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03.02.2015

12:58 Uhr

American Football

Die kranke Seite des amerikanischen Volkssports

VonAxel Postinett

Als „Iron Mike“ starb, wurde eine krankhafte Veränderung seines Gehirns festgestellt. Seitdem wird das Phänomen häufiger bei Football-Spielern diagnostiziert. Ein Supergau für die Liga NFL und ein Thema für die Gerichte.

Jeremy Lane (r.) von den Seattle Seahawks wird von New-England-Patriot Julian Edelman (m.) angegriffen. dpa

Seattle Seahawks gegen die New England Patriots im Superbowl

Jeremy Lane (r.) von den Seattle Seahawks wird von New-England-Patriot Julian Edelman (m.) angegriffen.

New YorkEs ist das dunkle Geheimnis der Football Liga NFL. Die Spieler verdienen Millionen von Dollar, aber nicht wenige zahlen einen hohen Preis. Sie versinken nach Karriereende in geistiger Verwirrung. Die ständigen schweren Kopftreffer fordern irgendwann ihren Tribut. Die Liga bietet 765 Millionen Dollar für die Opfer an. Einer Richterin ist das aber zu wenig.

Sie hat gewartet, bis das Super-Party-Finale vorbei war. Es war erst ein paar Stunden her, dass die Patriots die Seahawks in einem packenden Superbowl-Finale mit hartem Körpereinsatz geschlagen hatten, als Richterin Anita Brody am Montag in Philadelphia die Bombe platzen ließ.

Zum zweiten Mal wies sie ein Angebot der mächtigen NFL zurück, 765 Millionen Dollar für Football-Spieler bereitzustellen, die schwere gesundheitliche Schäden durch den Sport davontragen. Sie fordert Nachbesserungen. Unter anderem verlangt sie die Einbeziehung der europäischen NFL-Ligen. Hunderte American-Football-Spieler haben den Verband verklagt. Bis 13. Februar haben beide Seiten jetzt Zeit nachzubessern.

Sebastian Vollmer: Ein Deutscher triumphiert im Football

Spitzname

Sebastian Vollmer hat als erster Deutscher die wichtigste Trophäe im American Football gewonnen, den Super Bowl. Sein Spitzname: „Verlässlicher Koloss aus dem Rheinland“.

Sein Weg

Der Weg zum Triumph im Super Bowl war für Sebastian Vollmer äußerst schmerzhaft. Der knochenharte Job als Right Tackle in der nordamerikanischen Football-Liga NFL bremste den 30 Jahre alten Rheinländer der New England Patriots vor dem 28:24-Sieg über die Seattle Seahawks schon mehrfach aus.

Verletzungen

Vor knapp zwei Jahren musste er sich einer Knie-Operation unterziehen, der untere Rücken bereitet ihm seit College-Zeiten Probleme, in der vergangenen Saison fehlte er lange Zeit mit einem Beinbruch.

Kampfgeist

Immer wieder kämpfte sich der 145-Kilo-Koloss zurück und holte als erster Deutscher die begehrteste Trophäe des US-Sports. Seit insgesamt sechs Jahren agiert Vollmer als Bodyguard für seinen Quarterback Tom Brady – und hat so maßgeblichen Anteil am Erfolg des Teams aus Massachusetts.

So urteilt sein Chef

„Er ist beständig, zäh, athletisch und einer der kräftigsten Kerle, die ich je gesehen habe“, schwärmte der Spielmacher Tom Brady einmal von den Fähigkeiten Vollmers.

Seine Aufgabe

Als wichtigster Teil der Offensive Line muss Vollmer die gegnerische Verteidigung vom Quarterback fernhalten und diesem die nötige Zeit für Würfe ermöglichen und beim Lauf die Räume freiblocken.

Vertrag

Im März 2013 hatte Vollmer einen neuen Vierjahresvertrag mit einem Maximal-Volumen von 27 Millionen US-Dollar unterschrieben, garantiert sind davon 8,25 Millionen Dollar.

Typ

Bei allem Erfolg wird der gläubige Katholik als bodenständiger Charakter gelobt.

So urteilt sein Trainer

„Er ist ein großartiger Teamkollege, sehr beliebt bei den anderen Mitgliedern der Mannschaft wegen seiner Arbeitseinstellung“, sagte Trainer Bill Belichick über ihn. „Er ist sehr smart. Er ist nicht nur intelligent, sondern versteht auch Football-Konzepte sehr schnell.“

Es begann 2002. Als er starb, da trug Pittsburgh Trauer. „Iron Mike“ Webster war gerade einmal 50 Jahre alt, als sein geschundener Körper nicht mehr mitmachen wollte. Da war er bereits 17 Jahre aus der Liga ausgeschieden, geistig verwirrt, obdachlos, geschieden. Es war die Obduktion des legendären Center-Spielers der Pittsburgh Steelers, die die amerikanische Football-Industrie für immer veränderte.

Dr. Bennet Omalu stellte „chronisch traumatische Enzephalopathie“ (CTE) fest. Eine krankhafte Veränderung des Gehirns, die im Sport bis dahin eigentlich nur mit Boxern in Verbindung gebracht wurde, die ständig schwere Kopfschläge und Gehirnerschütterungen hinnehmen müssen. Am Ende der Krankheit stehen nicht selten Alzheimer, Parkinson und völliger geistiger Verfall.

Websters Fall trat eine Lawine los. Immer neue Fälle von CTE bei verstorbenen Spielen tauchten auf. Nach Selbstmorden fanden Ärzte CTE in den Gehirnen der Toten. Es war der Gau in der Welt der Football-Liga NFL: Mit voller Wucht prallen die Spieler immer wieder aufeinander, rammen ihre Gegner, werfen sie um – und jetzt besteht offenbar eine Verbindung zwischen Football und irreparablen Gehirnschäden.

Mit allen Mitteln versuchte der Verband über Jahre die Nachricht herunterzuspielen oder zu unterdrücken: Eine Schlacht aus Gutachten und Gegengutachten begann. Dann die Sammelklage, die Ende 2013 in einem Vergleich endete.

Ein auf 65 Jahre angelegter Hilfsfonds, und die Liga kommt ohne das Eingeständnis eines Fehlverhaltens davon – aber noch muss Richterin Brody zustimmen. Die NFL legte am Montag in einer Mitteilung Wert darauf, dass der Vergleich nicht abgelehnt worden sei. Es werde jetzt an den Änderungen gearbeitet.

Die Footbal-Liga, die ihren Umsatz von jetzt zehn Milliarden bis 2027 auf jährlich 25 Milliarden Dollar steigern will, bemüht sich derweil, ihr Image und das Image des Sports wieder aufzubessern. In einer Pressekonferenz vor dem Superbowl betonte Geschäftsführer Roger Goodell, die Zahl der Gehirnerschütterungen in einer Saison sei seit 2012 von 173 auf 111 gefallen.

Aber er räumte auch ein, es bleibe „noch einiges zu tun, um Gesundheit und Sicherheit“ der Spieler zu verbessern. Die Liga will möglichst schnell auch einen „Chief Medical Officer“ ernennen, der sämtliche medizinischen Aspekte verantworten wird.

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