Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2005

07:00 Uhr

Ajax Amsterdam will kein Judenklub mehr sein – vor allem aus Rücksicht auf die Juden

Die eingebildete Identität

VonStefan Hermanns

Hatem Trabelsi ist Tunesier und gläubiger Moslem. Für die Fans von Ajax Amsterdam hingegen ist Trabelsi, der rechte Verteidiger ihrer Mannschaft, ein Jude: "Trabelsi is een Jood", stand auf einem Transparent, das eine Zeit lang in der Fankurve hing. Für die Anhänger von Ajax ist das die höchste aller Ehrenbezeugungen.

BERLIN. Die Fans feiern ihren Verein als "Judenklub". Sie singen "Steht auf, wenn ihr Juden seid", tätowieren sich den Davidsstern auf den Körper und bringen israelische Fahnen mit ins Stadion.

Es ist eine seltsame Form des Philosemitismus, der sich auf diese Weise in der Amsterdam-Arena äußert und der die Angelegenheit kompliziert macht. Der Verein nämlich will sich von seinem jüdischen Image lossagen - ebenfalls aus philosemitischen Gründen. Der Vorsitzende John Jaakke hat in seiner Neujahrsansprache gesagt: "Es muss das Paradox vom Tisch, dass wir als Judenklub gelten, Juden es aber schwer fällt, zu unseren Spielen zu kommen."

Uri Coronel, der einen Großteil seiner Familie im Holocaust verloren hat, ist einer von ihnen. Zwischen 1989 und 97 gehörte er dem Vorstand des Vereins an, inzwischen ist Coronel Ehrenmitglied bei Ajax. Dass die so genannte F-Side, der harte Kern der Fans, den Davidsstern mit einem F in der Mitte als Symbol benutze, rufe bei Überlebenden des Holocaust schreckliche Assoziationen an den Judenstern hervor, hat Coronel in einem Interview mit der Zeitung "Het Parool" gesagt. Er war es auch, der jetzt bei einem Fanklubtreffen das Thema angesprochen hat. "Es ist unsinnig, Ajax einen Judenklub zu nennen. Ajax ist nie ein Judenklub gewesen", sagt er. Das "Algemeen Dagblad" spricht daher auch von einer "jüdischen Pseudo-Identität".

Tatsache ist jedoch, dass sich viele Juden nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ajax hingezogen fühlten und dass es in Ajax? Geschichte einige wichtige Figuren gab, die Juden waren. Neben den Spielern Sjaak Swart und Bennie Müller vor allem Jaap van Praag, der in den glorreichen Siebzigerjahren Vorsitzender des Vereins war und die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg in einem Versteck überlebt hat.

Das Image vom Judenklub aber hat sich längst verselbstständigt und von den historischen Fakten gelöst: Es ist zur Marotte geworden. Ende der Siebzigerjahre wurde Jude zu einer Art Kampfname der Ajax-Anhänger. Entstanden ist er aus Trotz, weil die Ajax-Spieler zuvor als Juden beschimpft worden waren. Inzwischen ruft das offensive Bekenntnis zum Judentum bei gegnerischen Fans immer heftigere antisemitische Reaktionen hervor. Das ist das Problem. "Ich glaube nicht, dass unsere Anhänger rassistisch sind", sagt Coronel. "Aber sie müssen begreifen, was sie damit anrichten."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×