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16.07.2012

19:03 Uhr

Willi Lemke im Interview

„Im Profi-Fußball ist auch Gier im Spiel“

VonStefan Merx

ExklusivSport soll sauber sein. Doch egal ob Internationales Olympisches Komitee, Weltfußballverband Fifa oder Formel 1: Immer wieder ist Bestechung im Spiel, wenn es zum Beispiel um die Vergabe von Fernsehrechten oder die Entscheidung über Austragungsorte geht. Willi Lemke, Aufsichtsratschef bei Werder Bremen und Uno-Sonderberater für Sport, über Wege der Korruptionsbekämpfung, die Rolle der Sponsoren - und Fifa-Chef Joseph Blatter.

Willi Lemke.

Willi Lemke.

Handelsblatt: Herr Lemke, man wundert sich: Der Sport sollte eine saubere Sache sein. Nun bekommt man den Eindruck, dass er durchsetzt ist von Korruption auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Teilen Sie das Gefühl?

Willi Lemke: Den Eindruck kann man in einigen Bereichen durchaus haben. Wenn man die vielen Dinge addiert, die manchmal zu Entscheidungen führen, kann man nur mit dem Kopf schütteln.

Ein Beispiel?

Im Bereich des europäischen Fußballs hatte man im letzten Jahr etwa 400 Millionen Euro Jahresumsatz mit Spielervermittlern. Das ist eine gewaltige Summe Geld, und die bringt Menschen in Versuchung. In der Wirtschaft ist es übrigens ähnlich. Fußball spiegelt nur das Leben und die Wirklichkeit unserer Gesellschaft wieder.

Ist das System überhitzt?

Die Begeisterung bei der Europameisterschaft war ein Beispiel dafür, wie unglaublich das Interesse am Fußball ist. Damit ist verbunden: Hohe Nachfrage, ständig steigender Umsatz, hohe Profite. Es ist wahr, dass im System Profi-Fußball sehr viel Geld vorhanden ist. Damit ist auch unheimlich viel Begehrlichkeit, manchmal auch Gier im Spiel.

Bleiben wir bei Ihrem Beispiel der Spielerberater. Da braucht es doch dort zum schmutzigen Geschäft auch immer den Vereinsmanager auf der Gegenseite, der mitspielt. Etwa, wenn es um Kickback-Zahlungen geht, also das gegenseitige Aufteilen von überhöhten Provisionen für Spielertransfers. Ein offenes Geheimnis, oder?

Das ist eine Befürchtung, die ich auf Grund meiner Erfahrung im Profifußball teile. Ich habe keine Belege und könnte das niemals frei behaupten. Aber überall in der Szene, und nicht nur national, bestehen diese Vermutungen. Wenn so viel Geld im Umlauf ist, besteht der Verdacht, dass es bei schwarzen Schafen ein Kickback-System gibt.

Ist das ein Fußball-Phänomen?

Nein, es soll nicht der Eindruck entstehen, wir redeten nur über Fußball: Wenn Sie früher in Korruptions-belasteten Ländern ein Geschäft machen wollten, dann brauchen Sie nicht zu glauben, dass irgendwas ging ohne ein Kickback. Man konnte die Dinge ja sogar noch steuerlich absetzen, die man irgendwo mal auf dem Tisch hat liegen lassen beim Frühstück. Natürlich gehört es zu den wichtigen Aufgaben einer modernen Geschäftsführung, im Sport wie in der Wirtschaft, das im Keim zu ersticken und zu bekämpfen. Ich bin dankbar, dass ich heute für eine Organisation arbeiten darf, die sich gegen Korruption stark macht.

Fünf Kategorien für Korruption im Sport

Vergabe und Realisierung von Sportgroßveranstaltungen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte seinen großen Sündenfall bei den Winterspielen in Salt Lake City 2002. Die Bewerberstadt hatte die Wahl des Ausrichters im Jahr 1995 manipuliert und mindestens 24 IOC-Mitglieder bestochen. Vier traten in der Folge zurück, fünf wurden suspendiert. Lammert erkennt zudem ein hohes Potenzial für Bestechungsdelikte, wenn es um die lukrativen Bauaufträge für Sportstätten geht.  Auch bei der jüngsten Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine kamen massive Zweifel bezüglich der intransparenten Vergabe von Aufträgen auf. In München gab es Unregelmäßigkeiten beim Bau der Allianz Arena: Der ehemalige Geschäftsführer des Klubs 1860 München und der Stadion GmbH, Karl-Heinz Wildmoser, wurde verurteilt, weil er 2,8 Millionen Euro Schmiergelder vom Baukonzern Alpine bekommen haben soll.

Quelle: Die fünf Kategorien für Korruption im Sport hat die Rechtswissenschaftlerin Katharina Lammert, Deutsche Sporthochschule Köln, zusammengestellt.

Bestechung von Schiedsrichtern

Der falsche Pfiff zur rechten Zeit - es sind vor allem Wettbetrugsdelikte, die zur Schiedsrichterbestechung animieren. Prominentes Beispiel  in Deutschland war der Fall Robert Hoyzers, der im Auftrag der Wettmafia mehrere Fußballspiele als vermeintlich Unparteiischer manipuliert hat. Verurteilt wurde der Schiedsrichter wegen Beihilfe zum Betrug zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft. Der Drahtzieher Ante Sapina bekam eine um sechs Monate längere Freiheitsstrafe. Im Fall des THW Kiel, wo unter anderem das Handball-Champions-League-Finale 2007 gerichtlich auf Manipulation hin untersucht wurde, endete der auf den Schiedsrichtern und THW-Funktionären lastende Verdacht im Freispruch.

