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19.03.2016

16:10 Uhr

Pascal Wehrlein

Der Neue ohne Nerven

Aus dem Haifischbecken DTM ins Haifischbecken Formel 1. Manor-Pilot Pascal Wehrlein gilt als große deutsche Motorsporthoffnung, kennt mit seinen 21 Jahren schon die schmutzigsten Seiten des Business.

Auf Pascal Wehrlein ruhe große Erwartungen. AFP; Files; Francois Guillot

Frauenschwarm im Cockpit

Auf Pascal Wehrlein ruhe große Erwartungen.

Worndorf, DüsseldorfRekorde sind für Pascal Wehrlein in der Formel 1 erst mal kein Thema mehr. Im Deutschen Tourenwagen Masters sammelte er in drei Jahren eine Bestmarke nach der anderen und verabschiedete sich als jüngster DTM-Champion der Geschichte gen Königsklasse - als Stammpilot beim Privatteam Manor fehlt ihm dort aber das Material für Bestzeiten und Siege. Mit seinen 21 Jahren ist er auch nicht mehr das Küken in der Startaufstellung. Max Verstappen ist drei Jahre jünger.

Leicht wird das Premierenjahr gegen Größen wie Lewis Hamilton, Nico Rosberg oder Sebastian Vettel ohnehin nicht für den ehrgeizigen Schwarzwälder aus Worndorf bei Tuttlingen. „Ich ärgere mich auch über einen zweiten Platz. Irgendjemand hat dann ja was besser gemacht“, sagte er einmal. „Ich will immer das Maximale. Aber man darf sich, wenn man erfolgreich ist, nie zurücklehnen. Man muss weiter Arbeit und Fleiß investieren.“

Als Test- und Ersatzfahrer für Mercedes kennt der leidenschaftliche Hobbyfußballer Wehrlein die Abläufe auf den Grand-Prix-Strecken dieser Welt schon ganz gut. Für die Schwaben und Force India hat er schon einige Runden gedreht und saß zudem viele Stunden im Simulator. Ob der südländische Typ, dessen Mutter aus Mauritius stammt, bei den Kollegen so gut ankommt wie bei den Frauen, muss sich zeigen. „Ich bin an Rennwochenenden sehr ruhig, sehr fokussiert. Manche sagen, dass ich deshalb unfreundlich rüberkomme. Aber ich bin einfach so, das ist mein Charakter“, erklärte er zum Ende seiner DTM-Zeit.

Was Sie zum Start der Formel-1-Saison wissen müssen

Wer ist der Top-Favorit?

Der Weltmeister, der Titelverteidiger: Lewis Hamilton. Selbst wenn er zum Ende der Vorsaison eher den WM-Ruhm genoss und seine Siegserie riss. Selbst wenn er trotz zwei WM-Titeln für die Silberpfeile von Mercedes nicht zur Nummer 1 im Team erklärt wird. Hamilton hat zwar die Marke seines Idols Ayrton Senna von drei WM-Titeln erreicht, der 31 Jahre alte Brite wird deswegen aber nicht vom Gas gehen.

Wer sind die Herausforderer?

Hamiltons ärgste Gegner sprechen deutsch. Erster Widersacher ist wie in den vorangegangenen beiden Jahren Teamkollege Nico Rosberg. Die drei Siege zum Ende der Saison 2015 haben dem gebürtigen Wiesbadener das Gefühl gegeben, Hamilton schlagen zu können. Gelingt ihm das wieder nicht, wird Rosberg zum ewigen Zweiten. Auch Sebastian Vettel will verhindern, dass Hamilton Ende dieses Jahres wie er selbst auf vier WM-Titel kommt. Vettel plant seinen fünften Triumph, vor allem aber seinen ersten im Ferrari.

Hat Ferrari seinen Rückstand denn wirklich aufholen können?

Bei den Testfahrten erzielte die Scuderia mehrfach die Tagesbestzeit. Aber was heißt das schon? Mercedes konzentrierte sich vor allem auf die Standfestigkeit des neuen Wagens. Dreimal konnte Vettel im vergangenen Jahr die Siegesserie der Silberpfeile unterbrechen. Das soll 2016 öfter passieren. Spekulationen um fast 1000 PS, die der Mercedes-Antrieb leisten könnte, machten aber bereits die Runde.

Welche deutschen Fahrer gehen zudem an den Start?

Nico Hülkenberg und Pascal Wehrlein. Hülkenberg, 28 Jahre alt, bestreitet seine sechste Saison. Wehrlein, 21 Jahre alt, feiert sein Renndebüt. Insgesamt gehen also wieder vier deutsche Piloten an den Start, nachdem es im vergangenen Jahr nur Vettel, Rosberg und Hülkenberg gewesen waren. Anders als Vettel und Rosberg kämpft Hülkenberg nicht um einen Sieg. Er will im Force India endlich den ersten Podestplatz. Für Wehrlein, den DTM-Meister von 2015, wird es im Manor ein Lehrjahr, um irgendwann einmal für den Wechsel ins Mercedes-Cockpit gerüstet zu sein.

