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10.02.2014

12:09 Uhr

Olympia in Sotschi

Ein Ticket ist keine Eintrittskarte

Lange Warteschlangen, Sicherheitschips und Passfotos: Gastgeber Russland verärgert seine Olympia-Touristen mit strikten Sicherheitsauflagen. Ein einfaches Ticket reicht nicht aus, um die Wettkämpfe zu verfolgen.

Mit einer Eintrittskarte zu den Spielen? Von wegen! Gäste müssen sich erst akkreditieren lassen, bevor sie die Olympischen Stätten betreten dürfen – eine reine Sicherheitsmaßnahme, wie Organisatoren erklären. Reuters, Sascha Rheker

Mit einer Eintrittskarte zu den Spielen? Von wegen! Gäste müssen sich erst akkreditieren lassen, bevor sie die Olympischen Stätten betreten dürfen – eine reine Sicherheitsmaßnahme, wie Organisatoren erklären.

SotschiJeder Sportfan bei Olympia in Sotschi ist den Organisatoren mit dem Gesicht bekannt. Aus Angst vor Terroristen hat Gastgeber Russland einen bisher in der Olympia-Geschichte beispiellosen Apparat geschaffen. Jeder, der zu den Wettkämpfen will, muss sich mit seinen Passdaten registrieren und eine Art Visum für die Sicherheitszone beantragen. Den Pass zum Umhängen mit Foto, Sicherheitschip, Name in lateinischen und russischen Buchstaben und Geburtsdatum trägt jeder hier um den Hals, der Sotschi 2014 besuchen will. Nur ein Ticket reicht nicht aus.

Viele Fans, die das System nicht kennen und mit ihrem Ticket zum Wettkampf wollen, sehen sich mit einem „Njet“ - einem Nein - konfrontiert, wenn sie keinen Pass haben. Teils bilden sich an den Akkreditierungszentren lange Warteschlangen - viele schimpfen. „Das ist eine Sicherheitsmaßnahme“, sagt eine Sprecherin des Organisationskomitees SOCOC zur Kritik an dem neuen System. Nach Terrordrohungen von Islamisten, die ersten russischen Olympischen Winterspiele mit „allen Mitteln, die Allah erlaubt“, zu verhindern, ist die Lage gespannt. Auch die neuen von der Staatsbahn gebauten Züge sind an den Bahnhöfen streng gesichert wie Flughafenkontrollen.

Metalldetektoren, Röntgengeräte und jede Menge Personal, das Reisende abtastet, ergänzen das Sicherheitsprogramm. Wer zum Beispiel am Kurortny Prospekt in der Innenstadt von Sotschi das Besucherzentrum betritt, findet eine große Schalterhalle. Olympia-Fans ziehen hier eine Nummer, werden dann in der Wartehalle per Anzeige über ihren Schalter informiert. Mitarbeiter nehmen die Passdaten samt Telefonnummer im Computer auf, strahlen jedem wie bei einem Verhör mit grellem Scheinwerferlicht ins Gesicht, fotografieren und schicken den Antrag ab. Per Kurznachricht kommen aufs Mobiltelefon dann Antragsnummer und Bearbeitungsstand. Einige Minuten dauert die Prozedur. Ein Drucker wirft den in Folie geschweißten Pass aus. Auch das blaue Band zum Umhängen ist gratis. Der Datenschutz ist in Russland kein Thema.

Stolz tragen Kinder den Pass. „Hurrah!“ - rufen diejenigen, die ihren Pass haben. Manche auch den Olympia-Schlachtruf „Rossija vperjod!“ - „Russland vorwärts!“. Wer den Pass will, muss ein Ticket vorlegen können. Immer wieder gab es zuletzt Klagen vor allem von regierungskritischen Aktivisten, die keinen Pass erhielten. Semjon Simonow etwa von der Menschenrechtsorganisation Memorial vermutet, dass Polizei oder Geheimdienst eine Schwarze Liste hätten. Er hatte zum Ärger der Organisatoren die Ausbeutung der Gastarbeiter auf den Olympia-Baustellen angeprangert. Hunderte warten weiter auf ihr Geld. Simonow empfindet dies nun als Strafaktion der Behörden, die keine Kritik an den Spielen wünschen. „Ich habe in einem Café auf dem Bildschirm die Übertragung vom Eiskunstlaufen angeschaut. Sehr schön. Ich wäre gern hingegangen, aber irgendjemand in den Amtsstuben entschied, mir das zu verbieten“, twitterte Simonow. Er hatte seinen Antrag gleich mehrfach im Internet gestellt.

„Ablehnungen, das steht auch so auf der Internetseite, erfolgen ohne Begründung“, sagt SOCOC-Sprecherin Alexandra Kosterina auf Anfrage. Zwar kritisieren auch Verbraucherschützer das System als undurchsichtig und fehlerhaft. Doch das Internationale Olympische Komitee (IOC) sieht keinen Anlass zur Kritik. „Jedes Land ist verschieden. Das System scheint ziemlich gut zu funktionieren“, meinte IOC-Sprecher Mark Adams. Acht dieser Zentren haben inzwischen ihre Arbeit aufgenommen. Zu finden sind sie vor allem an den Olympia-Anlagen in Adler am Schwarzen Meer und in der Bergregion Krasnaja Poljana - und sogar eins in Moskau.


Von

dpa

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