Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.10.2016

08:23 Uhr

WM-Affäre

DFB-Chef Grindel schließt neue Enthüllungen nicht aus

Vor einem Jahr wurde der Sommermärchen-Skandal publik. DFB-Chef Reinhard Grindel glaubt, dass nur staatliche Ermittlungen noch neue Erkenntnisse bringen könnten - weitere Enthüllungen inklusive.

Einen Nachteil für die deutsche Bewerbung um die EM 2024 fürchtet der DFB-Präsident durch die WM-Affäre nicht. dpa

Reinhard Grindel

Einen Nachteil für die deutsche Bewerbung um die EM 2024 fürchtet der DFB-Präsident durch die WM-Affäre nicht.

FrankfurtEin Jahr nach Aufdeckung des Skandals um das deutsche WM-Sommermärchen schließt DFB-Präsident Reinhard Grindel weitere Enthüllungen nicht grundsätzlich aus. „Wir haben natürlich selbst versucht, uns ein Bild vom Geschäftsgebaren des WM-OK 2006 und früherer Führungskräfte des DFB zu machen. Dabei haben wir das Problem, dass zahlreiche Akten immer noch bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft sind. Vor einer abschließenden Bewertung der Arbeit des WM-OK müssen wir die Ermittlungen abwarten“, sagte Grindel der Deutschen Presse-Agentur.

Am 16. Oktober 2015 war durch einen Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ erstmals öffentlich über Fehlverhalten der WM-Macher um OK-Chef Franz Beckenbauer und dubiose Millionenüberweisungen im Vorfeld des Fußball-Turniers 2006 berichtet worden. Grindel sieht die Aufklärungsmöglichkeiten des DFB mittlerweile als erschöpft an.

„Wir haben den Zahlungsfluss der 6,7 Millionen Euro vollständig aufgeklärt. Wir wissen, dass das Geld im Jahr 2002 auf einem Konto der Firma Kemco gelandet ist, die dem früheren Fifa-Funktionär Bin Hammam zugeordnet werden kann. Was er mit dem Geld gemacht hat, kann nur er selbst beantworten. Mit uns will er darüber zumindest nicht reden. Vielleicht kommen die Staatsanwaltschaften in Deutschland oder der Schweiz hier weiter“, sagte Grindel.

Die WM-Affäre: Was wir wissen - und was nicht? - Teil 1

Was ist der Kern der Affäre?

Die ominösen 6,7 Millionen Euro stehen im Zentrum der gesamten Affäre. Es gibt mittlerweile kaum noch Zweifel daran, dass der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dieses Geld für die deutschen WM-Macher an die Finanzkommission des Weltverbands FIFA überwies – vermutlich 2002. Franz Beckenbauer unterschrieb seinerzeit als Chef des Organisationskomitees (OK) einen Schuldschein. Louis-Dreyfus forderte und bekam sein Geld 2005 über ein FIFA-Konto wieder zurück. Allerdings verschleierte das OK diese Zahlung und deklarierte sie als Beitrag zu einer WM-Gala, die nie stattfand.

Was sagen Beckenbauer und Co. zu dieser Zahlung?

Noch immer ist unklar, warum die Deutschen 6,7 Millionen an die Fifa zahlten. Und vor allem: Was danach mit dem Geld geschah. Die Darstellung von Franz Beckenbauer, Wolfgang Niersbach und Co. ist: Das WM-OK brauchte einen Organisationszuschuss von 170 Millionen Euro von der Fifa, um die WM zu finanzieren. Die 6,7 Millionen waren eine Art Absicherung, eine Provision. Aus Gesprächsprotokollen des langjährigen stellvertretenden DFB-Generalsekretärs Stefan Hans ging zuletzt hervor, dass die Deutschen bereits 100 Millionen sicher hatten und 6,7 Millionen zahlen sollten, um weitere 70 zu bekommen.

Was macht sie so dubios?

