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21.06.2015

10:29 Uhr

Großer Preis von Österreich

Red Bulls verpatztes Heimspiel

VonAlexander Möthe

Eigentlich hatte Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz sich vom Grand Prix von Österreich ein triumphales Heimspiel erhofft. Doch das Formel-1-Team lahmt – und Mateschitz bangt um das Markenimage des Roten Bullen.

Dem Red-Bull-Chef vergeht vor dem Heimrennen die Lust an der Formel 1. dpa

Dietrich Mateschitz

Dem Red-Bull-Chef vergeht vor dem Heimrennen die Lust an der Formel 1.

Düsseldorf„Wenn wir sehen, dass wir keine Chance auf einen Titel mehr haben, dann verlieren wir ganz einfach die Lust“, sagte der Milliardär, Sportmäzen und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz neulich dem Motorsportmagazin „speedweek.com“. Der 71-Jährige ist unzufrieden mit seinem Formel-1-Engagement. Vor zehn Jahren entschloss sich der Getränkehersteller, die höchste Motorsportklasse als Teil der eigenen Markenwelt zu erschließen. 2005 wurde aus Jaguar „Red Bull Racing“. Inzwischen hat sich Hauptsponsor Infiniti noch das Namenspräfix gesichert. Und zwischen 2010 und 2013 dominierte Infiniti Red Bull Racing um Sebastian Vettel nach Belieben.

Wie viele Millionen Mateschitz in den vergangenen zehn Jahren in das Projekt gesteckt hat, kann nicht zuverlässig geschätzt werden. Zuletzt bestritten die Österreicher die Saison jeweils mit Budgets deutlich über 200 Millionen Euro. Und auch wenn sich der Rennstall durch Sponsoreneinnahmen und TV-Gelder selbst finanziert, Red Bull kann sich die inzwischen hinterher fahrenden Spitzensportler nicht leisten. Nicht, weil das Geld ausginge. Aber schließlich soll der Energy Drink Flügel verleihen und keine Durchschnittsleistung repräsentieren.

Durchschnitt ist aber genau das, was Red Bull seit der vergangenen Saison liefert. Nach vier Weltmeistertiteln am Stück wurde Sebastian Vettel nur Gesamtfünfter. Der eigentliche Zweitpilot Daniel Ricciardo holte immerhin drei Siege, blieb aber am Ende gegen die Mercedes ohne Chance. Der Zeitpunkt für den Rückschlag hätte für Red Bull Racing dabei kaum schlechter sein können. Denn seit 2014 gibt es für die Österreicher wieder ein lupenreines Heimspiel, am „Red Bull Ring“ im steierischen Spielberg.

Fakten zum Großen Preis von Österreich

Die Daten

Der Name: Red Bull Ring

Die Streckenlänge: 4,326 Kilometer

Die Rundenzahl: 71

Erster Grand Prix: 1970 (hieß damals Österreichring)

Der Rekordsieger: Alain Prost (1983, 1985, 1986)

Die Besonderheit

Nach aufwendigen Umbauarbeiten wurde der Red Bull Ring am 15. Mai 2011 wieder offiziell eröffnet. Die Formel 1 kehrte im Vorjahr auf die malerisch gelegene Strecke in der Steiermark zurück. Auf dem alten A1-Ring hatte die Königsklasse 2003 letztmals gastiert.

Das Streckenprofil

Der Berg-und-Tal-Kurs ist anspruchsvoll, ohne das Material übermäßig zu belasten. Mit einem Vollgasanteil von 62,7 Prozent und Höchstgeschwindigkeiten um die 320 Stundenkilometer liegt der Red Bull Ring im WM-Kalender im Mittelfeld. Die Spitzkehre nach einer langen Bergaufgeraden ist einer der besten Bereiche zum Überholen.

Das sagen die Fahrer

„Es ist eines der Highlights im Jahr“, meint Sebastian Vettel. Der viermalige Weltmeister freut sich auf den Grand Prix, auch wenn es für ihn nach äußerst erfolgreichen Jahren bei Red Bull durch seinen Wechsel zu Ferrari kein Heimrennen mehr ist. Sein ehemaliger Red-Bull-Teamkollege Daniel Ricciardo schwärmt: „Die erste Kurve ist ziemlich cool, da sie den Berg rauf geht. Es gebe „zwei enge Kurven, aber der Rest ist schnell - dritter Gang und höher“.

Der deutsche Faktor

Michael Schumacher triumphierte beim letzten Rennen auf dem damaligen A1-Ring 2003. Das Jahr zuvor hatte der Rekordweltmeister ebenfalls gewonnen. Allerdings ein Sieg mit einem schalen Beigeschmack: Der damalige Ferrari-Teamchef Jean Todt hatte Schumachers führendem Stallkollegen Rubens Barrichello kurz vor der Ziellinie befohlen: „Let Michael pass for the championship.“ Mercedes-Mann Nico Rosberg gewann bei der Spielberg-Rückkehr im Vorjahr ohne Stallorder.

An die Stelle triumphaler Rundfahrten vor heimischem Publikum ist die sportliche Tristesse getreten. In der Fahrerwertung liegt das Duo Ricciardo und Daniil Kvyat vor dem Rennen in Österreich auf den Rängen sieben und acht, in der Herstellerwertung ist Red Bull abgeschlagen Vierter. Lockte im Vorjahr die zumindest vage Hoffnung, Vettel oder Ricciardo könnten beim Heim-Grand-Prix Erfolg haben, über das gesamte Wochenende 200.000 Besucher nach Spielberg, sind diesmal im Vorverkauf gerade einmal 50.000 Karten für das Rennen abgesetzt worden.

An einer plausibleren Erklärung, als dass die Markenbindung an diesem Punkt nicht funktioniert, scheiterte auch Rennsportlegende Gerhard Berger: „In Deutschland gibt es kein Rennen und Sebastian Vettel kämpft mit Ferrari an der Spitze. Ich weiß nicht, was zum rückläufigen Interesse geführt hat, aber es ist schade, weil Red Bull ein tolles Event organisiert“, sagte der Österreicher der „Welt“.

Das nach dem Comeback schwindende Interesse in Österreich selbst dürfte Mateschitz dabei weniger stören als die Außenwirkung. Im vierten Titeljahr sahen sich Vettel und Red Bull gerade außerhalb Europas dem Missmut des Publikums gegenüber. Die jahrelange Dominanz brachte Pfiffe und Sympathien für andere Teams. Ein Dilemma und neu für die Marke Red Bull: Markenkern ist der Erfolg, nicht die Tradition. Wenn selbst im Erfolgsfall der Rückhalt schwindet, stockt die Marketingmaschinerie. Bilder von strahlenden Zuschauern, die siegende Bullen bejubeln, sie hätten Millionen Fernsehzuschauer weltweit erreicht. In der derzeitigen Lage verschärft sich stattdessen der Eindruck, Motorsport sei für das Getränkeimperium nichts weiter als ein Mittel zum Zweck.

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