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30.01.2014

13:57 Uhr

Fall Schumacher

Künstliches Koma entlastet das Hirn, ist aber auch riskant

Michael Schumacher wird langsam aus dem künstlichen Koma geholt. Welche Schäden sein Organismus davonträgt, ist noch nicht absehbar. Laut Experten ist eine Koma-Phase von dieser Dauer jedoch oft äußerst problematisch.

Nichts ist unangenehmer als die Ungewissheit: Welche Schäden hat das einmonatige Koma Michael Schumachers Körper zugefügt? Dies wird sich erst nach der langen Aufwachphase zeigen. dpa

Nichts ist unangenehmer als die Ungewissheit: Welche Schäden hat das einmonatige Koma Michael Schumachers Körper zugefügt? Dies wird sich erst nach der langen Aufwachphase zeigen.

BerlinMedizinische Prognosen können bei einem Schädel-Hirn-Trauma und anschließendem künstlichen Koma sehr unterschiedlich ausfallen. „Ärzte setzen einen Patienten nur dann drei oder vier Wochen in künstliches Koma, wenn die Situation des Gehirns sehr ernst ist“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI), Andreas Ferbert, jedoch.

Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher war nach seinem Ski-Unfall am 29. Dezember in ein künstliches Koma versetzt worden.

Damit könne ein erhöhter Hirndruck gesenkt werden und ebenso der Stoffwechselbedarf des Gehirns, erläuterte Ferbert. Ein erhöhter Hirndruck kann zu Schäden in dem Organ führen. „Wie bei jeder ärztlichen Maßnahme muss aber der Benefit gegen die Risiken abgewogen werden.“

Der tragische Schumacher-Unfall

29. Dezember 2013, gegen 11.00 Uhr

Schumacher verunglückt. Er hilft einem gestürzten Freund, verlässt die markierte Piste, verliert die Kontrolle über die Ski und kracht mit dem Kopf auf einen Felsen. Auch Sohn Mick zählt zur Ausflugsgruppe.

29. Dezember 2013, Minuten nach dem Unfall

Minuten nach dem Unfall: Bergretter versorgen Schumacher. Er ist ansprechbar, aber verwirrt. Sein Helm soll bei dem Aufschlag kaputt gegangen sein. Der Rettungshubschrauber bringt ihn von Méribel ins Krankenhaus nach Môutiers.

29. Dezember 2013, gegen 12:40 Uhr

Schumacher wird ins Universitätskrankenhaus von Grenoble eingeliefert. Die Verletzungen waren zu schwer, um in Môutiers behandelt zu werden. Schumacher wird sofort notoperiert. Er hat ein Kopftrauma mit Koma. Bis dato weiß die Öffentlichkeit noch nichts von Schumachers Unfall.

29. Dezember 2013, früher Nachmittag

Französische Medien berichten als erste von Schumachers Skiunfall. Managerin Sabine Kehm bestätigt zunächst nur: „Michael ist bei einem privaten Skitrip in den französischen Alpen auf den Kopf gestürzt. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und wird medizinisch professionell versorgt.“

29. Dezember 2013, Nachmittag

Schumachers Familie ist in Grenoble. Wie schwer der zweimalige Familienvater verletzt ist, bleibt unklar.

29. Dezember 2013, früher Abend

Schumachers Zustand verschlechtert sich. Er schwebe in Lebensgefahr, berichten französische Medien. Sein ärztlicher Wegbegleiter Gérard Saillant kommt unter Polizeiaufgebot in Grenoble an. Im Internet beginnt eine Welle der Genesungswünsche. „Ich bete für dich, mein Bruder!“, schreibt Felipe Massa, einst Schumachers Teamkollege bei Ferrari: „Gott segne dich, Michael.“

29. Dezember 2013, später Abend

Die Ungewissheit hat ein Ende. Die Sorgen werden aber größer. Schumacher ist in kritischem Zustand, heißt es vom Krankenhaus. Ross Brawn, guter Freund und Erfolgsbegleiter Schumachers, kommt nun auch in Grenoble an. Die Sportwelt bangt. „Meine Gedanken sind bei Schumi“, schreibt Dirk Nowitzki.

30. Dezember 2013, Morgen

Erste Nacht überstanden. Um 11.00 Uhr aber die Schock-Diagnose: Sein Zustand ist weiterhin „außerordentlich ernst“. Schumacher schwebt in Lebensgefahr. Weit verbreitete Verletzungen im Gehirn. „Wir sind beunruhigt über seinen Zustand“, sagt der Neurologe Gerard Saillant. Keine Prognose zu Überlebenschancen.

30. Dezember 2013, Mittag

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich betroffen. „Wie Millionen von Deutschen waren auch die Bundeskanzlerin und die Mitglieder der Bundesregierung außerordentlich bestürzt, als sie von Michael Schumachers schwerem Skiunfall erfahren haben“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Schumachers Familie bedankt sich für die ergreifende Anteilnahme weltweit.

