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19.03.2016

11:51 Uhr

Ferrari in der Formel 1

Marchionne erhöht den Druck auf Vettels Team

Tradition verpflichtet, das gilt auch in der Formel 1. Wer Ferraris „rote Göttin“ steuert, der muss mit hoher Erwartungshaltung umgehen können. Sebastian Vettels Debütsaison hat offenbar den Hunger der Scuderia geweckt.

dpa

MelbourneSebastian Vettel und die Scuderia ereilte kurz vor der ersten Etappe ihrer Formel-1-Titelmission die nächste Verfügung des Ferrari-Patrons. Das Team sei bereit für eine Erfolgsserie, ließ Fiat-Boss Sergio Marchionne seine Truppe in Melbourne wissen. Was er denn davon halte, wurde Vettels Teamchef Maurizio Arrivabene gefragt. „Es ist doch ganz normal, dass der Präsident von dir verlangt, im zweiten Jahr nicht weniger zu leisten als im ersten“, entgegnete Arrivabene am Freitag. „Der Präsident ist dafür da, seine Leute anzutreiben, es besser, besser und nochmals besser zu machen.“

Marchionnes Worte sind deutlich. Er will den ganz großen Erfolg, und er will ihn in diesem Jahr. 2007 wurde in Vettels aktuellem Teamkollegen Kimi Räikkönen letztmals ein Ferrari-Pilot Weltmeister. 2008 holte die Scuderia zuletzt die Konstrukteurs-WM. Seitdem war das Team mit dem „cavallino rampante“ (aufbäumendes Pferdchen) im Logo zwar immer wieder nah dran. Doch nah dran zu sein, ist für einen Marchionne nicht genug. „Wenn wir zehn Jahre lang keinen Titel holen sollten, wäre das eine Tragödie“, hatte er verkündet.

Was Sie zum Start der Formel-1-Saison wissen müssen

Wer ist der Top-Favorit?

Der Weltmeister, der Titelverteidiger: Lewis Hamilton. Selbst wenn er zum Ende der Vorsaison eher den WM-Ruhm genoss und seine Siegserie riss. Selbst wenn er trotz zwei WM-Titeln für die Silberpfeile von Mercedes nicht zur Nummer 1 im Team erklärt wird. Hamilton hat zwar die Marke seines Idols Ayrton Senna von drei WM-Titeln erreicht, der 31 Jahre alte Brite wird deswegen aber nicht vom Gas gehen.

Wer sind die Herausforderer?

Hamiltons ärgste Gegner sprechen deutsch. Erster Widersacher ist wie in den vorangegangenen beiden Jahren Teamkollege Nico Rosberg. Die drei Siege zum Ende der Saison 2015 haben dem gebürtigen Wiesbadener das Gefühl gegeben, Hamilton schlagen zu können. Gelingt ihm das wieder nicht, wird Rosberg zum ewigen Zweiten. Auch Sebastian Vettel will verhindern, dass Hamilton Ende dieses Jahres wie er selbst auf vier WM-Titel kommt. Vettel plant seinen fünften Triumph, vor allem aber seinen ersten im Ferrari.

Hat Ferrari seinen Rückstand denn wirklich aufholen können?

Bei den Testfahrten erzielte die Scuderia mehrfach die Tagesbestzeit. Aber was heißt das schon? Mercedes konzentrierte sich vor allem auf die Standfestigkeit des neuen Wagens. Dreimal konnte Vettel im vergangenen Jahr die Siegesserie der Silberpfeile unterbrechen. Das soll 2016 öfter passieren. Spekulationen um fast 1000 PS, die der Mercedes-Antrieb leisten könnte, machten aber bereits die Runde.

Welche deutschen Fahrer gehen zudem an den Start?

Nico Hülkenberg und Pascal Wehrlein. Hülkenberg, 28 Jahre alt, bestreitet seine sechste Saison. Wehrlein, 21 Jahre alt, feiert sein Renndebüt. Insgesamt gehen also wieder vier deutsche Piloten an den Start, nachdem es im vergangenen Jahr nur Vettel, Rosberg und Hülkenberg gewesen waren. Anders als Vettel und Rosberg kämpft Hülkenberg nicht um einen Sieg. Er will im Force India endlich den ersten Podestplatz. Für Wehrlein, den DTM-Meister von 2015, wird es im Manor ein Lehrjahr, um irgendwann einmal für den Wechsel ins Mercedes-Cockpit gerüstet zu sein.

Was hat sich geändert?

