Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.08.2016

21:30 Uhr

Rafaela Silva

Gold wird auch aus der Favela gerne genommen

VonKlaus Ehringfeld

Die 24-jährige Judoka Rafaela Silva, die aus einem Armenviertel Rios stammt, hat die erste Goldmedaille für Brasilien geholt. Nun wird eine, die ihr Leben lang unter Rassendiskriminierung litt, vom ganzen Land gefeiert.

Von der Favela auf das Siegertreppchen – das schafft in Brasilien kaum jemand. dpa

Rafaela Silva

Von der Favela auf das Siegertreppchen – das schafft in Brasilien kaum jemand.

Rio de JaneiroDie brasilianische Tageszeitung „O Globo" steht nicht im Ruf, besonders viel Sympathie für den Teil der Bevölkerung zu haben, der sich am Rand der Gesellschaft befindet und in den Armenvierteln lebt. Aber der Dienstag-Aufmacher war an Eindeutigkeit nicht zu überbieten: „Gold aus der Cidade de Deus“, titelte die Zeitung und stellte dazu ein halbseitiges Bild von Rafaela Silva, der Judoka, die am Vorabend überraschend Gold in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm gewonnen hatte.

Die 24 Jahre alte schwarze Frau aus der Favela „Cidade de Deus" in Rio de Janeiro besiegte die Weltranglistenführende Dorjsürengiin Sumiyaa aus der Mongolei. Und plötzlich war auch die „Favelada“, wie Bewohner von Armenvierteln genannt werden, für Medien und Menschen ganz Brasilianerin.

Ungefähr 1000 Favelas gibt es in der Millionenmetropole. Und „Cidade de Deus“, (Stadt Gottes) ist eines dieser Armutsviertel, aus dem der Weg normalerweise nicht herausführt. Es gibt schlimmere Gegenden als die Stadt Gottes, die im Westen Rios und nur acht Kilometer entfernt von der „Arena Carioca 1“ liegt, wo Silva triumphierte. Aber dennoch ist der Aufstieg in der Regel auch hier kaum möglich. 2002 war die Favela Schauplatz des weltweit bekannten Kinofilms „City of God“, der über das Leben und die Gewalt in den brasilianischen Armenvierteln erzählt. Wer hier aufwächst, ist umgeben von Drogen, Angst, Schießereien und Chancenlosigkeit.

Raus führt der Weg aus diesen Vierteln oft nur über das Gefängnis, wenn man viel Geld mit zweifelhaften Geschäften macht – oder eben, wenn man eine herausragende Begabung hat, wie Rafaela Silva. Aber selbst dann ist es in Brasilien schwer, den Weg zu den olympischen Spielen und noch komplizierter zum Gold zu finden. Rafaela Silva sagte das unter Tränen am Abend nach ihrem Sieg in brutalen Worten. „Diese hier", und die junge schwarze Frau zeigte auf ihre Goldmedaille, „ist die Antwort an all jene, die meinten, Judo sei nichts für mich. Alle, die gesagt haben, dass Affen in den Käfig gehören.“

Wenn man Anderson Magalhaes fragt, was er von dem Erfolg von Rafaela Silva hält, dann wirkt er ganz betreten vor Rührung. „Superação“, sagt er. „Überwindung“. Und der 26 Jahre alte Barmann, der selber schwarz ist und aus einer Favela stammt, meint damit, dass Silva es eben entgegen aller Vorurteile und Hindernisse geschafft hat, Gold zu holen. „Ihr hat doch keiner was zugetraut. Ihr Sieg ist ein Grund für ganz Brasilien, stolz zu sein und vor allem auch für uns, die wir in der Unsichtbarkeit leben.“

Padre Leandro Lenin Tavares, Leiter der Sportpastorale der Erzdiözese Rio, formuliert es etwas nüchterner. Rafaela Silva habe ein „Paradigma gebrochen“. Sie habe gezeigt, dass man mit „Courage, Durchsetzungskraft und Persönlichkeit die Hindernisse überwinden kann, die unsere Gesellschaft den Menschen aus den Favelas in den Weg stellt.“ Sie sei ein Vorbild für alle benachteiligten Menschen in Rio, nicht aufzugeben und mit dem Herz weiter zu kämpfen.

Rafaela Silva hatte schon mit fünf Jahren mit dem Judo begonnen und gilt bis heute als die begabteste Athletin Brasiliens in dieser Sportart. Der Sport entwickelt sich für sie zur Chance, aus den Lebensumständen in der Favela herauszukommen. „Judo war mein einziger Ausweg“. Und so widmete die junge kräftige Frau ihr Gold den Armutsgebieten und ihren Menschen: „Ich bin sehr stolz, weil ich nicht nur mein Land repräsentiere, sondern auch die Favela.“

Als sie bei Olympia vor vier Jahren in London als Favoritin früh scheitert, bekommt sie den gesamten Rassismus ihres Landes zu spüren: Sie wird beleidigt, angegriffen, gedemütigt. Silva will schon aufgeben – und erst therapeutische Hilfe bewegt sie zum Weitermachen. Der späte Lohn kam jetzt. Es sei unvergleichbar, daheim zu triumphieren, sagte die Goldgewinnerin unter Tränen.

Für Christian Frevel vom katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat kann der Erfolg von Rafaela Silva den Randsportarten in Brasilien Auftrieb verleihen. „Gerade mit Sportarten wie Judo hat man doch in den Armenvierteln so gut wie keine Chance. Viele Trainer gehen da gar nicht erst rein, weil sie Angst haben, ihnen könnte was passieren“, sagt Frevel.

So müssten brasilianische Kugelstoßer in den Stadtparks trainieren, weil es keine adäquaten Anlagen gibt – schon gar nicht für die Kids aus armen Verhältnissen. „Nur ein Drittel der Kinder in Rio kann schwimmen, weil es keine öffentlichen Freibäder gibt und der Ausflug von der Favela an den Strand einfach zu teuer ist“. Auf diese Probleme lenke der Sieg von Rafaela Silva die Aufmerksamkeit, betont Frevel.

Und vielleicht schauen ja auch die Medien künftig genauer hin in die Armenviertel. Jetzt jedenfalls ist die „Favelada“ der Liebling von „O Globo“: „Goldmädchen“ nannte die Zeitung Rafaela Silva schon fast liebevoll.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×