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21.08.2016

15:15 Uhr

Handelsblatt zieht Bilanz

Sponsoren, Zuschauer, IOC – so war Olympia

VonMarkus Hennes, Diana Fröhlich, Joachim Hofer, Alexander Möthe

In der Nacht gingen in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele zu Ende. Wie war's? Was bleibt? Die Bilanz fällt je nach Bereich völlig unterschiedlich aus. Das Handelsblatt rechnet ab – in sechs Kategorien.

Olympische Spiele Abschlussfeier

Rio lässt es zum Abschluss krachen

Olympische Spiele Abschlussfeier: Rio lässt es zum Abschluss krachen

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Die Zuschauer-Bilanz

Nach zwei Wochen Sendemarathon aus Rio de Janeiro wissen ARD und ZDF, wie schwierig es ist, die Fernsehzuschauer Tag für Tag 16 Stunden lang bei der  Stange zu halten. Schließlich haben die Öffentlichen-Rechtlichen für die Übertragungsrechte der Olympischen Sommerspiele aus Brasilien viel Geld ausgegeben. Und das muss – zumindest teilweise – ja wieder zurückfließen. Und sei es durch Werbeeinnahmen. Die Einschaltquote sollte also stimmen.

Aus Zuschauersicht dabei herausgekommen ist eine sonderbare Mischung aus fesselnden Wettkampfberichten von kompetenten Reportern, überraschenden Porträts, mitunter ziemlich belanglosen Interviews und seifenopernähnlichen Siegesfeiern im Fernsehstudio. Die spontane La Ola mit der verkaterten Crew des Deutschland-Achters am Morgen nach dem Gewinn der Silbermedaille, nein, das musste man wirklich nicht gesehen haben.

16 Dinge, die bei Rio 2016 nicht so klappen (Teil 1)

Sicherheit

Im Olympischen Dorf wird gestohlen, es gibt mehrere Überfälle und im Reitzentrum Einschüsse unklarer Herkunft. Aber unterm Strich machen 85 000 Sicherheitskräfte ihre Sache gut.

Transport

Ein kompliziertes System, teils stundenlange Anfahrten für Touristen zu Wettkampfstätten. Alles liegt weit auseinander - und bei einem Medienbus werden während der Fahrt Scheiben eingeworfen.

Sauberkeit

Einige Athleten greifen selbst zum Putzlappen, weil tagelang im Olympiadorf nicht gereinigt wird. Verstopfte Klos, schlechter Waschservice und Schmutz sorgen für viele Beschwerden.

Versorgung

Wenig Abwechslung, lange Wartezeiten und schlechte Qualität führen dazu, dass die Sportler-Schlangen bei McDonalds immer länger werden. Bei den Arenen geht für Zuschauer öfter das Essen aus.

Promi-Glanz

Nur 18 Staats- und Regierungschefs bei der Eröffnung, weniger Promis als sonst feuern die Olympioniken an. Dafür hat Model Gisel Bündchen als Ipanema-Girl einen bleibenden Auftritt.

Wasser

Zwar gibt es Entwarnung für die Segler in der als Kloake verschrieenen Guanabara-Bucht, dafür färbt sich aber das Wasser bei den Wasserspringen und Synchronschwimmern durch einen Defekt grün.

Zuschauer

Offiziell sind 85 Prozent der 6,1 Millionen Tickets verkauft worden, aber überall trüben teils leere Arenen das Bild. Aber zumindest wenn Brasilianer antreten, ist es meistens voll.

Saubere Spiele

Trotz des Reports über systematisches Staatsdoping dürfen rund 280 russische Athleten an den Start gehen. Bis zu 5000 Proben werden in Rio genommen, einige Athleten sind gedopt.

Doch mit den vielen Erfolgen, die die deutschen Athleten ab der zweiten Wettkampfwoche feiern konnten, nahm das Zuschauerinteresse deutlich zu. Gold für den Reckturner Fabian Hambüchen in der Dienstagnacht erlebten 7,4 Millionen Sportfans live. Sogar 8,5 Millionen waren es beim Sieg der deutschen Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst am frühen Donnerstagmorgen gegen Brasilien. Ähnlich viele Zuschauer – 8,25 Millionen – hatte das Finale der deutschen Fußballherren gegen Brasilien am Samstag. 

