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09.05.2014

16:11 Uhr

Aussage gegen Ecclestone

Der Banker im Büßerhemd

VonCornelia Knust

Im Prozess gegen Bernie Ecclestone präsentiert sich der Belastungszeuge Gerhard Gribkowsky als reuiger Büßer. Der Verkauf der Formel-1-Anteile sei nicht zu toppen gewesen, sagt der Ex-BayernLB-Vorstand vor Gericht aus.

Ex-BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky gibt sich vor dem Landgericht München fast schon treuherzig. Doch Ecclestones Anwälte gönnen ihm diese Rolle nicht. dpa

Ex-BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky gibt sich vor dem Landgericht München fast schon treuherzig. Doch Ecclestones Anwälte gönnen ihm diese Rolle nicht.

MünchenBis zur Gretchenfrage dauert es drei Stunden. Peter Noll, Vorsitzender Richter im Münchner Prozess gegen Formel1-Chef Bernhard Ecclestone, will vom Zeugen wissen, ob er die Formel 1-Anteile im Herbst 2005 zu billig verkauft hat, weil er zuvor von Ecclestone bestochen worden ist.

Der Zeuge heißt Gerhard Gribkowsky, 56 Jahre, bis 2008 Risikovorstand der BayernLB, 2012 wegen Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung rechtkräftig verurteilt, derzeit wohnhaft im Freigängerhaus der Justizvollzuganstalt München.

Für die ehemaligen Eigentümer der Formel 1, also die BayernLB und die insolvent gegangene Kirch-Gruppe (heute Constantin Medien), ist diese Frage von entscheidender Bedeutung. Die Bank bereitet dazu gerade eine Schadenersatzklage über 400 Millionen Euro vor. Doch Gribkowsky, der sich in Vernehmungen der Staatsanwaltschaft München I 2012 sehr wohl zu der Kaufpreisfrage geäußert haben soll, findet heute Ausflüchte.

Ecclestone-Prozess: Wer ist Gerhard Gribkowsky?

Ex-Banker

Gerhard Gribkowsky war von 2003 bis 2008 Vorstandsmitglied der BayernLB, einer Anstalt öffentlichen Rechts in München. In den Jahren 2005 bis 2007 hat er Bestechungsgelder in Höhe von 44 Millionen Dollar erhalten. Formel-1-Chef Bernhard Ecclestone und die ihm nahe stehende Bambino-Stiftung zahlten Gribkowsky diese Summe, damit er die Anteile der Bank an der Formel-1 entsprechend Ecclestones Vorstellungen verkaufte, nämlich an den britischen Finanzinvestor CVC.

Verurteilt

Ende 2010 lenkte Gribkowsky selbst das Interesse der Staatsanwaltschaft auf sich, als er ihr die Herkunft von Geldern in Österreich erklären wollte, nach denen sich zuvor ein Journalist erkundigt hatte. Im Januar 2011 folgte Gribkowskys Festnahme. Ab Oktober 2011 wurde ihm vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München I der Prozess gemacht. Er verweigerte monatelang die Aussage, legte zum Schluss aber ein Geständnis ab.

Im Knast

Das Gericht kam im Juni 2012 zu dem Schluss, Gribkowsky habe seine Pflichten als Vorstand verletzt, sich der Bestechlichkeit in Tateinheit mit Untreue schuldig gemacht und überdies in zwei Veranlagungsjahren hintereinander Steuern von fast 15 Millionen Euro hinterzogen. Das Urteil lautete auf stolze achteinhalb Jahre Gefängnis. Die Strafe verbüßt der Ex-Banker in der Justizvollzugsanstalt München Stadelheim, mittlerweile als Freigänger.

Opfer

Die Münchner Staatsanwaltschaft sagte schon im Juni 2012 im Plädoyer im Gribkowsky-Prozess, Ecclestone sei nicht Opfer einer Erpressung durch den Banker, wie er es in seiner Zeugenaussage dargestellt hatte, sondern Mittäter einer Bestechung. Auch der Vorsitzende Richter Peter Noll sagte damals, Ecclestone sei die treibende Kraft gewesen. Mit seinem Charme, seiner Raffinesse, seiner wirtschaftlichen Potenz und seiner langen Erfahrung habe er Gribkowsky „ins Verbrechen geführt.“

Spekulationen

Gribkowskys damaliger Anwalt Rainer Brüssow deutete sogar ein Insichgeschäft an, bei dem der Kaufpreis künstlich gedrückt worden sein könnte: „Wer stand hinter CVC? Wer hatte die Zügel in der Hand?“, fragte Brüssow in seinem Plädoyer

Nachspiel

Gribkowsky selbst packte dazu erst nach seiner Verurteilung aus, als in den Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft gegen Ecclestone als Zeuge befragt wurde. In diesen Vernehmungen soll er auch erklärt haben, Ecclestone habe ihn als Beamten-Banker lächerlich gemacht, habe mithin gewusst, dass Gribkowsky ein Amtsträger war und dass er sich strafbar macht, wenn er ihn besticht.

Neue Anklage

Bis Mai 2013 dauerte es, bis die Staatsanwaltschaft München I die Anklageschrift gegen Ecclestone fertig hatte. Die Anklage wegen Bestechung und Anstiftung zur Untreue wurde ihm im Juli zugestellt und im Januar 2014 vom Landgericht München I zugelassen. Seit April steht Ecclestone nun tatsächlich in München vor Gericht. Am 9. Mai sieht er mit Gribkowsky den Mann im Zeugenstand, der ihm dies wesentlich eingebrockt hat.

Unter der Gürtellinie

Zuletzt, im November 2011, war es umgekehrt. Da war Ecclestone als Zeuge im Gribkowsky-Prozess aufgetreten. Und da hatte er den Angeklagten tatsächlich lächerlich gemacht, als eitlen Banker, dem die Formel 1 zu Kopf gestiegen sei, als kopflosen Geschäftsmann, als „Sauf-Kumpan“ von Ecclestones Ex-Frau Slavica und als Meister der subtilen Bedrohung: „Ich bin schon öfter 'durchgerüttelt' worden“, sagte Ecclestone, „aber noch nie so raffiniert wie von Gribkowsky“.

Es sei ja der letzte Zeitpunkt gewesen, um einen Verkauf auf die Reihe zu kriegen, sagt der Banker. Die Gefahr einer Totalabschreibung der 46-Prozent-Beteiligung an der Formel1 habe gedroht. Sie habe nur noch mit 400 Millionen Euro in den Büchern gestanden. Insofern sei eine Bewertung von 2,1 Milliarden Dollar für 100 Prozent an der Formel 1 durch den Erwerber CVC attraktiv gewesen: „In der Höhe und im Timing kann man sagen – besser ging's nicht“.

Richter Noll hatte seine Frage an Gribkowsky zuvor gewohnt geschliffen formuliert: „Hatte die Besprechung mit Herrn Ecclestone im Mai in seinem Büro in London irgendeinen Einfluss auf diese Entscheidung? Das: ,I will take care of you'?“

Denn mit diesen Worten hatte Ecclestone nach Darstellung Gribkowskys den Banker umgarnt. Der alte Mann hatte die Kriegsfahne eingerollt und Gribkowsky eingeladen, den Verkauf der Formel 1-Anteile künftig gemeinsam zu organisieren, und ihm für die Zeit danach sogar einen Job angeboten.

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