland Trinidad und Tobago übernahm. Sein Familienunternehmen strich angeblich 900 000 Dollar Provisionen ein.

WM-Tickets (2)

Die FIFA-Untersuchungen konnte keine Verdachtsmomente gegen Warner, sondern nur gegen dessen Sohn ergeben. Warner senior kam mit einer Verwarnung davon. Warners Exko-Kollege Ismail Bhamjee aus Botswana wurde 2006 überführt, zwölf WM-Karten auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben.

WM-Tickets (3)

2014 in Brasilien gab es Berichte über vermutlich illegal veräußerte WM-Karten aus dem Besitz des mittlerweile verstorbenen argentinischen Topfunktionärs Julio Grondona.

Sperre

2015: Am 21. Dezember spricht die rechtsprechende Kammer ihr finales Urteil: Blatter und Platini werden für jeweils acht Jahre gesperrt. Zum Verhängnis wurden ihnen die dubiose Zahlung von 1,8 Millionen Euro, die Platini im Jahr 2011 von Blatter (79) angeblich für lange zurückliegende Beratertätigkeiten (von 1998 bis 2002) erhalten hatte.

So ließ der afrikanische Kontinentalverband bereits verlautbaren, dass seine Fußballfunktionäre Blatter trotz der Ermittlungen weiter unterstützen werden. Kein Wunder: Blatter verschafft den Kontinentalverbänden Geld, das an die Nationalverbände weitergezahlt wird und dann in dunklen Kassen verschwindet. Beim Fifa-Kongress werden verurteilte Fifa-Mitglieder hofiert.

Mark Pieth ist Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Basel und leitete zwei Jahre ein sogenanntes Governance-Komitee, das die Strukturen der Fifa untersuchen und Reformen auf den Weg bringen sollte.

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Er empfindet Blatters erneute Kandidatur als „Fehler“. Dem Handelsblatt sagte er: „Die Europäer haben sich in der Frage der Präsidentenwahl selbst ins Abseits gestellt. Denn die Uefa hat keinen ernst zu nehmenden Kandidaten gegen Blatter aufgestellt.“

Kommentare (6)

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Herr Thomas Behrends

28.05.2015, 13:51 Uhr

Letztendlich bezahlen alle Bürger den Wohlstand der Korrupten sowie die unsäglichen Schmiergelder der FIFA aber auch anderer Organisationen bzw. Unternehmen über den Kauf von Produkten und Dienstleistungen mit.

Kaufen Sie heute einen NIKE, Adidas oder Puma-Artikel ein, so können Sie Gift darauf nehmen, dass ein Anteil des Kaufpreises an die Banditen der FIFA überwiesen wird, denn alle wollen an den Weltmeisterschaften mitverdienen; Sportartikelhersteller gleichermaßen wie Sportfunktionäre.

Governance, vielleicht besser ethisch korrektes Verhalten beginnt dort, wo die Geldannahme angeboten wird. Wenn kollektiv nichts in die Hand gelegt wird, wird die Korruption (hoffentlich) eingedämmt.

Herr mathias müller

28.05.2015, 14:15 Uhr

Es ist also doch, wie ich sage!

"Jede Bananenrepublik hat die gleichen Rechte wie die Uefa - das geht gar nicht.

Bert TheAce

28.05.2015, 14:17 Uhr

Der korrupte FIFA=Mafia-Anführer Sepp Blatter hat den Fussball-Sport schwer beschädigt. Er muss endlich weg und für seine Straftaten ins Gefängnis.

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