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19.01.2013

09:19 Uhr

Armstrongs Doping-Beichte

„Ich verdiene nicht die Todesstrafe“

VonNils Rüdel

Auch im zweiten Teil des Interviews mit Oprah Winfrey hat Lance Armstrong keine Details über sein Doping-System verraten. Der gefallene Rad-Star bekam dafür viel Zeit für Selbstmitleid – und Gedanken über ein Comeback.

Lance Armstrong beim zweiten Teil seiner Doping-Beichte bei Oprah Winfrey. dapd

Lance Armstrong beim zweiten Teil seiner Doping-Beichte bei Oprah Winfrey.

WashingtonNimmt man einem Mann, der 20 Jahre lang gelogen und betrogen hat, noch öffentliche Tränen ab? Die Talkmasterin Oprah Winfrey jedenfalls blieb ungerührt, als Lance Armstrong mitten im Interview ins Stocken geriet und wässrige Augen bekam. Es war der Moment, als sie den einstigen Rad-Star aufforderte, von seinem ältesten Sohn Luke zu erzählen.

Er habe beobachtet, wie ihn der Teenager gegen die öffentlichen Doping-Vorwürfe in Schutz nahm, sagte Armstrong. Das sei der Moment gewesen, in dem er dem Jungen reinen Wein einschenken musste. „Ich sagte zu ihm, bitte verteidige mich nicht mehr“, erinnerte sich der Texaner. Luke habe darauf hin nur geantwortet: „Es ist okay“.

Lance Armstrongs Karriere - Teil 1

1992

Armstrong beendet das olympische Rennen als 14. und wechselt nach den Spielen in Barcelona ins Profilager. In seinem ersten Rennen, dem Clásica San Sebástian, wird er Letzter.

1993

Er wird Weltmeister, gewinnt die USPRO Championship sowie seine erste Etappe bei der Tour de France.

1996

Er startet das Jahr als Weltranglistenerster. Im Oktober unterzieht er sich einer Chemotherapie. Bei Armstrong war zuvor Hodenkrebs diagnostiziert worden, der bereits in Lunge und Gehirn gestreut hatte.

1997

Armstrong beginnt wieder mit dem Training und gründet eine Stiftung, die sich der Krebsforschung widmet.

1998

Er kehrt in den Wettkampf-Zirkus zurück, gewinnt die Luxemburg-Tour, die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt sowie den Cascade Classic in Oregon.

1999

Für das Team US Postal gewinnt Armstrong als zweiter Amerikaner die Frankreich-Rundfahrt.

2000

Er fährt zu seinem zweiten Tour-Sieg und veröffentlicht ein Buch mit dem Titel „Tour des Lebens“.

2001-2003

Die Tour-Erfolge Nummer drei bis fünf folgen.

Der zweite Teil des großen Beicht-Gesprächs zwischen dem tief gefallenen Doping-Sünder und der Talk-Queen am Freitagabend verlief emotionaler als der erste am Tag davor. Neue Erkenntnisse über das ausgeklügelte Betrugssystem Armstrongs bei dessen sieben Tour-de-France-Siegen, über Hintermänner oder die Rolle des Radsportverbands UCI gab es allerdings auch dieses Mal nicht.

Ebenso bestritt er, der US-Anti-Doping-Behörde USADA über einen Mittelsmann eine Spende angeboten zu haben, was Behördenchef Travis Tygart behauptet hatte. Armstrong blieb dabei: Er sei bei seiner Rückkehr zur Tour de France 2009 clean gewesen. Sein Doping-System war nicht ausgeklügelt. Er habe verbotene Substanzen nur eingenommen, weil es alle taten, damit gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen. Und niemals habe er Kollegen zum dopen gezwungen.

Lance Armstrongs Karriere - Teil 2

2004

Armstrong wird Wochen vor seinem sechsten Tour-Triumph beschuldigt, leistungssteigernde Medikamente einzunehmen.

2005

Er verkündet im April seinen Rücktritt für den Zeitpunkt nach der Tour, die er zum siebten Mal gewinnt, an. Im August berichtet die französische Sportzeitung L'Equipe, dass in sechs Urinproben des Amerikaners von 1999 das Blut-Dopingmittel EPO nachgewiesen wurde. Armstrong bestreitet die Vorwürfe weiterhin.

2006

Armstrong wird vom Weltverband UCI freigesprochen, da die erneuten Tests der Proben nicht nach wissenschaftlichem Standard durchgeführt wurden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht „fast schon lächerlich“.

2008

Am 9. September verkündet Armstrong sein Comeback.

2009

Im April wirft ihm die französische Anti-Doping Agentur (AFLD) vor, dass er bei Dopingproben nicht kooperiere.

