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04.03.2016

06:55 Uhr

WM-Skandal 2006

DFB-Boss Koch erwartet „spannende Stunden”

Quelle:dpa

6,7 Millionen Euro, von Beckenbauer bis Niersbach: Wer wusste was wann wovon? Der Freshfields-Bericht zur Vergabe der WM 2006 an Deutschland soll Fragen beantworten. DFB-Interimschef Koch steht heute Rede und Antwort.

DFB-Interimspräsident Rainer Koch kennt den Inhalt des Berichts bereits. Foto: Arne Dedert dpa

Spannung

DFB-Interimspräsident Rainer Koch kennt den Inhalt des Berichts bereits. Foto: Arne Dedert

FrankfurtAb 13.30 Uhr hat das monatelange Warten an diesem Freitag ein Ende. Praktisch auf neutralem Platz präsentieren die Ermittler der Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer am Freitag in einem Hotel in Frankfurt/Main die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland. Auftraggeber: der Deutsche Fußball-Bund (DFB).

Im Mittelpunkt steht viel Geld: eine dubiose Zahlung von 6,7 Millionen Euro. Im Mittelpunkt stehen aber auch mittlerweile fast nur noch ehemalige ranghohe und namhafte deutsche Fußball-Funktionäre. Allen voran Franz Beckenbauer, damals der Chef des Organisationskomitees.

Der Report, der zeitnah nach der Pressekonferenz auch im Internet veröffentlicht wird, soll endlich Klarheit darüber bringen, wie weit Beckenbauer und die anderen WM-Organisatoren gingen, um die Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu holen. Oder wann genau welcher Top-Funktionär wovon wusste. Und vor allem: War das Sommermärchen nun gekauft oder nicht?

DFB, Fifa und die WM: Was geschah mit den Millionen?

Worum geht es in der Affäre?

Im Zentrum des Skandals stehen 6,7 Millionen Euro. Nach Darstellung des DFB hat der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus diese Summe im Jahr 2002 für das deutsche Organisationskomitee an den Weltverband FIFA überwiesen. Die nach wie vor ungeklärten Fragen sind: Wer genau erhielt dieses Geld? Wozu brauchten die deutschen WM-Macher die Hilfe von Louis-Dreyfus? Bislang gibt es für die ominösen 6,7 Millionen weder Belege noch einen Zahlungseingang bei der FIFA. Laut DFB und OK-Chef Franz Beckenbauer floss das Geld, um sich einen Organisationszuschuss der FIFA zu sichern. Die anderen Theorien sind: Mit dem Geld wurden Stimmen für die WM-Vergabe gekauft oder der mittlerweile gesperrte FIFA-Chef Joseph Blatter unterstützt.

Gelder wurden getarnt

Bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geht es jetzt um die vermeintliche Rückzahlung der 6,7 Millionen an Louis-Dreyfus drei Jahre später. Die wurde vom WM-OK zur Tarnung als Beitrag für eine FIFA-Gala deklariert, die später nie stattfand. Auch bei dieser Zahlung liegt bislang fast alles im Dunkeln. Ob und auf welchen Kanälen das Geld vom DFB über die FIFA wieder bei Louis-Dreyfus angekommen sein könnte, ist weiterhin offen.

Gegen wen ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Im Visier stehen der amtierende DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der damals Vizepräsident des Organisationskomitees war, sein Präsidenten-Vorgänger und OK-Schatzmeister Theo Zwanziger sowie Horst R. Schmidt. Dieser war geschäftsführender Vizepräsident des OK und bis 2007 Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes.

Weshalb ermittelt nun die Staatsanwaltschaft?

Den Beschuldigten wird vorgeworfen, „die Einreichung inhaltlich unrichtiger Steuererklärungen veranlasst“ und damit Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie den Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 „in erheblicher Höhe“ hinterzogen zu haben. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler soll eine Zahlung des OK im Frühjahr 2005, die als Kostenbeteiligung an der FIFA-Gala deklariert war, als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht worden sein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Zahlung in Wirklichkeit einem anderen Zweck hatte. Damit wäre sie keine abzugsfähige Betriebsausgabe mehr gewesen. Die Zahlungszusage des OK vom 19. April 2005 wurde von Zwanziger und Schmidt unterzeichnet.

Weshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht auch gegen den damaligen OK-Präsidenten Franz Beckenbauer?

Das ist bislang unklar. Die wahrscheinlichste Erklärung: Beckenbauer und sein enger Vertrauter Fedor Radmann wohnen in Österreich bzw. der Schweiz und damit außerhalb des Zugriffsbereichs der Ermittler.

Was droht den Beschuldigten?

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main hat Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall aufgenommen. Steuerhinterziehung ist in Paragraf 370 der Abgabenordnung geregelt, darin heißt es in Absatz 5: „In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.“

An welchen Stellen wird sonst noch ermittelt?

Die Affäre dürfte den deutschen Fußball noch lange Zeit in Atem halten. Die vom DFB selbst in Auftrag gegebene Ermittlung durch die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer soll noch „einige Wochen“ dauern. Auch an der Unabhängigkeit dieser Untersuchung gibt es mittlerweile massive Zweifel - es gibt eine private Verbindung zwischen einem engen Niersbach-Mitarbeiter und einem der Partner von Freshfields. Auch bei der FIFA sind noch zahlreiche externe Juristen erst am Anfang ihrer Untersuchungen. Bundesinnenministerium und Kanzleramt lassen derzeit intern ihre Akten zur WM 2006 prüfen.

Als gesichert gilt nur, dass der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus die 6,7 Millionen Euro im Auftrag der deutschen WM-Macher an die Finanzkommission des Weltverbands überwies - und sein Geld auch 2005 über den Umweg eines FIFA-Kontos wieder zurückbekam. Allerdings vom WM-OK bewusst verschleiert und falsch deklariert.

DFB-Affäre um WM 2006

16. Oktober

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa ein.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sei, um damit vier entscheidende Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein. Der DFB weist den „Spiegel“-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober

Erstmals äußert sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu den Vorwürfen: „Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat.“

18. Oktober

Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den „Spiegel“-Bericht: „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat.“

19. Oktober

Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.

Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut vehement zurück, räumt aber erstmals „den einen offenen Punkt“ ein: „Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden.“

Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober

Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober

Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober

Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber „strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird.“

Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und berichtet im „Spiegel“ von der vermeintlichen Existenz einer schwarzen Kasse „in der deutschen WM-Bewerbung“. Es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005“.

26. Oktober

Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen „Fehler“ ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der Fifa-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober

Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober

Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus: „Ich habe dort alle meine Dokumente vorgelegt, meine Anmerkungen und meine Einschätzungen präsentiert.“

3. November

Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und dem ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlicht angeblich von Niersbach stammende handschriftliche Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die Fifa aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass der heutige DFB-Präsident nicht erst in diesem Jahr von den umstrittenen Vorgängen Kenntnis hatte.

9. November

Nach einer Sitzung des DFB-Präsidiums und einem Treffen mit den Chefs der fünf Regional- und 21 Landesverbänden erklärt Wolfgang Niersbach seinen Rücktritt als Präsident des Deutschen Fußball-Bunds. Niersbach erklärt, er habe sich nichts vorzuwerfen und sieht sich mit vielen offenen Fragen konfrontiert. Umso schwerer sei ihm die Entscheidung gefallen, die politische Konsequenz daraus zu ziehen.

Wer das Geld bekam und zu welchem Zweck, ist noch nicht geklärt. Laut Beckenbauer, dem ehemaligen DFB-Chef Wolfgang Niersbach und Co. sicherten sie damals mit dem Geld einen Organisationszuschuss. Im Raum steht aber auch, dass korrupte FIFA-Funktionäre das Geld verwendeten, um 2002 den Wahlkampf ihres damaligen Präsidenten Joseph Blatter zu finanzieren.

Eine weitere Möglichkeit ist nach wie vor die Ausgangsthese des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, das den Skandal im Oktober 2015 ans Licht brachte. Danach wurden mit den 6,7 Millionen nachträglich Wahlmänner der FIFA bezahlt, die im Sommer 2000 über die Vergabe der WM entschieden.

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