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20.08.2016

10:37 Uhr

Olympia und das Männlichkeitshormon

Das Ende der traditionellen Frau?

VonFelix Lill

Die Abschaffung von Testosterongrenzen für Frauen sorgt für Kontroversen. Kritiker befürchten Vorteile für Frauen mit hohen Werten des Männlichkeitshormons. Die Olympischen Spiele in Rio sind vielleicht der Anfang.

Bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren in London musste die Südafrikanerin ihren Testosteronwert noch künstlich senken. In Rio hingegen darf Semenya mit ihrem überhöhten Wert an den Start gehen. Reuters

Caster Semenya

Bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren in London musste die Südafrikanerin ihren Testosteronwert noch künstlich senken. In Rio hingegen darf Semenya mit ihrem überhöhten Wert an den Start gehen.

Rio de Janeiro„Ich war die Siegerin, aber feiern konnte ich nicht“, erinnert sich Caster Semenya an ihre WM-Tage in Berlin, Sommer 2009. Erniedrigt fühlte sie sich. Die damals 18-jährige war gerade Weltmeisterin auf 800 Meter geworden. Weil sie ihre Zeiten in den Monaten zuvor aber ungewöhnlich deutlich verbessert hatte und kräftiger war als die Konkurrentinnen, sah sie sich mit einem Vorwurf konfrontiert: sie sei gar keine richtige Frau. Die Weltleichtathletikföderation IAAF forderte einen Weiblichkeitstest, Semenya durfte erst ein Jahr später wieder laufen. Fortan mit künstlich gesenktem Testosteron, denn die IAAF sah gerade in den hohen Werten der Südafrikanerin einen Wettbewerbsvorteil.

Bei den Spielen von Rio tritt Semenya wieder auf 800m an und ist die große Favoritin auf Gold. Bei Olympia 2012 in London erlief sie noch Silber, damals mit niedrig gehaltenem Testosteron und einer Leistung, die deutlich langsamer war als ihre Weltmeisterzeit in Berlin. Diesmal aber muss Semenya, deren Testosteron dreimal höher als der Höchstwert von 99 Prozent der Frauen ist, ihre Werte nicht mehr senken. „Ich fühle mich gut. Mein Körper fühlt sich gut an“, sagte sie nach dem Halbfinallauf, mit dem sie sich problemlos als Erste für das Finale am Samstag qualifizierte. Nicht jeder fühlt sich gut mit dieser Erwartung.

Vor einem Jahr beschloss der Sportsgerichtshof CAS in Lausanne nach einem langen Rechtsstreit, dass hyperandrogyne Athletinnen bei den Wettkämpfen für Frauen teilnehmen dürfen, ohne ihre Testosteronwerte weiter künstlich senken zu müssen. Das war eine Sensation, denn die Entscheidung hat das Zeug, den Sport für Frauen grundlegend zu verändern. Athletinnen wie Caster Semenya, wegen derer der Fall maßgeblich vor die Gerichte getragen worden war, scheint dies mit einem Schlag eine Leistungsverbesserung zu ermöglichen, die mit dem härtesten Training nur schwer zu erreichen wäre. Zwar kommt Intersexualität nur bei einer von 20.000 Frauen vor. Eine Studie der IAAF ergab aber, dass das Phänomen unter Hochleistungssportlerinnen 140 Mal häufiger ist. So wird die Sache auch von der Frage überlagert: ist das unfair?

Nach Ansicht von Joanna Harper, eine Sportmedizinerin am Providence Portland Medical Center im US-amerikanischen Oregon, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) in Genderfragen berät, ist das Urteil höchst problematisch. Zwar loben Menschenrechtler die Entscheidung, weil es inklusiv scheint. „Ich kann mir aber vorstellen, dass das Podium des 800-Meter-Laufs ausschließlich aus Intersexfrauen bestehen wird.“ Harper, selbst Athletin und als Transfrau einst in einem männlichen Körper geboren, hielt die vorige Regelung von IAAF und IOC für besser. „Als ich als Transfrau eine Therapie unternahm, um mein Testosteron zu senken, wurden meine Zeiten deutlich langsamer. Bei Semenya als Intersexfrau war das auch zu beobachten.“

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