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02.02.2011

14:22 Uhr

Motorsport

Tag 1 für die Nummer 1: Vettel strahlt

„Sebastian, Sebastian“, schallt es durch die Boxengasse. Von oben, von vorn, von der Seite. Blitzlichter flackern auf. Es ist gerade mal 8.35 Uhr, und es ist eher frisch - zumindest für spanische Verhältnisse.

Erster dpa

Sebastian Vettel hat das Siegergen. Egal wobei er einen Wettkampf anleiert: Er will gewinnen.

dpa VALENCIA. "Sebastian, Sebastian", schallt es durch die Boxengasse. Von oben, von vorn, von der Seite. Blitzlichter flackern auf. Es ist gerade mal 8.35 Uhr, und es ist eher frisch - zumindest für spanische Verhältnisse.

Der Himmel über dem Circuit Ricardo Tormo von Valencia zeigt sich noch nicht von seiner weltmeisterlichen Seite. Dafür strahlt ein anderer im Schein der Kameras. "Natürlich musste ich für die ganzen Kameras lächeln", sagt Sebastian Vettel. Er, der im Turbo-Tempo zum PS-Darling wurde. Er, der mit 23 Jahren Formel-1-Geschichte schrieb und jüngster Weltmeister ist.

Es ist Tag 1 mit der Nummer 1. Auf dem Red-Bull-Rennanzug, auf dem Rennauto. "Wenn man ein bisschen rausschaut, sieht man die eigene Startnummer. Und das macht einen natürlich stolz", erzählt Vettel, nachdem er seiner neuen, der begehrtesten aller Startnummern, gleich am ersten Arbeitstag auf der Strecke alle Ehre gemacht hatte: Bestzeit, Platz 1.

Immer vorneweg, das ist das Vettel-Credo. "Wenn ich mit jemandem laufen gehe, dann will ich immer einen Schritt voraus sein", erzählte er mal. Deswegen hält sich der Heppenheimer auch am liebsten mit Sportarten fit, in denen es Eins gegen Eins geht. Mann gegen Mann, auch wenn Vettel trotz Dreitagebarts immer noch ein bisschen wie ein Lausbub daherkommt.

Der 23-Jährige macht aus allem Möglichen eine Herausforderung. "Erster am Lift, Erster oben, Erster wieder unten, Erster im Zimmer, als Erster frisch geduscht - was auch immer, die sinnlosesten Dinge", berichtete Vettel. Es gipfelte in einem Duell ohne PS, ob dafür mit Einkaufwagen, ist nicht von Vettel überliefert. Nur soviel: "Ich habe sogar in der Supermarktschlange schon mal jemanden überholt."

Vettel auf der Überholspur. Die Karriere des Hessen, der vor der vergangenen Saison auf den Vesuv stieg, ging steil bergauf. Papa Norbert, ein Zimmermann, der den WM-Triumph seines Sohnes überglücklich und stolz mit der Familie in Abu Dhabi miterlebte, fuhr früher Bergrennen. Mit vier Jahren drehte "Seb" dann die ersten Runden. Im Kart und auf dem elterlichen Grundstück. Heute bewegt Vettel einen Red-Bull-Rennwagen mit über 700 PS, in Bahrain und Brasilien.

Erfolge im Kart, dann in der Formel BMW und der Formel drei - so schaffte Vettel es in die Königsklasse des Motorsports. Immer angetrieben von einem Wunsch: "Schneller zu sein." So wie bei seinem ersten Trainingseinsatz. 2006 raste Rookie Vettel in der Türkei im BMW-Sauber auf Platz 1.

Bei seinem Formel-1-Debüt schaffte er es im selben Jahr als Achter auf Anhieb in die Punkte. Was dann folgte, waren weitere Einträge in die Geschichtsbücher: Jüngster Pilot auf der Pole Position, jüngster Spitzenreiter in einem Grand Prix, jüngster Rennsieger. Und jüngster Weltmeister, jüngster Fahrer mit der Startnummer 1.

