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24.08.2012

12:19 Uhr

Armstrong gibt auf

Wird Jan Ullrich zum viermaligen Tour-de-France-Sieger?

Doping-Vorwürfe gab es seit Jahren, nun gibt Lance Armstrong, siebenfacher Tour-Sieger, den Widerstand auf – aber ohne ein Geständnis. Dennoch droht ihm der Verlust aller Titel. Jan Ullrich ist das offenbar egal.

Lance Armstrong könnte alle Titel verlieren

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WashingtonLance Armstrong will sich nicht mehr mit den gegen ihn erhobenen Doping-Vorwürfen beschäftigen und nimmt dafür auch die mögliche Aberkennung seiner sieben Tour-Titel in Kauf. „Es kommt ein Punkt im Leben jedes Menschen, an dem er sagen muss: Es reicht. Für mich ist dieser Punkt jetzt gekommen“, teilte der erfolgreichste Radprofi der Tour-Geschichte in einem schriftlichen Statement mit. Der 40-Jährige schrieb von einer „Hexenjagd“ durch Travis Tygart, den Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada.

Die Usada kündigte an, Armstrong sämtliche Titel abzuerkennen und ihn auf Lebenszeit von Wettkämpfen auszuschließen. Armstrong sprach der Behörde ab, ihm die Titel entziehen zu können. Zudem werde er nun die Chance nutzen, die Vorwürfe gegen ihn dauerhaft aus der Welt zu räumen. Für Armstrong lief am Donnerstag eine Frist ab, bis zu der er die Anschuldigungen offiziell zurückweisen konnte.

Von 1999 bis 2005 hatte Armstrong siebenmal in Serie die Tour de France gewonnen. Der deutsche Jan Ullrich war in den Jahren 2000, 2001 und 2003 hinter dem Amerikaner auf Platz zwei des wichtigsten Radrennens der Welt gefahren. Ob Ullrich, der 1997 seinen einzigen Toursieg feierte, bei einer Aberkennung der Titel nachträglich zum Sieger ernannt werden würde, ist aber offen. Der aus Rostock stammende Radprofi, der 2007 seine Karriere beendete, wurde 2005 von der CAS des Dopings überführt und für mehrere Jahre gesperrt.

Das gesamte Verfahren habe einen „zu hohen Zoll“ von ihm und seiner Familie gefordert, begründete Armstrong seinen Entschluss. Wenn er eine Chance gesehen hätte, in einer fairen Umgebung die Vorwürfe widerlegen zu können, hätte er „die Chance wahrgenommen“. „Aber ich weigere mich, in einem einseitigen und unfairen Prozess mitzumachen.“ Ein Dopinggeständnis legte Armstrong damit aber nicht ab.

„Das ist ein trauriger Tag für alle von uns, die den Sport und unsere Athleten-Helden lieben“, teilte Tygart in einem Schreiben der Usada mit. Der Fall sein „ein Herzen brechendes Beispiel“ wie die Kultur des „Siegens um jeden Preis“ einen sauberen und fairen Sport verhindere, so Tygart.

Chronologie – Die Anschuldigungen bis zur Aufgabe

2. Juli 2004

Unmittelbar vor der Tour de France 2004 erscheint das Buch „L.A. Confidential“, in dem die beiden Journalisten David Walsh und Pierre Ballester schwere Doping-Vorwürfe gegen Lance Armstrong erheben. Der US-Amerikaner scheitert vor Gericht mehrfach mit dem Versuch, sich in dem Buch äußern zu dürfen.

1. Oktober 2004

Wegen Sportbetrugs wird der Sportarzt Michele Ferrari zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Der Italiener arbeitete lange mit Armstrong zusammen. Vom Vorwurf, Radsportler mit Dopingmitteln versorgt zu haben, wird Ferrari aus Mangel an Beweisen jedoch freigesprochen.

1. April 2005

Sein ehemaliger Betreuer Mike Anderson erklärt vor Gericht, 2004 „ein verbotenes Medikament“ in Armstrongs Badezimmer gefunden zu haben. Der reagiert darauf mit einer Schadensersatzklage.

24. Juli 2005

Armstrong gewinnt zum siebten Mal die Tour de France und beendet danach seine Karriere.

23. August 2005

Die französische Sportzeitung „L'Equipe“ berichtet, dass in sechs Urinproben von Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Die Proben waren eingefroren worden und konnten dem Bericht zufolge eindeutig Armstrong zugeordnet werden. EPO ist erst seit 2001 nachweisbar.

31. Mai 2006

Eine vom Weltverband UCI eingesetzte Kommission spricht Armstrong von den 1999er Doping-Vorwürfen frei. Die weltweite Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht „fast schon lächerlich“.

9. September 2008

Armstrong kündigt für 2009 sein Comeback an.