30. Dezember 2013, im weiteren Verlauf

Leichte Besserung. Die Ärzte sind selbst überrascht nach einem entsprechenden Gehirnscan. Um den Druck weiter zu verringern, nachdem sich Schumacher ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Blutungen und Hämatomen zugezogen hat, entscheiden sie sich nach Absprache auch mit der Familie für eine zweite Operation.

30. Dezember 2013, gegen 22:00 Uhr

Zweiter Eingriff. Ein Hämatom in der linken Hirnseite wird entfernt. OP-Dauer etwa zwei Stunden. Keine Komplikationen. Die Öffentlichkeit erfährt von diesem Eingriff erst am nächsten Vormittag.

31. Dezember 2013, gegen 11:00 Uhr

Zweite Pressekonferenz des hochrangigen Ärzteteams. Schumachers Unfall ist 48 Stunden her. Der Gesundheitszustand hat sich leicht verbessert, zumindest haben die Mediziner die Situation nach eigener Aussage nun „etwas besser unter Kontrolle“. Schumacher bleibt aber in Lebensgefahr.

31. Dezember 2013, nach der Pressekonferenz

Zum ersten Mal werden Details zum Unfallhergang bekannt. Schumacher-Managerin Kehm berichtet zudem von einem Journalisten, der sich als Priester verkleidet Zutritt zu Schumacher verschaffen wollte.

1. Januar 2014

Managerin Kehm tritt vor die Presse. Die gute Nachricht: Schumachers Zustand ist in der Neujahrsnacht und am Vormittag stabil. Aber auch weiter kritisch. Lebensgefahr bleibt.

3. Januar 2014

Schumachers 45. Geburtstag. Über hundert Ferrari-Fans pilgern nach Grenoble und huldigen ihrem ehemaligen Piloten. „Wir sind überwältigt!“, teilt die Familie am Abend mit.

4. Januar 2014

Managerin Kehm stellt in einer Mitteilung klar: Schumachers Zustand bleibt stabil, aber kritisch. Zudem: Die Helmkamera, die Schumacher beim Unfall trug, wurde den Untersuchungsbehörden übergeben – „freiwillig“.

5. Januar 2014

Der „Spiegel“ berichtet von einem angeblichen Video eines Skifahrers, das Erkenntnisse über den Unfallhergang bringen könnte. Offiziell gibt es keine neuen Information.

8. Januar 2014

Michael Schumacher ist nach ersten Erkenntnissen der Ermittler nicht zu schnell gefahren. „Er fuhr mit angemessener Geschwindigkeit“, sagte der Kommandant der Gebirgsgendarmerie. Der Felsen, auf den Schumacher prallte, soll sich acht Meter abseits der Piste befunden haben.

17. Januar 2014

Der Gesundheitszustand ist unverändert, aber stabil. Schumachers Managerin Sabine Kehm teilte mit, „dass Michaels Familie sehr zufrieden ist mit der Arbeit des behandelnden Ärzteteams und dass sie ihnen absolut vertraut“.

30. Januar 2014

Michael Schumachers Narkosemittel werden reduziert, um ihn in einen Aufwachprozess zu überführen.

17. Februar 2014

Die Staatsanwaltschaft teilt nach Abschluss der Ermittlungen mit, dass es keine Hinweise auf ein Fremdverschulden gibt und kein strafbares Verhalten vorliegt.

4. April 2014

„Michael macht Fortschritte auf seinem Weg. Er zeigt Momente des Bewusstseins und des Erwachens“, teilt seine Managerin Sabine Kehm in einer Stellungnahme mit.

16. Juni 2014

Schumachers Managerin gibt bekannt: „Michael hat das CHU Grenoble verlassen, um seine lange Phase der Rehabilitation fortzusetzen. Er ist nicht mehr im Koma.“

Das künstliche Koma könne andere Organe schädigen, darunter die Lunge, sagte Ferbert. Je mehr Zeit verstreiche, desto eher träten die nützlichen Aspekte in den Hinter- und die Risiken in den Vordergrund. Ein tiefes künstliches Koma über vier Wochen hinweg sei daher eher unüblich. „Vier Wochen ist da schon sehr lange.“

Nachdem Schumachers Managerin Sabine Kehm am Mittwoch einen Bericht der Sportzeitung „L'Equipe“, wonach Schumacher langsam aus dem künstlichen Koma geholt werden solle, noch als Spekulation zurückgewiesen hatte, ist mittlerweile klar, dass Schumacher nun tatsächlich in die Aufwachphase versetzt werden soll.

Ferbert erläuterte, die Prognose für die Hirnleistung verschlechtere sich, je länger ein künstliches Koma aufrechterhalten werden müsse: „Das Problem ist, dass es keine genaue Definition des künstlichen Komas gibt. Im weiteren Sinne könnte dies auch heißen, dass das Koma teilweise medikamentös bedingt ist und teilweise durch die Krankheit selbst.“

Nach DGNI-Angaben erleiden pro Jahr rund 270.000 Menschen in Deutschland ein Schädel-Hirn-Trauma, davon sind zehn Prozent mittelschwere und schwere Fälle. Mehr als die Hälfte aller Fälle gehen demnach auf Stürze zurück, vor allem von alten Menschen, nur etwa 25 Prozent auf einen Autounfall.

Von

dpa

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