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01.08.2012

00:01 Uhr

Olympische Spiele

Großbritanniens Angst vor dem Gold-Debakel

Mit großen Ambitionen ist Gastgeber Großbritannien in die Olympischen Spiele gestartet. Doch auch am vierten Tag blieben die Briten sieglos, allmählich kehrt Nervosität ein. Zumindest die Presse hält sich zurück - noch.

Viel Jubel, wenig Ertrag: Großbritannien bei den Olympischen Spielen in London. dapd

Viel Jubel, wenig Ertrag: Großbritannien bei den Olympischen Spielen in London.

Mit goldgefütterten Kapuzen-Kragen ist das Team GB bei der Eröffnungsfeier zu David Bowies „Heroes“ ins Olympiastadion einmarschiert. Seither sieht man bei den ambitionierten Gastgebern vor allem eins: enttäuschte Gesichter. Die britischen Olympioniken sind bei ihren Heimspielen verzweifelt auf Goldsuche und müssen sich nach ihrem Fehlstart bereits erste Häme anhören. „Gesucht: Goldmedaille“, titelte das Boulevardblatt „Sun“ am Dienstag - es folgte der vierte Wettkampftag ohne Olympiasieg für den Ausrichter.

Mit dem Label „Our Greatest Team“ haben sie ihre Mannschaft der Superlative versehen. Mit 542 Mitgliedern ist sie die größte aller Nationen. Großbritannien ist als einziges Team in allen 26 Sportarten vertreten. Es soll wie in Peking der vierte Platz im Medaillenspiegel her - mindestens! - nach 46 von 302 Entscheidungen lag das Team GB mit zweimal Silber und zweimal Bronze auf Rang 21 - hinter Kasachstan, Georgien und Litauen - und so gerade eben vor Kolumbien.

Sogar IOC-Präsident Jacques Rogge hatte vor Beginn der Spiele auf eine schnelle Goldmedaille für die Briten gehofft. „Das steigert die Laune“, so der Ober-Olympier. Ein Stimmungsaufheller war am Dienstag Team-Silber der Vielseitigkeitsreiter um Queen-Enkelin Zara Phillips - aber ein bisschen klingen die britischen Teamverantwortlichen schon nach Durchhalteparolen: „Wir sind sehr gelassen, mit dem was wir haben“, sagte ein Teamsprecher. „Vor uns liegen große Tage.“ Die Briten hoffen vor allem auf die Ruderer, Bahnradfahrer und Segler.

Aber auch die britische Segel-Legende Ben „King Ben“ Ainsle - der dreimalige Goldmedaillengewinner - liegt nach dem Dienstag weit entfernt vom Goldkurs. Weitere Enttäuschungen der ersten Tage waren Radprofi Mark Cavendish, der als Topfavorit des Straßenrennens leer ausging, das Schwimm-Team im Kollektiv und die Absage von Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe, der das olympische Pech treublieb. David Florence, Kanu-Slalom-Goldhoffnung, kam nicht einmal ins Finale. Im Basketball und Handball ist das Team GB wie erwartet nicht konkurrenzfähig. Jungstar Tom Daley sprang im Synchronspringen vom Zehn-Meter-Turm mit seinem Partner Pete Waterfield nur auf den vierten Platz.

Erfolgreichste Olympioniken (international)

Platz 1

Schon vor seiner dritten Olympia-Teilnahme unsterblich gemacht hat sich US-Schwimmer Michael Phelps. 2004 und 2008 schwamm er bereits zu unfassbaren 14 Gold- und drei Bronzemedaillen.

Platz 2

Larissa Latynina gewann zwischen 1956 und 1964 18 Medaillen. Neun Mal Gold, fünf Mal Silber und vier Mal Bronze holte die Turnerin für die Sowjetunion.

Platz 3

Der finnische Langstreckenläufer Paavo Nurmi holte von 1920 bis 1928 Leichtathletik neun Goldmedaillen sowie drei Mal Silber.

Platz 4

Schwimmlegende Mark Spitz aus den USA holte 1968 und 1972 neun Mal Gold sowie je ein Mal Silber und Bronze.

Platz 5

Eine Bronzemedaille weniger gewann der US-Leichtathlet Carl Lewis. Von 1984 bis 1996 sammelte er neun Goldmedaillen und eine Silbermedaille.

Daley musste sich deshalb via Twitter übelste Beleidigungen gefallen lassen. „Du bist eine Enttäuschung für Deinen verstorbenen Vater“, hatte ein 17-Jähriger geschrieben. Daleys Vater war vor eineinhalb Jahren an einem Gehirntumor gestorben. Der unsensible Teenager wurde festgenommen.

Die sonst nicht zimperlichen englischen Medien gehen bisher noch eher zaghaft mit ihren lokalen Helden ins Gericht. „Alles, nur kein Gold - aber Großbritannien kann trotzdem nicht genug bekommen von Olympia“, schrieb der „Independent“. Und man hypt inzwischen sogar schon Bronzemedaillen - wie die der Mannschaftsturner. Seit 1912 hatten britische Turner keine Medaille im Team mehr gewonnen. „Wunder-Medaille“ titelte der „Daily Mirror“ überschwänglich, die „Times“ würdigte prominent die „History Boys“.

Die Briten müssen sich an ihren Ankündigungen - und rund 400 Millionen Euro Investitionen in das eigene Team seit 2008 - messen lassen. „In London startet die am besten vorbereitete und am besten unterstützte Mannschaft, die wir jemals hatten“, hatte Colin Moynihan, Präsident des Britischen Nationalen Olympischen Komitees (BOA), vorab verkündet. Erklärtes Ziel ist es, das starke Ergebnis von Peking zu toppen: 2008 holten die Briten 47 Medaillen (19 x Gold) und Platz vier. Wie damals soll unbedingt wieder der sportliche Erzfeind Deutschland ausgestochen werden: Team Germany beendete am Dienstag allerdings die eigene Durststrecke und holte fünf Medaillen, davon zweimal Gold durch die Vielseitigkeitsreiter.

Von

dpa

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