Korruption bei der Ämtervergabe im organisierten Sport

Günstlingswirtschaft und Patronage ist nur schwer nachzuweisen, wenn es um die begehrten Sitze in den Spitzensportorganisationen geht. Die Präsidentschaftswahlen des Weltfußballverbandes Fifa waren von Unruhen begleitet, nachdem der frühere Chef des karibischen Verbands, Jack Warner, schwere Anschuldigungen erhoben hatte. Warner hatte behauptet, er habe nur einen Dollar für die WM-Rechte 1998 zahlen müssen. Das Schnäppchen sei als Dank für seine Wahlhilfe für den Fifa-Präsidenten Joseph Blatter zu verstehen gewesen.

Bestechung durch VIP-Einladungen

Die Einladungen zu Sportveranstaltungen (Hospitality) werden ebenfalls von den Compliance-Abteilungen der Gäste und Gastgeber immer kritischer geprüft. Neben dem oft raren Gut Eintrittskarte werden manchmal noch die Anreise und eine Beköstigung finanziert. „Schon der Anschein, es könne sich um die Bestechung von Amtsträgern oder Geschäftspartnern handeln, muss vermieden werden“, sagt Sportjuristin Lammert. Mit einem Freispruch durch den BGH endete der Prozess gegen den ehemaligen EnBW-Chef Utz Claassen, der Ticketgutscheine für Fußball-WM-Spiele 2006 an Politiker verschicken ließ. Der Prozess hat die Unsicherheit rund um die Zulässigkeit von VIP-Einladungen dennoch eher verschärft.

Bestechung bei der Vergabe von Sponsoringrechten und TV-Rechten

Auch Entscheidungsträger an Schaltstellen bei Sendern und Sponsoren sind mitunter bestechlich. So hat der ehemalige Sportchef des Senders MDR, Wilfried Mohren, über Jahre unter der Hand Geld von Sponsoren kassiert und im Gegenzug bestimmte Sport-Veranstaltungen werbewirksam im Fernsehen gezeigt. Er wurde 2009 zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Auch der Ex-Sportchef des HR, Jürgen Emig, wurde verurteilt wegen Untreue und Bestechlichkeit, weil er Schmiergelder angenommen hatte. Sogar Koppel-Geschäfte zwischen Sponsoren geraten ins Blickfeld der Staatsanwaltschaft: So stellte die Deutsche Telekom in einem Fall selbst Strafanzeige. Sie hatte bemerkt, dass drei T-Systems-Mitarbeiter versucht hatten, einen Sponsoringvertrag mit der VW-Fußballtochter VfL Wolfsburg mit millionenschweren geschäftlichen Aufträgen zu koppeln.

Als Aufsichtsratsvorsitzender bei Werder Bremen haben Sie eine Position inne, um einwirken zu können. Sie hatten ja auch bereits mit kritischen Themen zu tun, von Claudio Pizarros angeblichem Spielerberatungsvertrag angefangen bis zu Vorwürfen gegen einen  früheren Werder-Geschäftsführer. Wie gehen Sie vor in Bremen?

Im Aufsichtsrat werden wir von der Geschäftsführung über jeden Transfer informiert, damit wir alle Geldflüsse genau nachvollziehen können. Wir haben immer auf absolute Transparenz gesetzt. Um absolute Sicherheit zu bekommen, dass an gewissen Vorwürfen tatsächlich  nichts dran war, haben wir einen Wirtschaftsprüfer eingesetzt für viel Geld. Dann konnten wir mit einem guten Gewissen weiter arbeiten. Unser Verein darf nicht in Schwierigkeiten geraten, unser Image nicht leiden – also klären wir alles auf.

Kommentare (4)

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melancholiker

16.07.2012, 19:31 Uhr

und -wie üblich- begib t sich die politik in diesen dunstkreis und wahrt nicht distanz zu diesem billigen spekatakel mit seinen exzessen -auch bei den zuschauern.über die funktionäre und die tätige mithilfe der lokalpolitiker beim stadienbau und durch den öffentlichen rundfunk bei überteuerten übertragungsrechten können sie ja weiterberichten

JAP27

16.07.2012, 19:36 Uhr

Die Sportverbände IOC, FIFA;UEFA,DLV etc sind heute nicht nur Sportverbände, sondern Wirtschaftsorganisationen.
Daher sollten für sie auch die gleichen Regeln gelten , wie für "normale" Wirtschaftsunternehmen und Konzerne:
in diesem Rahmen demokratisch legitimiert, mit Vorständen und Aufsichtsräten, verpflichtet zu bilanzieren und Complience-Richtlinien aufzustellen und zu befolgen.
Transparency hat da sicher noch geeignetere Lösungsvorschläge und Ansätze zur Sanktionierung und in Sachen Strafrecht zu bieten.

reinemann_der_zweite

16.07.2012, 20:54 Uhr

Ich lach mich schlapp. Zu DIESEM Thema diesen Herrn zu befragen.......

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