Apropos Brasilianer. Die einheimischen Zuschauer in den Stadien haben es uns Deutschen nicht leicht gemacht. Entweder war kein Mensch da, wie beim Damenfußball, beim Hockey oder bei den Reitveranstaltungen. Den offiziellen Angaben über Auslastungsquoten der Stadien von bis zu 85 Prozent mag man angesichts der vielen leeren Plätze kaum glauben. Dass sich die meisten Brasilianer die teuren Olympia-Tickets gar nicht leisten können und dass selbst bei den Spitzenspielen der brasilianischen Fußball-Liga etliche Plätze in den Stadien frei bleiben, sei nur am Rande erwähnt. Brasilien ist eben ein Fernsehland.

Oder die fehlende Fairness. Ausländische Athleten wurden gnadenlos ausgepfiffen, wenn sie es wagten, brasilianischen Sportlern eine Medaille wegzuschnappen. Die Tränen des favorisierten französischen Stabhochspringers Renaud Lavillenie über Silber waren echt, der Sieg des Brasilianers Thiago Braz da Silva ein Skandal. Und beides, leere Zuschauerränge und Pöbeleien wie sonst nur beim Fußball, sind nicht gut für das Premiumprodukt Olympia.

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Technik

Im Olympiapark stürzt eine an Stahlseilen für Panoramaaufnahmen angebrachte Kamera ab, sieben Menschen werden verletzt. Ein Fehlalarm im Medienzentrum sorgt für Sendeausfälle.

Fahnen

Bei der Anordnung der Sterne auf Chinas Fahne ist etwas schiefgelaufen. Umgehend müssen neue bestellt und genäht werden – schließlich ist China ein recht emsiger Medaillensammler in Rio.

Eröffnung

Wer im Maracanã ist, kann nicht verstehen, dass die XXXI. Sommerspiele eröffnet sind. Interimspräsident Michel Temer, der Dilma Rousseff per Amtsenthebung beerben will, wird ausgepfiffen.

Fairness

Schmähgesänge zwischen Brasilianern und Argentiniern, Pfiffe für Gegner der Brasilianer. Stabhochspringer Renaud Lavillenie vergleicht die feindselige Rio-Stimmung mit Olympia in Berlin 1936.

Freiwillige

Viele der 50 000 Helfer fühlen sich mies betreut, können daher nur bedingt helfen und quittieren den Dienst, weil sie beschimpft werden. Einige geben Akkreditierungen an Unbefugte weiter.

Favela-Frieden

Abseits der olympischen Welt gelingt kein Frieden in Rios Favelas, Schießereien zwischen Drogengangs und Polizei, im Komplex Maré wird ein Militärpolizist angeschossen und stirbt.

Interesse

Millionen Brasilianer nehmen Olympia teilnahmslos hin, nur 50 Prozent stehen laut Umfragen hinter der Sause, immerhin wird auch Dutzenden Straßenkindern der Besuch von Wettkämpfen ermöglicht.

Aufbruchstimmung

Olympia sollte das tief gespaltene Brasilien einen - stattdessen werden die Arenen zu „Temer Raus“-Protesten genutzt, von Anhängern der suspendierten Präsidentin Dilma Rousseff.

Das IOC hat versucht, den „sportlichen Wettstreit der Weltjugend“ als Hort des Schönen und Guten zu überhöhen. Trotz Doping und der zunehmenden Kommerzialisierung. Und so war es für die Berichterstatter ein ganz schmaler Grat: zwischen Sportbegeisterung auf der einen und tiefem Misstrauen auf der anderen Seite. 

Trotzdem haben Milliarden Zuschauer weltweit das Sportspektakel an den Bildschirmen verfolgt. 4,8 Milliarden waren es vor vier Jahren bei den Spielen in London, mehr dürften es auch in diesem Jahr nicht werden. Nun müssen die Öffentlich-Rechtlichen entscheiden, ob sie auch bei Olympia 2020 in Japan dabei sein wollen. Die europäischen Übertragungsrechte liegen jetzt erst einmal beim US-Medienkonzern Discovery Corporation mit seiner Tochter Eurosport. Billiger wird die Sache für ARD und ZDF wohl nicht.  Markus Hennes 

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