"Sie hilft aber nicht, dass ich ein zwei Zehntel schneller bin", betont Vettel. Beim Unternehmen Titelverteidigung kommt es eher auf die altbekannten Faktoren an: Das Auto muss schnell und zuverlässig sein, der Fahrer möglichst wenig Fehler machen. Beides hat im Vergleich zur Saison 2010 bei Vettel sogar noch Luft nach oben. Der Red Bull muckte manches Mal, der Motor von Renault geriet bisweilen ins Stottern.

Und Vettel? Beim Versuch, wieder Erster und Schnellster zu sein, schoss er bisweilen übers Ziel hinaus. Besser: Er erreichte es nicht immer, so wie nach dem "Bullenkampf" am Bosporus. Vettel und Teamkollege Mark Webber krachen mit ihren Autos zusammen. Der Australier, zuvor in Führung liegend wird Dritter, Vettel scheidet aus. Doch der 2,8-er Abiturient betont: "Ich habe meine Lektionen gelernt." Vettel mache keinen Fehler zweimal, sagt sein Teamchef Christian Horner. So wurde Vettel zur Nummer 1.

Den Feiermarathon hat er gut überstanden. Auch wenn Erholung über die Weihnachtsfeier dringend Not tat. "Ich habe die Batterien aufgeladen", erzählte Vettel in Valencia, wo der PK- und Interviewreigen wieder richtig Fahrt aufnahm.

Es ist die erste Pressekonferenz nach der Vorstellung des neuen Autos. Das Motorhome des österreichischen Teams, das einen Tag später Besuch von seinem Oberchef Dietrich Mateschitz bekam, war wie immer bei Vettels Auftritten bestens besucht. Nichts von der Zeit nach dem WM-Triumph von Abu Dhabi wolle er missen, berichtet des Hesse. Neben ihm sitzt Teamchef Horner.

Am Nebentisch haben Vettels Designchef Adrian Newey und Webber Platz genommen. Der Australier wirkt verkniffen, eben doch nur die Nummer zwei. Auch ohne Teamorder. Für die klaren Verhältnisse hat Vettel auf der Strecke gesorgt. "Sebastians Stärke ist, dass er im richtigen Moment die richtigen Fäden zieht und das Maximum aus sich herausholen kann", sagt Schumacher.

Die beiden vereint einiges, die beiden sind aber auch zwei verschiedene Typen. Schumacher, der sich in seiner ersten Karriere mit 91 Grand-Prix-Siegen und den sieben Titeln zum unumstrittenen Regenten machte, wirkte lange Zeit unterkühlt. Vettel kam, sah und eroberte die Herzen von vielen. Auch von Bernie Ecclestone. "Er ist genauso intelligent wie Michael. Supertalentiert ist er auch. Und er ist vor allem ein verdammt netter Kerl", sagt der Brite über Vettel. Und einer mit Humor: Zum 80. Geburtstag überreichte der Heppenheimer mit seinem Teamchef Ecclestone eine Gehhilfe.

Für Ecclestone und die Formel 1 ist Vettels erfrischende Art zweifellos ein Gewinn. Bei der Wahl zum Sportler des Jahres fiel das Votum klar auf den Formel-1-Fahrer. Werbepartner locken, neuerdings tritt er in einem Spot für ein Haarpflegeprodukt auf. Eine eigene Sprecherin hat Vettel seit gut einem halben Jahr, einen Manager nicht.

"Ich sage nicht, dass ich keinen Manager brauche. Jemand, dem man Vertrauen kann. Von dem man weiß, dass er immer auf Deiner Seite steht", erklärt Vettel. Er sei aber von Beginn an in einer glücklichen Situation gewesen, "dass Leute um mich waren, die sich um mich gekümmert haben. Ich habe die Augen und Ohren immer offen gehalten".

Vettel entgeht nichts. Auch die morgendlichen "Sebastian"-Rufe der Fotografen vor der Red-Bull-Box nicht. Dass der Anzug etwas eng sitzt, weil er wegen der kühlen Temperaturen dickere Klamotten als gewöhnlich trägt, sorgt für Heiterkeit beim Hessen. Vettel kann auch gut über sich selbst lachen. Nur kurz danach macht er an seinem ersten Testtag mit der neuen Nummer ernst. Und landet auf Platz 1.

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