Im Kampf gegen das sinkende Interesse an der milliardenschweren Rennserie wurde der Qualifikationsmodus kurz vor dem Auftakt geändert. In den drei Qualifikationsrunden scheidet nach einer vorgegebenen Zeit alle 90 Sekunden der jeweils langsamste Fahrer aus. Man erhofft sich davon mehr Autos auf der Strecke, kurzum: weniger Taktiererei, mehr Spektakel. Offen ist noch, ob die Computertechnik bei der neuen Variante mitspielt.

Wer oder was ist sonst noch neu?

Aserbaidschan. Das von Menschenrechtlern schwer kritisierte Land darf sich über seine Formel-1-Premiere am 19. Juni freuen. Neu ist auch das amerikanische Haas-Team. Maßgeblich unterstützt von Ferrari. Neulinge sind neben Wehrlein auch zwei weitere Fahrer: Jolyon Palmer, Brite im Renault, und Rio Haryanto, Indonesier im zweiten Manor.

Ist das Deutschland-Rennen diesmal gesichert?

Ja, anders als vor einem Jahr, als der Große Preis von Deutschland auf dem finanziell kriselnden Nürburgring aus dem Kalender gestrichen werden musste, kommt es zum Heimrennen fürs deutsche Quartett. Gefahren wird am letzten Juli-Wochenende auf dem Hockenheimring.

Gibt es vor dem Saisonbeginn noch offene Baustellen?

Ja, wie immer. Diesmal betrifft es vor allem das Rennen in den USA. Der Strecke in Austin fehlt das nötige Geld, nachdem die öffentlichen Zuschüsse gekürzt wurden. Obwohl eines der Highlights im Rennkalender mit viel amerikanischem Pathos, steht hinter dem Großen Preis der USA noch ein Fragezeichen.

Man hätte das sicher sachlicher formulieren können. Aber das wäre eben nicht Ferrari. Die Scuderia ist vielleicht der komplizierteste, launischste und anstrengendste aller Formel-1-Rennställe. Das hat zunächst mal nichts mit einem Chef wie Marchionne zu tun. Das ist in erster Linie der Geschichte der Scuderia geschuldet. Kein anderes Team ist in der Königsklasse des Motorsports schon so lange dabei wie der Rennstall aus Maranello. Seit dem ersten WM-Jahr 1950 rasen die italienischen Grand-Prix-Pioniere schon um Titel.

Und wie! 16 Konstrukteurs- und 15 Fahrer-Weltmeisterschaften gewann Ferrari. Da kommt bei weitem kein anderer Rennstall mit. „Ferrari ist die Formel 1 und die Formel 1 ist Ferrari“, sagte einmal Chefvermarkter Bernie Ecclestone. Dieser Mythos muss aber mit Titeln stetig befüttert werden. Und dafür ist Vettel da.

Ein Jahr wurde ihm zum Neuaufbau gewährt. Mit drei Grand-Prix-Siegen funktionierte das auch gut. Dieses Jahr aber wäre das nicht mehr genug. „Wir wären auch gerne im ersten Jahr schon Weltmeister geworden“, versicherte Vettel. 2015 musste sich der viermalige Champion aber mit einem dritten Platz in der Fahrerwertung hinter den Mercedes-Dauersiegern Lewis Hamilton und Nico Rosberg begnügen. Nachdem sich Hamilton in Melbourne die Pole Position gesichert hat, geht es auch genau in dieser Reihenfolge in das erste Rennen.

„Mit 21 Rennen ist diese Saison extrem lang, daher haben wir ein bisschen Zeit, wenn der Start nicht zu 100 Prozent perfekt sein sollte“, sagte Vettel beim Grand Prix von Australien. Mehr als Position acht war für den Heppenheimer zum Abschluss der ersten beiden Trainingseinheiten am Freitag nicht drin.

„Wir wollen uns in Australien als das Team präsentieren, das es zu schlagen gilt“, gab Marchionne seiner Formel-1-Belegschaft vor der langen Reise mit auf den Weg. Das ist der Anspruch.

Fast alle großen Piloten fuhren für Ferrari. Ob Juan Manuel Fangio, Niki Lauda, Alain Prost oder natürlich Rekord-Weltmeister Michael Schumacher - die Historie dieses Rennstalls zog sie an. Dahinter verbirgt sich aber die Notwendigkeit extrem harter Arbeit. Sonst lassen sich nicht die erwarteten Erfolge erzielen, um auch die verwöhnten Tifosi glücklich zu machen. „Druck ist Teil unseres Jobs“, sagte Arrivabene, „das gehört einfach dazu.“

Von

dpa

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