Was hat sich geändert?

Im Kampf gegen das sinkende Interesse an der milliardenschweren Rennserie wurde der Qualifikationsmodus kurz vor dem Auftakt geändert. In den drei Qualifikationsrunden scheidet nach einer vorgegebenen Zeit alle 90 Sekunden der jeweils langsamste Fahrer aus. Man erhofft sich davon mehr Autos auf der Strecke, kurzum: weniger Taktiererei, mehr Spektakel. Offen ist noch, ob die Computertechnik bei der neuen Variante mitspielt.

Wer oder was ist sonst noch neu?

Aserbaidschan. Das von Menschenrechtlern schwer kritisierte Land darf sich über seine Formel-1-Premiere am 19. Juni freuen. Neu ist auch das amerikanische Haas-Team. Maßgeblich unterstützt von Ferrari. Neulinge sind neben Wehrlein auch zwei weitere Fahrer: Jolyon Palmer, Brite im Renault, und Rio Haryanto, Indonesier im zweiten Manor.

Ist das Deutschland-Rennen diesmal gesichert?

Ja, anders als vor einem Jahr, als der Große Preis von Deutschland auf dem finanziell kriselnden Nürburgring aus dem Kalender gestrichen werden musste, kommt es zum Heimrennen fürs deutsche Quartett. Gefahren wird am letzten Juli-Wochenende auf dem Hockenheimring.

Gibt es vor dem Saisonbeginn noch offene Baustellen?

Ja, wie immer. Diesmal betrifft es vor allem das Rennen in den USA. Der Strecke in Austin fehlt das nötige Geld, nachdem die öffentlichen Zuschüsse gekürzt wurden. Obwohl eines der Highlights im Rennkalender mit viel amerikanischem Pathos, steht hinter dem Großen Preis der USA noch ein Fragezeichen.

Dieses Ende war spektakulär – dank des Audi-Motorsportteams. Mercedes-Pilot Wehrlein und Teamkollege Robert Wickens, zu dem Zeitpunkt Führende im Gesamtklassement, wurden von Audi-Pilot Timo Scheider absichtlich von der Strecke gedrängt. Mehr noch, für einen Skandal sorgte der Funkspruch aus der Box, der dem Piloten die Order gab. Es folgten Geldstrafen und Sperren, Wehrlein lies sich vom Psychokrieg nicht entnerven und sicherte sich den Titel.

Nerven aus Stahl wird der Deutsche auch im Hinterfeld der Formel 1 nötig haben. Gerade dort, wo Piloten häufig nicht im Cockpit sitzen, weil sie herausragendes Talent, sondern herausragende Sponsoren mitbringen, ist Geduld und Können gefragt, wenn man an die Spitze will. Einen Weg, den zum Beispiel Weltmeister Lewis Hamilton gar nicht kennt. Wehrlein wäre bei einem Durchbruch in guter Gesellschaft, auch Michael Schumacher und Sebastian Vettel feierten ihre ersten Erfolge bei Hinterbänkler-Teams. Herausforderung und Chance zugleich. Der glaube an Wehrlein, er ist da.

Gefördert von Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, der auch die Verhandlungen mit Manor übernahm, hatte Wehrlein zumindest in der Tourenwagenserie eine steile Lernkurve. Die schwerste Zeit gab es nach einem Unfall im Trainingslager der Fußball-Nationalmannschaft, als Wehrlein einen Fußgänger mit dem Auto erfasste und verletzte. Damit klar zu kommen war schwer, hat ihn in seiner sportlichen Entwicklung aber nicht zurückgeworfen.

Seine erste Lektion bei Manor hat Pascal Wehrlein längst gelernt. „Wir werden nicht um Siege fahren“, konstatierte der 21-Jährige nach seinem ersten Testtag als Stammpilot bei dem Formel-1-Hinterbänklerteam. Als Kulturschock empfindet der Mercedes-Zögling seinen Wechsel zum neuen Arbeitgeber nicht. Er sei „gleich hungrig“ wie auch als Testfahrer beim Weltmeister-Rennstall und wolle in dieser Saison „Highlights setzen“, kündigte Wehrlein an.
Von Wehrlein und seinem indonesischen Kollegen Rio Haryanto erhofft sich der britische Rennstall im Idealfall den einen oder anderen Punkt. „Pascal und Rio sind eine tolle Ergänzung für unser Team“, sagte Teamchef Dave Ryan bei der Vorstellung des neuen MRT05. Für das erste Saisonrennen am 20. März in Melbourne hofft Wehrlein auf einen Coup. „Erstmal ins Ziel kommen“, sei zwar das Ziel. Vielleicht sei das Team aber auch schon „für eine Überraschung gut.“


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