Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.10.2015

16:50 Uhr

WM-Skandal 2006

Sieben Fragen, die Beckenbauer offen lässt

VonThomas Schmitt

Die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, meidet das Scheinwerferlicht. Die Öffentlichkeit speist er in der Schwarze-Kassen-Affäre mit Häppchen ab. Welche Fragen rund um die WM 2006 er beantworten muss.

Handelsblatt in 99 Sekunden

Der DFB braucht einen Neuanfang! Vielleicht als Aktiengesellschaft?

Handelsblatt in 99 Sekunden: Der DFB braucht einen Neuanfang! Vielleicht als Aktiengesellschaft?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

DüsseldorfKein Funktionär kennt die Umstände und Interna rund um die Vergabe der WM 2006 wahrscheinlich so gut wie Franz Beckenbauer. Denn kein anderer Deutscher besitzt weltweit so viele herausragende Kontakte in der Fußballwelt wie der „Kaiser“. Zudem saß kein anderer zur fraglichen Zeit in so vielen Schlüsselpositionen wie die Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Einige Beispiele.

  • 1994 bis 2009: Beckenbauer war 15 Jahre Präsident des FC Bayern München, des mit Abstand wichtigsten Fußballklubs in Deutschland
  • 1998 bis 2010: Ein Dutzend Jahre war er Vize-Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB)
  • Bis 2000: Vor der WM-Vergabe 2006 reiste Beckenbauer um die ganze Welt, um Stimmen für Deutschland zu sammeln
  • 6. Juli 2000 bis Ende 2006: Beckenbauer war Präsident des WM-Organisationskomitees (WM-OK) bis nach der Weltmeisterschaft in Deutschland
  • 2007 bis 2011: Beckenbauer mischt im höchsten Gremium des Weltfußballverbandes Fifa mit, dem Fifa-Exekutivkomitee. Er stimmte mit ab über die umstrittene Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland und Katar.
  • Seit 2012: Beckenbauer ist als „Global Ambassador“, also weltweiter Botschafter, für den russischen Gaskonzern Gazprom tätig. Das Unternehmen ist ein wichtiger Sponsor der Fifa.

Fifa, DFB und der ISL-Skandal

Was ist ISL?

Ins Leben gerufen wurde die International Sport and Leisure (ISL) Mitte der 1980er-Jahre vom damaligen Adidas-Chef Horst Dassler. Die Schweizer Agentur war eine Tochtergesellschaft der ISMM-Gruppe, die mit den Rechten für die Fußball-Weltmeisterschaften handelte.

Was zahlte ISL?

Allein für die außereuropäischen TV-Rechte zur WM 2002 und 2006 zahlte die ISL der FIFA 1,4 Milliarden Franken. Aber auch die Olympischen Spiele sowie Tennis- und Motorsport-Wettbewerbe gehörten zum Portfolio.

Was passierte 2001?

Im Jahr 2001 ging die ISL bankrott. Der FIFA entstand dadurch ein Schaden von 51 Millionen Schweizer Franken – ein Verlust, der durch höhere neue Vermarktungseinnahmen später auf 36,9 Millionen Franken begrenzt werden konnte.

Wer folgte auf die ISL?

Die Fernsehrechte an der WM 2006 übernahm die Agentur Infront um Manager Günter Netzer und Gesellschafter Robert Louis-Dreyfus. Der Franzose soll dem DFB vor der WM 2006 das Geld für die kürzlich publik gewordene ominöse Zahlung von 6,7 Millionen Euro geliehen haben.

Welche Rolle spielt Netzer?

Von Netzer will der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger laut einem aktuellen „Spiegel“-Bericht erfahren haben, dass das Geld zum Stimmenkauf für die WM-Vergabe genutzt wurde – Netzer bestreitet das.

Gab es Korruption?

In einem Strafprozess gegen die ISL wurden 2008 mehrere Zahlungen an hochrangige Sportfunktionäre bekannt, unter anderem der FIFA und des Internationalen Olympisches Komitees IOC. 138 Millionen Franken sollen zwischen 1989 und 2001 über eine Stiftung in Liechtenstein verteilt worden sein – offenbar, um sich die lukrativen Marketingrechte zu sichern.

Wer ist betroffen?

Der ehemalige FIFA-Präsident João Havelange erhielt demnach 1,5 Millionen Franken, Ricardo Teixeira als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees rund 12,7 Millionen Franken. Eine Strafuntersuchung gegen die FIFA wegen Korruptionsvorwürfen stellte die Schweizer Staatsanwaltschaft im Jahr 2010 gegen eine Zahlung von 5,5 Millionen Franken ein.

Was muss noch aufgeklärt werden?

Zwanziger forderte schon im Jahr 2012, dass auch die Rolle der ISL bei der WM-Vergabe 2006 untersucht werden solle. Dem „Spiegel“ zufolge nahm Zwanziger die ISL-Akte zudem zum Anlass, einen Anwalt prüfen zu lassen, ob er sich bei der 6,7-Millionen-Zahlung des DFB möglicherweise selbst strafbar gemacht hat - was dessen Gutachten zufolge nicht der Fall gewesen sein soll.

Durch alle diese Funktionen ist Beckenbauer zu einem intimen Kenner des internationalen Fußballs und des Geschäfts damit geworden. Schon seine Bekenntnisse gegenüber dem amtierenden DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, die dieser in der vergangenen Woche öffentlich machte, zeigen dies. Beckenbauers vierstündige Aussage gegenüber externen DFB-Prüfern am Montag belegt dies außerdem.

Allerdings speist Beckenbauer die Öffentlichkeit entweder mit indirekten Geständnissen oder dürren Erklärungen ab – und erlaubt sich dabei sogar Seitenhiebe auf die anderen Akteure, die offener mit ihrem Wissen umgehen – und sogar direkt auf Presseanfragen reagieren, wie etwa Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Gefeiert wird Beckenbauer – wie meistens – in der „Bild“, etwa mit der dicken Überschrift: „Ich übernehme Verantwortung.“ Tatsächlich ist dies angesichts seiner Funktionärs-Vergangenheit eigentlich selbstverständlich. Faktisch ist dies bisher jedoch nur ansatzweise erkennbar. Es bleiben viele Fragen rund um die mysteriöse 6,7-Millionen-Euro-Zahlung an die Fifa offen. Etwa diese sieben.

1. Warum beharrt Beckenbauer – wie Niersbach – trotz der inzwischen zahlreichen Hinweise auf dunkle Machenschaften öffentlich weiter so sehr darauf, dass die WM-Vergabe für 2006 sauber gewesen sei?

Beckenbauer stellt dies in seinem dürren Statement an die erste Stelle: „Es wurden keine Stimmen gekauft, um den Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft 2006 zu bekommen.“ Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wiederholt dies gebetsmühlenartig: „Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen bei der WM-Vergabe 2006.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×