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07.04.2006

13:34 Uhr

Zentralstadion Leipzig

Eine Schüssel in der Schüssel für den Fußball

Das Zentralstasion in Leipzig hatt 44 000 Sitzplätze. Die Sachsen führen die Oberliga-Tabelle an, was aber selten mehr als 2 000 Zuschauer zu ihren Spielen lockt. Doch das Ziel, Sachsen Leipzig in den Profifußball zu bekommen, wird nicht aus den Augen verloren.

Das Zentralstadion in Leipzig. dpa

Das Zentralstadion in Leipzig.

DÜSSELDORF. Der Aufbau Ost muss als Begründung für so manche überdimensionierte Immobilie in den neuen Bundesländern herhalten. Doch dass ein Oberliga-Verein ein 115 Mill. Euro teures Stadion bekommt, ist damit nicht zu erklären - auch nicht, wenn es zusätzlich für Open-Air-Konzerte genutzt wird. Zum Vergleich: Das Stadion des "Noch"-Erstligisten Köln war fünf Mill. Euro billiger.

Doch Stefan Sachse, Leiter des Leipziger Büros von Makler Atisreal, fasst das Unfassbare in einfache Worte: "Leipzig profitierte vom Nimbus DFB." Der Deutsche Fußballverband wurde nämlich im Jahr 1900 in Leipzig gegründet. Er dürfte geholfen haben, dass Stadt und Bund Stadionbauer Emka gemeinsam gut 70 Mill. Euro zuschossen. Hinter Emka steckt Kinowelt-Gründer Michael Kölmel, dem ein Gericht schon einmal "ein gewisses Abenteurertum" attestierte.

"Wir haben unser Ziel, Sachsen Leipzig in den Profifußball zu bekommen, nicht aus den Augen verloren", sagt Winfried Lonzen, Geschäftsführer der Kölmel-Firma ZSL Betreibergesellschaft. Immerhin führen die Sachsen die Oberliga-Tabelle an, was aber selten mehr als 2 000 Zuschauer zu ihren Spielen lockt. Die geben den Blick frei auf in türkis-dunkelblauen Wellen bemalte Sitztribünen. Das Farbspiel ähnelt zwar den Wandbemalungen städtischer Hallenbäder, soll aber an die beiden großen Leipziger Vereine Sachsen und Lok erinnern. Lok spielt in den Leipziger Stadtfarben Blau und Gelb. Die Vereinsfarbe von Sachsen ist Grün, woraus im Stadion Türkis wurde, weil sich nach landläufigem Farbempfinden Grün und Blau "beißen".

Die Schüssel in der Schüssel ist buchstäblich auferstanden aus Ruinen - und das gleich zwei Mal. Nach dem Zweiten Weltkrieg schütteten die Leipziger 1,5 Mill. Kubikmeter Trümmerschutt in einem ehemaligen Sumpfgelände auf und errichteten darauf ihr erstes Zentralsstadion. Am 9. September 1956 beim 1:2 im Ostderby zwischen SC Rotation Leipzig und SC Lokomotive Leipzig strömten 100 000 Menschen in die Arena. Niemals wurden bei einem Punktspiel in Deutschland mehr gezählt.

Doch einige DDR-Sportfeste später bröckelte der Beton, und das Unkraut schoss aus den Ritzen. Das alte Stadion abzubrechen schien teurer als ein neues zu errichten. Denn man hatte andere Sorgen, als den Kriegsschutt von umweltschädlichen Stoffen zu befreien. Das Risiko, beim Abtragen des Walls Altlasten auszugraben, mochte niemand eingehen.

Der Neubau wurde zur Herausforderung für die Logistiker der Baufirmen und das Improvisationstalent des Bauherren. Die einen bugsierten zentimetergenau Baumaterial durch einen eigens gegrabenen Wall-Tunnel ins Stadioninnere. Dem anderen brachten Insolvenzen von Baufirmen den Zeitplan immer wieder durcheinander. Und er riskierte Kopf und Kragen, um bereits im Mai 2002 die Gala für das Deutsche Turn- und Sportfest auszurichten. Die Zuschauern saßen in einem Rohbau, an dessen Betreten sie eigentlich Schilder "Baustelle betreten verboten" hätten hindern müssen. ZSL-Manager Lonzen erinnert sich: "Wir saßen gemeinsam mit dem Ordnungsamtschef auf der Tribüne und dachten: Hoffentlich passiert nichts, sonst treffen wir uns im Knast beim Skat wieder."

Messe- und Universitätsstadt

Die Stadt: Mit 500 000 Einwohnern ist Leipzig Zentrum einer dreimal so großen Region. An der zweitältesten Universität Deutschlands studieren heute rund 37 000 Menschen. Schlagzeilen machte die Stadt mit ihren Montagsdemos gegen das SED-Regime. Am 6. November 1989 nahmen 400 000 Menschen teil.

Die Wirtschaft: Messestadt seit 1497 und einst das Zentrum der Industrialisierung auf dem Kontinent, belastet Leipzig heute eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent - trotz spektakulärer Neuansiedlungen wie BMW und Porsche.

Der Fußball: FC Sachsen Leipzig spielt in der Oberliga, Lok Leipzig, Nachfolger des VfB Leipzig, kickt in der Bezirksliga. Immerhin: Beide führen ihre Ligen an.

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