Selbst wenn das stimmen sollte, bleibt die große Frage: Was haben die Fifa-Finanzkommission und ihr damaliger Chef Mohamed bin Hammam mit den 6,7 Millionen gemacht? Der lebenslang gesperrte Funktionär aus Katar war seinerzeit noch ein Unterstützer des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter.

Welche Theorien gibt es?

Eine These ist, dass das deutsche Geld in den Blatter-Wahlkampf des Jahres 2002 floss. Eine weitere Theorie ist immer noch: Mit dem Geld wurden nachträglich Wahlmänner der Fifa bezahlt, die im Sommer 2000 über die Vergabe der WM abstimmten. Das würde bedeuten: Die Weltmeisterschaft 2006 war gekauft.

Welche Rolle spielt der frühe Fifa-Vize Jack Warner?

Am 9. November tauchte im DFB-Archiv ein Vertragsentwurf zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem notorisch korrupten früheren Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner auf – unterschrieben von Franz Beckenbauer. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach trat an jenem Tag zurück.

Seine Interimsnachfolger Rainer Koch und Reinhard Rauball werten diesen auf einen Tag kurz vor der WM-Vergabe datierten Vertrag zumindest als Bestechungsversuch. Die Abmachung sollte Warner unter anderem 1000 WM-Tickets der teuersten Kategorie einbringen, die einen Weiterverkaufswert von mehreren hunderttausend Dollar hatten.

Welchen Zweck hatte der Vertrag?

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser Vertrag nie in Kraft getreten. Der Beckenbauer-Vertraute Fedor Radmann bezeichnete das Papier als „eine Art Beruhigungsvertrag“, mit dem der Funktionär aus Trinidad & Tobago davon abgehalten werden sollte, andere Wahlmänner negativ zu beeinflussen.

Verschiedene Recherchen lassen aber auch noch andere Schlüsse zu. Sprang der langjährige Chef des Nordamerika-, Mittelamerika- und Karibik-Verbandes ein, weil den Deutschen eine Stimme aus Asien fehlte? Oder musste Warner später mit den 6,7 Millionen ruhiggestellt werden, weil der ursprüngliche Vertrag mit dem DFB nicht in Kraft trat? All das ist nicht geklärt.

Obwohl im Zuge des Skandals immer deutlicher die Rolle von Franz Beckenbauer in den Fokus rückte, meint Grindel weiterhin, dass der Fußball-Kaiser seinen Beitrag zur Aufklärung geleistet habe. „Ich gehe nach wie vor davon aus, dass uns Franz Beckenbauer alles gesagt hat, was er weiß.“ Mitte September war publik geworden, dass der DFB-Ehrenspielführer Sponsorenmillionen über den DFB bekommen haben soll, obwohl er stets von einem Ehrenamt als OK-Chef gesprochen habe.

WM-OK-Chef-Entlohnung: DFB-Boss attackiert eigene Ermittler

WM-OK-Chef-Entlohnung

Premium DFB-Boss attackiert eigene Ermittler

Christian Duve von der Kanzlei Freshfields prüfte die Vergabe der WM 2006 an den DFB. Auch die Millionenzahlung an Franz Beckenbauer entdeckte er, störte sich aber nicht daran – im Gegensatz zu seinem Auftraggeber.

Die finanziellen Konsequenzen für den DFB will der Präsident noch nicht beziffern. Weiterhin droht wegen einer falschen Steuererklärung die Aberkennung der Allgemeinnützigkeit für das Jahr 2006. „Der Schaden ist im Augenblick wegen der noch laufenden staatsanwaltsschaftlichen Ermittlungen nicht abschließend zu beziffern“, sagte Grindel.

Einen Nachteil für die deutsche Bewerbung um die EM 2024 fürchtet er aber nicht: „Die Führung der Uefa und viele meiner Kollegen in den anderen nationalen Verbänden erkennen unsere Bemühungen sehr wohl an, im neuen DFB für Good Governance, für Transparenz und Compliance zu sorgen.“

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×