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24.09.2015

17:19 Uhr

Wie Flüchtlinge Deutschland erleben

„Ich will nicht zuschauen – ich will mitmachen“

VonDiana Fröhlich

Ahmad Samir Sediqi floh mit seiner Familie 2013 aus Afghanistan nach Deutschland. Der 21-Jährige beschreibt, wie ihm der Sport bei der Integration hilft – und warum es ihm wichtig ist, sich im Verein zu engagieren.

Mit dem Fußball lebt es sich leichter. Diana Fröhlich

Ahmad Samir Sediqi

Mit dem Fußball lebt es sich leichter.

Es ist viel los auf dem Sportplatz in Mainz-Bretzenheim an diesem sonnigen Nachmittag Mitte September: Die Mädchenmannschaft wartet auf ihren Trainer, ein paar Männer wollen noch zusammen kicken, im Tor sitzen Jungs aus dem Nachwuchsteam und lachen. Ahmad Samir Sediqi, 21, läuft über den Platz, grüßt hier einen bekannten ‧Spieler, klopft da einem der Trainer auf die Schulter. Er, der Flüchtling aus Afghanistan, ist hier einer von ihnen. Er gehört dazu. Gerade hat er selbst noch trainiert. Mit einer neuen Mannschaft, bestehend aus Flüchtlingen und Deutschen, gefördert von „Willkommen im Fußball“. Das neue Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung knüpft lokale Bündnisse für junge Flüchtlinge und wird von der Bundesliga-Stiftung und der Bundesregierung gefördert. Nach einer Verschnaufpause setzt er sich in die Kabine und erzählt – von der Bedeutung des Sports in seinem neuen Leben.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

„Wenn ich Fußball spiele, dann kann ich alles andere für eine Zeit lang vergessen. Ich lache, habe Spaß, bin dankbar für die Abwechslung. Fast jeden Nachmittag bin ich mittlerweile auf dem Platz, trainiere mit meiner Hobbymannschaft, wir heißen FC Ente Bagdad, zusätzlich spiele ich für den Verein Vitesse Mayence. Mein Trainer sagt immer, ich muss aufpassen, dass ich sonntags, wenn wichtige Spiele anstehen, nicht schon zu müde bin vom Training der ganzen Woche.
Aber mir macht es so viel Spaß, hier auf dem Feld zu stehen. Schon in meiner Heimat Afghanistan habe ich viel Sport gemacht, ein paar Jahre lang Fußball gespielt, vor unserer Flucht dann Volleyball. Jeden Tag. Ich finde, Sport ist wichtig, um gesund zu bleiben. Und ich kann dabei viel lernen, vor allem hier. Mein Deutsch ist mittlerweile ganz gut. Ich besuche schon lange Deutschkurse, aber noch mehr gelernt habe ich auf dem Sportplatz.
Ich bin bereits seit Dezember 2013 in Deutschland, zuerst für eine kurze Zeit in Mainz, weil hier mein Onkel seit mehr als 20 Jahren lebt. Dann mussten wir in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Trier, sind aber bald schon wieder nach Mainz zurück.

Integration von Flüchtlingen

Soziale Verantwortung

In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder Flüchtlinge, die in Deutschland den Sprung in den bezahlten Profifußball geschafft haben. Auch heute gibt es unzählige Initiativen, Projekte und Stiftungen, die Flüchtlingen zunächst den Zugang zum Sport oder anderen Freizeitaktivitäten ermöglichen – und ihnen damit unmittelbar bei der Integration helfen. Einige Beispiele...

„Willkommen im Fußball“

Das neue Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung knüpft lokale Bündnisse für junge Flüchtlinge. Es wird von der Bundesregierung und der Bundesliga-Stiftung gefördert, die 2009 von der Deutschen Fußball Liga GmbH (DFL) und dem Ligaverband gegründet wurde. Derzeit trainieren Flüchtlinge in Mainz, weitere Städte folgen.

„1:0 für ein Willkommen“

Die deutsche Nationalmannschaft, die Bundesregierung und die DFB-Stiftung Egidius Braun wollen mit dieser Initiative Fußballvereine finanziell fördern, die sich gezielt für Flüchtlinge engagieren, Training und Turniere organisieren und Ideen zur Integration entwickeln.

„Integration durch Sport“

Die Bundesregierung und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) unterstützen Sportvereine dabei, Menschen aus aller Welt zu integrieren und für ihren jeweiligen Sport zu begeistern. Die Angebote reichen von Schwimmen, Leichtathletik und Turnen bis hin zum Boxen.

„Zuflucht Kultur“

Der im Jahr 2014 gegründete Verein „Zuflucht Kultur“ aus Stuttgart fördert Kunst, Kultur und Völkerverständigung. Ziel ist Integration durch Kultur. Zuletzt hatten Flüchtlinge gemeinsam mit professionellen Künstlern die Mozartoper ’Cosi fan tutte’ für Bühnen im deutschsprachigen Raum einstudiert, nun folgt das Stück „Zaide. Eine Flucht.“

„Berlin Mondiale“

Gefördert durch den Projektfonds Kulturelle Bildung Berlin, bringt das Bündnis Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Fluchthintergrund mit einheimischen Kulturschaffenden zusammen. Über sogenannten Patenschaften sollen gemeinsame Momente und Arbeiten entstehen. Es sind auch Praktika in Berliner Kulturinstitutionen möglich.

Ich bin mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern geflüchtet. Unser Leben in Afghanistan war in Gefahr. Mein Vater hat früher, zu Zeiten der sowjetischen Intervention, beim Militär gearbeitet, zuletzt als Taxifahrer. Dann war er in seiner eigenen Heimat nicht mehr erwünscht. Wir sind zu Fuß, manchmal auch mit dem Auto, über Pakistan, Iran, Türkei, Bulgarien, Mazedonien, Serbien und Ungarn geflohen. In Ungarn war es damals noch einfach, im Gegensatz zu heute. Wir sind einfach mit dem Auto über die Grenze. Mehr als vier Monate lang waren wir unterwegs.“

Ahmad Samir Sediqi spricht sehr gut Deutsch. Er redet langsam – und leise, wenn es um die Flucht geht. Dann dreht er den Kopf zur Seite, guckt nach unten. Die Zeit war hart für ihn, das klingt in jedem Wort, in jeder Geste mit. Und, wie groß die Angst vor der ungewissen Zukunft ist.

„Mit den Schleppern, wie ihr Deutschen sie nennt, haben wir Glück gehabt. Sie waren freundlich und haben uns geholfen. Schlechte Erfahrungen haben wir mit ihnen nicht gemacht. Ungefähr 4500 Euro pro Person haben wir insgesamt an sie gezahlt. Unsere Familie besteht aus acht Personen, da kommt eine große Summe zusammen. Doch Freunde erzählen mir, dass die Flucht heute viel teurer ist als noch vor zwei Jahren, bis zu 8000 Euro pro Person sollen sie zahlen.

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