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02.03.2006

16:53 Uhr

WM-Ziel bleibt

Krisenmanagement ohne Kurswechsel

Nach dem WM-Schock von Italien zieht Jürgen Klinsmann keine personellen Konsequenzen, sondern verlangt von den Versagern von Florenz eine „Wiedergutmachung“ im nächsten Spiel gegen die USA.

Bleiben konsequent dpa

Klinsmann (l) und Co-Trainer Löw beobachten mit Sorge das Spiel in Florenz.

dpa FLORENZ/FRANKFURT. Nach dem WM-Schock von Italien zieht Jürgen Klinsmann keine personellen Konsequenzen, sondern verlangt von den Versagern von Florenz eine "Wiedergutmachung" im nächsten Spiel gegen die USA.

Einen Tag nach dem desaströsen 1:4 im ersten Spiel des WM-Jahres kündigte der Bundestrainer an, mit unverändertem Personal das Länderspiel am 22. März in Dortmund gegen die Amerikaner bestreiten zu wollen. "Wir sind überzeugt von dieser Mannschaft. Alle, die in Florenz dabei waren, werden auch wieder gegen die USA dabei sein, wenn sie gesund bleiben", erklärte Klinsmann bei einer Pressekonferenz in Frankfurt. Dazu kommt aber noch der gegen Italien fehlende Oliver Kahn, der in Dortmund wieder im Tor stehen wird.

Für das nun unbedingt notwendige positive Ergebnis und eine deutliche Leistungssteigerung seiner WM-Kandidaten opfert Klinsmann im Vorfeld des letzten Spiels vor der Nominierung seines WM-Kaders sogar den vierten großen Fitness-Test. "Wir lassen den Leistungstest fallen, um den Spielern zu signalisieren, dass wir schon eine sehr engagierte Leistung gegen die Amerikaner erwarten", erklärte der Bundestrainer. Eine neuerlich Pleite würde den ohnehin arg geschmälerten WM-Optimismus bei den Fans auf den Nullpunkt bringen und wohl auch die Spieler endgültig desillusionieren.

Am Tag nach der sportlichen Offenbarung versuchte Klinsmann mit seinem kompletten Stab das nachzuholen, was auf dem Spielfeld gegen die starken Italiener total misslungen war: den Schaden zu begrenzen. Statt nach der Rückkehr aus Florenz, wo eine völlig überforderte deutsche Nationalelf die höchste Niederlage in der Ära Klinsmann erlitten hatte, den direkten Anschluss-Flug nach Los Angeles zu nehmen, verlängerte der Bundestrainer seinen Europa-Aufenthalt und verteidigte in der DFB-Zentrale nochmals seinen riskanten WM-Kurs. Grundsätzliche Korrekturen sind nicht geplant. "Die Art und Weise, mit der wir die Dinge entwickelt und nach vorn getrieben haben, war immer mit einem Stück Risiko verbunden", betonte der Wahl-Amerikaner trotz des auf ganzer Linie desaströsen Auftritts.

DFB-Präsident Theo Zwanziger sieht nach der Blamage im "Stadio Artemio Franchi" keinen Anlass für ein Krisen-Management. Die Auswirkungen des Ergebnisses seien nicht mit jenen zu vergleichen, die nach dem 1:5 in Rumänien vor der EM 2004 das Ende der Ära Rudi Völler eingeleitet hatten. Er sei "nach wie vor überzeugt davon", dass der Bundestrainer die junge deutsche Mannschaft für die Heim-Weltmeisterschaft in weniger als 100 Tagen fit bekommt, sagte Zwanziger. "Es gibt zu der jungen Mannschaft keine Alternative, damit muss man leben. Entscheidend ist, dass wir am 9. Juni beim ersten WM-Spiel gegen Costa Rica präsent sind", betonte der DFB-Chef. Auch Klinsmann selbst zeigte sich unbeirrt: "Wir ziehen das mit unserer Philosophie und unserem System durch."

Zuvor war noch in der Nacht im Mannschafts-Hotel "The Westin Excelsior" in Florenz, wo auch der neue Sportdirektor Matthias Sammer übernachtete, ein kollektiver Schulterschluss vorbereitet worden. Selbst Klinsmanns ehemals schärfster Kritiker, Bayern-Manager Uli Hoeneß, bastelte mit an der Durchhalte-Strategie. "Es hat keinen Sinn, in Hektik zu verfallen", unterstrich Hoeneß als Sprecher der wiederbelebten "schnellen Eingreiftruppe" der Bundesliga und rief alle Clubs zur Solidarität auf, um die nationale WM-Aufgabe nicht zu gefährden. "Jetzt muss man Ruhe bewahren. Wenn man sich jetzt von außen auseinander nehmen lässt, hat man keine Chance. Jetzt muss man geradeaus weitergehen und nicht umdrehen und neue Namen diskutieren", erklärte der Bayern-Manager.

Nicht nur Klinsmann weiß, dass der seit Jahren kränkelnde deutsche Profi-Fußball derzeit keine tauglichen Alternativen zu jenem Personal bereitstellt, das in Florenz unterging. Allerdings wird es für den 41-Jährigen nach dem Italien-Desaster nun in den wenigen Wochen bis zum WM-Start äußerst schwierig, seine Methoden und seinen offensiven Jugendstil weiter als Erfolgsrezept zu verkaufen.

Spätestens nach dem schnellen 2:0 der Italiener wurde die aktuelle Interpretation seines Systems als naiv und gegen Weltklassemannschaften zu risikoreich entlarvt. Denn auch nach dem frühen Schock rannten die deutschen Spieler weiter ungesichert nach vorne und damit ins eigene Verderben. "Das war ein Klassenunterschied, vor allem im taktischen Bereich", sagte Michael Ballack. Der mit untergegangene Kapitän sprach Klartext: "Es ging auch kein Ruck durch die Mannschaft." Gegen die USA "müssen wir eine Reaktion zeigen, weil das darf nicht noch einmal passieren."

Die sportliche Leitung machte für die großen Probleme neben der Unerfahrenheit der Spieler vor allem in der Defensive auch die geringe Spielpraxis einiger Akteure in ihren Clubs verantwortlich. "Man hat gesehen, da fehlen Rhythmus, Feingefühl und das Gefühl für das Raumverhalten", sagte Klinsmann, der trotz aller Misslichkeiten weiterhin an seinem Ziel WM-Titel festhält. "Weil wir wirklich glauben, dass die Erwartungshaltung und die Hoffnung, bis zum Ende dabei zu sein und vielleicht das ganz große Dinge zu schaffen, automatisch kommen. Die Mannschaft kann damit umgehen", versicherte der Bundestrainer.

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