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27.07.2016

09:56 Uhr

Olympia 2016

Rio ist noch immer eine Wundertüte

Zwar knirscht es an allen Ecken, die Finanznot in Rio wird in Krankenhäusern sichtbar. Aber vielleicht werden die Spiele nach all den Negativschlagzeilen eine Überraschung – dank der Begeisterungsfähigkeit der Menschen.

Straßentänzer freuen sich auf Olympia. Die Spiele könnten die Krisenstimmung in Rio in den Hintergrund rücken. Reuters

Feierstimmung in Rio de Janeiro

Straßentänzer freuen sich auf Olympia. Die Spiele könnten die Krisenstimmung in Rio in den Hintergrund rücken.

Rio de JaneiroMorgens um 6.30 Uhr entfaltet diese wunderbare Stadt ihren größten Reiz. Wie meinte schon der große Architekt Oscar Niemeyer: „Geraden sind langweilig“. Hier an der Copacabana in Rio de Janeiro hatte er sein Büro, wo die Natur in einer guten Laune eine wunderbare Kurve und geschwungene Hügel in die Bucht gezaubert hat. Jeder Morgen ist anders, mal der Himmel feuerrot, mal ein blau-weißer Wolkenteppich, der wie ein Gemälde wirkt. Dazu das Meeresrauschen.

Doch es ist etwas anders dieser Tage, wenn zum Sonnenaufgang noch alles eigentlich still ist, ein paar Jogger unterwegs sind oder Touristen fasziniert im Sand sitzen, die Augen schließen und die Sonne anbeten. Wie vom Himmel gefallen steht mitten auf dem breiten Sandstrand ein großer blauer Kasten. Darin zwölf große Räume mit Panoramafenstern - TV-Studios mit bestem Blick auf Meer, Bucht und Zuckerhut. Und einen Kilometer weiter viel Lärm schon frühmorgens.

Hier hängen Dutzende Arbeiter an dünnen Stahlkonstruktionen, sie bauen das Stadion, das einen der stimmungsvollsten Wettbewerbe in malerischer Kulisse beherbergen wird: Die temporäre Arena für Beachvolleyball. Einsam im Sand sammelt im orangenen Arbeitsdress Junior Neto den Müll ein.

Rio – Millionen-Stadt am Zuckerhut

Rio de Janeiro

Rio de Janeiro ist die zweitgrößte Stadt Brasiliens. Sie hat etwa 6,5 Millionen Einwohner, im Großraum leben 12,2 Millionen Menschen. 1960 hat Brasilia sie als Hauptstadt des südamerikanischen Landes abgelöst.

Bekannte Wahrzeichen

Zu den bekanntesten Wahrzeichen gehört der 396 Meter hohe Zuckerhut. Berühmt ist auch die 30 Meter hohe Christus-Statue auf dem Gipfel des Granitfelsens Corcovado. Der Karneval in Rio ist alljährlich ein buntes Spektakel. Die Stadt lockt zudem die Touristen mit zahlreichen Stränden an. Der bekannteste liegt im Stadtteil Copacabana.

Unsicher?

Der Olympiastadt Rio de Janeiro wird Unrecht getan, wenn sie pauschal als gefährlich und unsicher eingestuft wird. Barra, der Stadtteil, wo sich der Olympiapark mit den meisten Sportstätten befindet, gilt als sicher, zudem ist hier viel Polizei und Militär konzentriert.

Sicherheit an den Stränden

An Stränden wie in Copacabana oder Ipanema ist die Zahl von Überfällen im Vergleich zu früher zurückgegangen. Die Strände werden nachts erleuchtet, hunderte Kameras und Polizei sollen helfen, dass wenig passiert.

Sicherheit am Hafen

Ebenso beim Olympia-Boulevard am Hafen, der mit Kulturangeboten hunderttausende Gäste anlocken will, sollen hunderte Kameras und Polizei helfen, das wenig passiert.

Gefährliche Orte (1)

Als am gefährlichsten gilt derzeit die Nordzone der Stadt - aber hier kommen Olympia-Touristen in der Regel nicht hin. Favelas wie der Complexo do Alemão und Maré sind sehr gefährlich, hier bekämpfen sich Drogenbanden und Polizei.

Gefährliche Orte (2)

Auch im Stadtzentrum von Rio muss man stark aufpassen. Ebenso im sehenswerten, am Berg gelegenen Bohème-Viertel Santa Teresa, wo in den ersten vier Monaten dieses Jahres schon über 320 Überfälle gezählt wurden. Hier gab es im Mai einen Raubüberfall auf ein Team um den spanischen Olympiasieger Fernando Echevarri.

Sorgen

85.000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz, besondere Sorge neben der „Alltagskriminalität“ bereitet der islamistische Terrorismus - allerdings ist Südamerika bisher hiervon verschont geblieben. Hier werden rund um Olympiastätten Maßnahmen und Blockaden noch einmal verstärkt, als eine Konsequenz aus dem Lastwagen-Anschlag von Nizza.

App für Schusswechsel

Schießereien gibt es meistens in den Favelas, Amnesty International hat die App „Fogo Cruzado“ (Kreuzfeuer) entwickelt - sie soll mit Angaben von Augenzeugen Schusswechsel in der Stadt dokumentieren.

„Die Spiele sind eine große Chance für Rio, damit mehr Touristen kommen“, meint er. „Aber ich sorge mich um die Sicherheit, es ist gefährlich hier.“ Was ihn besonders interessiert? Der Marathon. 1800 Reais (485 Euro) verdient er im Monat, aber wegen der schweren Finanzkrise flossen die Gehälter zuletzt oft verzögert.

Rio und Olympia: es ist wie eine Wundertüte. Brasilien droht aus den Top Ten der führenden Wirtschaftsnationen herauszufallen, gebeutelt von einer der tiefsten Rezessionen seiner Geschichte. Als man den Zuschlag bekam, galt Brasilien noch als das Boomland der Zukunft. Die Präsidentin Dilma Rousseff ist im Mai suspendiert worden, die Nachfolgeregierung von Interimspräsident Michel Temer hat unter anderem wegen Korruptionsvorwürfen schon drei Minister verloren.

In der Olympiastadt gibt es an Universitäten und Krankenhäusern wegen fehlender Gelder Streiks, der Bundesstaat Rio de Janeiro leidet stark unter gesunkenen Einnahmen aus dem Erdölgeschäft. Eine Finanzspritze der Regierung von über 750 Millionen Euro soll die Lage entschärfen - die Polizei drohte, ohne neue Finanzhilfen nicht für die Sicherheit garantieren zu können.

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