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20.01.2009

14:48 Uhr

Rallye-Sport

Volkswagen bremst die Euphorie

VonMarcus Pfeil

Es ist der erste Sieg bei der Rallye Dakar des Wolfsburger Automobilherstellers seit Freddy Kottulinsky, der vor 29 Jahren noch im seriennahen Iltis gewann. Trotz des Sieges gibt sich der Wolfsburger Automobilhersteller zurückhaltend.

Teamarbeit: Giniel de Villiers (rechts) aus Südafrika und sein deutscher Beifahrer Dirk von Zitzewitz feiern ihren Sieg bei der Rallye Dakar. Foto: AP ap

Teamarbeit: Giniel de Villiers (rechts) aus Südafrika und sein deutscher Beifahrer Dirk von Zitzewitz feiern ihren Sieg bei der Rallye Dakar. Foto: AP

BUENOS AIRES. Noch einmal durch das Spalier der Portenos, den Einwohnern von Buenos Aires. Noch einmal durch die Euphorie der argentinischen Hauptstadt. Vorbei am Plaza de Mayo, am Teatro Colon, hinauf zum Obelisken. Die letzten der 9579 Kilometer durch Argentinien und Chile. Nur noch auf die Rampe der Avenida de 9 Julio, der 140 Meter breiten Prachtstraße, mussten Giniel de Villiers und sein Beifahrer Dirk von Zitzewitz ihren Volkswagen manövrieren. Am Wochenende ist die 30. Ausgabe der Rallye Dakar zu Ende gegangen. Und de Villiers, von Zitzewitz und Volkswagen haben sie gewonnen.

Es ist der erste Sieg des Wolfsburger Automobilherstellers bei der legendären Rallye seit Freddy Kottulinsky, der vor 29 Jahren noch im seriennahen Iltis gewann. VW-Personalvorstand Horst Neumann reiste daher auch spontan nach Argentinien, um mit der Mannschaft zu feiern und ihr Glückwünsche zu übermitteln: „Volkswagen ist stolz darauf, heute ganz oben auf dem Siegerpodest der Rallye Dakar zu stehen. Giniel de Villiers und Dirk von Zitzewitz als Gewinner und Mark Miller und Ralph Pitchford als Zweitplatzierte haben eine fantastische Leistung gezeigt. Training und Teamgeist, Leistungswille und volle Konzentration haben sie nach Monaten der Vorbereitung an die Spitze geführt.“ Hinter den beiden Fahrern stehe ein Team, das höchste Ingenieurskunst bewiesen habe.

Seit fünf Jahren versuchte der Wolfsburger Konzern, die Dakar mit einem Dieselmotor zu gewinnen und scheiterte regelmäßig an den japanischen Seriensiegern von Mitsubishi. Nichts sollte deshalb in diesem Jahr dem Zufall überlassen werden.

Zwölf Trucks, 18 Autos und 50 Tonnen Ersatzteile hat der Konzern nach Südamerika verschiffen lassen, die vier Race-Touaregs eigens eingeflogen. Die Fahrer und Beifahrer trainierten im Schweizer Ort Arosa, um sich auf die Höhe der Anden vorzubereiten.

85 Mitarbeiter beschäftigte VW in den vergangenen zwei Wochen rund um die Uhr. Jede noch so kleine Aufgabe, jeder Arbeitsschritt ist in einer Datenbank erfasst, selbst wer den Werbeballon allabendlich mit Luft füllen muss, ist darin vermerkt. „Vor fast einem Jahr haben wir mit der Planung angefangen“, sagt Francisco Crous, der Cheflogistiker im Team, den alle nur „Paco“ nennen.

Nicht immer hat man bei VW die Rallye so haarklein geplant. Viele sehen den diesjährigen Triumph daher als logische Konsequenz: „Wir haben sehr viel gelernt in den vergangenen Jahren“, sagt der Spanier, den VW 2004 von der Konkurrenz abgeworben hat.

Im Jahr davor, als sich der damalige Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder „in den Kopf gesetzt hat, VW müsse die Dakar gewinnen, hatten wir doch keine Ahnung wie das gehen soll“, sagt ein Mitarbeiter des Teams.

Heute lässt sich Volkswagen das Unternehmen jährlich zwischen 25 und 40 Mio. Euro kosten. Und das in Zeiten, in denen Wettbewerber wie Honda sich aus der Formel 1 oder Suzuki und Subaru aus dem Rallyesport zurückziehen. Entsprechend erleichtert gab sich gestern in Buenos Aires Volkswagens Motorsportdirektor Kris Nissen, der das Budget verantwortet: „Wir haben nicht nur Mitsubishi und BMW geschlagen, sondern auch die Dakar selbst bezwungen, weil wir das schnellste und zuverlässigste Auto hatten.“

Sportlich hat sich das Engagement für VW also gerechnet, wirtschaftlich wohl noch nicht. „Die Entscheidung, 2010 wieder an den Start zu gehen, dafür ist es noch zu früh“, sagt Nissen.

Chef-Entwickler Ulrich Hackenberg betrachtet die Rallye Dakar als langfristige Investition. Die Vermarktung sei ohne Zweifel noch verbesserungswürdig, räumt er ein. Tatsächlich könnte ein deutscher Fahrer an der Seite von Copilot Dirk von Zitzewitz für größere Aufmerksamkeit sorgen. Doch seit dem Ausstieg von Dakar-Siegerin Jutta Kleinschmidt vor zwei Jahren fehlt eine schillernde Persönlichkeit im Geschäft, um die Vermarktung anzukurbeln.

Angeblich soll Nissen daher vor zwei Jahren sogar versucht haben, die deutsche Rallye-Legende Walter Röhrl für die Dakar und Volkswagen zu erwärmen. Röhrl soll abgelehnt haben.

Vielleicht bedarf es aber auch eines neuen Autos. Denn die Erfolge, die sich VW bei der Dakar mühsam erarbeitet hat, fließen bislang kaum in die Produktvermarktung des Konzerns ein. Der Touareg ist inzwischen eines der ältesten VW-Modelle und verkauft sich auch ohne die Rallye ganz gut. Der Konzern bewirbt deshalb lieber den kleinen Bruder Tiguan. An diesem Wochenende in ganzseitigen Anzeigen in der überregionalen Presse mit dem Slogan: „Per Zeigefinger ans Ziel“.

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