2. Oktober 2008

Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD schlägt Armstrong vor, die sechs Proben der Tour de France 1999 nochmals zu testen. Der US-Amerikaner lehnt das ab.

20. Mai 2010

Armstrongs ehemaliger Teamkollege Floyd Landis gibt öffentlich zu, die meiste Zeit seiner Karriere gedopt zu haben. Der Tour-Sieger von 2006 beschuldigt in diesem Zusammenhang auch Armstrong des Dopings. Der weist die Anschuldigungen zurück.

26. Mai 2010

Nach den Aussagen von Landis kündigen die US-Behörden an, die Ermittlungen gegen Armstrong auszuweiten. Es geht jetzt nicht nur um die Einnahme unerlaubter Mittel, sondern auch um die Frage, ob das Sponsorengeld des amerikanischen Postdienstleisters US Postal dazu genutzt wurde, um Dopingmittel zu finanzieren.

16. Februar 2011

Armstrong erklärt sein endgültiges Karriereende.

20. Mai 2011

Tyler Hamilton ist der nächste ehemalige Teamkollege, der schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong erhebt. „Ich sah EPO in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat“, sagt der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004 dem TV-Sender CBS.

4. Februar 2012

Die US-Staatsanwaltschaft stellt ihre Doping-Ermittlungen gegen Armstrong ein.

9. Februar 2012

Der Welt-Triathlonverband WTC gibt eine Kooperation mit Armstrong bekannt. Für sechs Starts kassiert seine Krebs-Foundation „Livestrong“ eine Million Dollar. Die erste Teilnahme soll im Oktober 2012 sein.

12. Februar 2012

Armstrong wird Zweiter beim Ironman 70.3, einem Wettkampf über die halbe Distanz. Zum Dopingtest müssen nicht wie üblich die ersten drei, sondern die Athleten auf den Plätzen vier bis sechs.

12. Juni 2012

Die nationale Anti Doping-Agentur USADA erhebt in einem Schreiben schwere vorwürfe gegen Armstrong. Proben aus den Jahren 2009 und 2010 sollen „vollkommen mit Proben übereinstimmen, an denen Blutmanipulation, inklusive EPO und/oder Blut-Transfusionen vorgenommen wurden.“ Armstrong wird sofort für alle Wettbewerbe gesperrt.

14. Juni 2012

Der WTC gibt bekannt, dass Armstrong wegen der laufenden Ermittlung nicht an Wettkämpfen teilnehmen darf. Der Ironman in Nizza am 24. Juni findet ohne den 40-Jährigen statt.

20. August 2012

Ein Gericht in Austin erklärt die Ermittlungen der USADA gegen Armstrong für rechtens. Der Texaner muss entscheiden, ob er eine Schiedsgerichts-Verhandlung will oder eine drohende lebenslange Sperre der USADA akzeptiert.

24. August 2012

Armstrong teilt in einem Statement mit, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgibt. Ihm droht nun die Aberkennung seiner Tour-Titel.

22. Oktober 2012

Der Radsport-Weltverband UCI hat das Urteil der US-Anti-Doping-Agentur USADA bestätigt. Armstrong verliert damit alle sieben Tour de France-Titel von 1999 bis 2005 und wird mit einer lebenslangen Sperre belegt.

Kommentare (23)

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jpie

24.08.2012, 07:13 Uhr

Erfreulich !
Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen manchmal wohl doch noch.
Wenn auch langsam.

einerflog

24.08.2012, 07:58 Uhr

und Sie sind der "concerned citizen" der nichts besseres zu tun hat als irgendwelche Leute abzustempeln? vielleicht schauen sie sich die Namen der Leute die die seine Titel übernehmen werden und dann können Sie sich die Frage stellen, was eigentlich los ist, bis dann wünsche ich Ihnen noch eine gute Nacht.

Account gelöscht!

24.08.2012, 08:16 Uhr

Er bleibt trotzdem Multi-Millionär und zeigt der gesamten Sportwelt einen (un)gedopten Mittelfinger! Wer würde dafür nicht die ollen Pokale/Titel zurückgeben wollen und auf den Ruhm verzichten, der längst durchlebt und von ihm ausgekostet wurde? Er steht bereits in allen Jahrhundertbüchern über sportliche Ereignisse und bleibt darin der Sieger, denn die gedruckten Erzeugnisse von damals können nicht mehr zurückgerufen oder geschwärzt werden. Alles, was er auf seiner Tour des Lebens erreichen wollte, hat er erreicht. Sein Luxusleben und die unzähligen Erfolgserlebnisse als Sieger kann ihm niemand mehr nehmen. Die Sponsoren mach(t)en auch mit gedopten Sportlern ordentlich Kasse. Daran wird sich nie etwas ändern. Wenn es unbedingt einen Verlierer geben soll, dann ist der Radsport. Ach was, die Show muss weiter gehen. Doping gehört zum Sport, wie Hormone zur Viehzucht.

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