2010

Dopingsünder Floyd Landis, früherer Teamkollege bei US Postal, beschuldigt unter anderem Armstrong, dass auch er leistungssteigernde Mittel eingenommen habe.

2011

Im September zitiert die Sports Illustrated Armstrongs früheren Weggefährten Stephen Swart. Dieser bezeichnet Armstrong als „einen Anstifter“, der zu EPO geraten habe. Nach der Australien-Tour tritt er endgültig zurück. Im Mai berichtet Armstrongs früherer Edelhelfer Tylor Hamilton, dass beide während der Tour 1999, 2000 und 2001 mit EPO gedopt hatten.

2012

Am 29. Juni bezichtigt ihn die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) des Doping-Missbrauchs und suspendiert ihn von allen Wettkämpfen. Am 20. August weist ein Gericht Armstrongs Klage gegen die USADA zurück. Drei Tage später gibt er den Rechtsstreit um die Dopingvorwürfe auf, die USADA sperrt Armstrong lebenslang. Ihm droht der Verlust aller sieben Tour-Siege.

Am 10. Oktober veröffentlicht die USADA ihre Urteilsbegründung. Armstrongs langjähriges Profiteam US Postal habe das „ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben, das der Sport jemals gesehen hat“, heißt es in dem Bericht.

Am 22. Oktober folgt der Weltverband UCI der USADA und erkennt Armstrong alle sieben Tour-Siege ab. Am 12. November zieht Armstrong die Konsequenzen aus seiner Doping-Affäre und legt alle offiziellen Ämter seiner Livestrong-Stiftung nieder.

2013

Am 9. Januar kündigt Lance Armstrong an, sein langes Schweigen in der Talkshow von Oprah Winfrey zu brechen. Schon vor der Aufzeichnung halten sich Gerüchte, dass der frühere Radsport-Star ein Geständnis ablegen will. Nach dem Interview am 15. Januar berichten US-Medien, dass Armstrong Doping zugegeben habe. Am 18. Januar um 3.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit wird die Sendung ausgestrahlt.

Stattdessen bekam der 41-Jährige eine Stunde lang Zeit, sich abermals reumütig und zerknirscht zu zeigen. „Ich kann diesen Kerl nicht leiden“, sagte er an einer Stelle über sich selbst, als ihm Oprah per Einspielfilm seine eigenen Lügen vor Augen führte. „Ich schäme mich“. Wenig später dann wiederholte er einen Satz aus dem ersten Teil: „Ich schulde einer Menge Leuten eine Entschuldigung, und ich werde sie darum bitten, wann immer sie dazu bereit sind“.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

19.01.2013, 11:13 Uhr

Wen interessiert diese Heulsuse eigentlich? Das HB ist auf dem Weg von Zeitschriften, die Frauen beim Friseur aus Langeweile unter der Trockenhaube lesen.

Macht nur so weiter - dann bin ich hier weg.

hermann.12

19.01.2013, 12:01 Uhr

Es mag merkwürdig rüberkommen, wenn Armstrong beichtet.
Aber diese ätzende Kritik ist letztlich mindestens ebenso verlogen wie das Doping selbst.
Wer vom Sport leben will kommt sehr schnell in eine Zwickmühle und gerade Journalisten haben kaum Grund hier Moral zu predigen.
eine große Zahl von Journalisten prostituiert sich doch täglich bei der Berichterstattung um Verleger, Werbekunden oder die Politik nicht zu verprellen, wo ist da der Unterschied?
Es ist immer leicht Moral zu predigen, wenn man sich nicht im Interessenkonflikt zwischen Moral und Eigeninteresse befindet.
Wir erwarten hohe Moral bei denen die Verantwortung tragen oder Spitzenleistungen erbringen sollen, auf der anderen Seite tun wir fast alles, vor allem über die Medien, dass es die ehrlichen am Schwersten haben.
Ob Armstrong mit seiner reue glaubhaft ist, sei dahingestellt. Ich kann aber gut verstehen, das er andere nicht anschwärzt.
viele die sich von diesen Problemen frei wähnen, schauen auch nur weg oder wollen sich nicht die Finger verbrennen. Das beginnt schon am alltäglichen Arbeitsplatz.
Ein System, das sich an Idealen orientiert, aber in der Praxis diese Schwäche eben nicht bei ausnahmslos jedem voraussetzt kann niemals moralisch sein. Es produziert immer mehr Enttäuschung und immer weniger Richtiges, weil letztlich der Druck zu versagen oder verantwortlich gemacht zu werden steigt, ohne dass dies gerechter wäre als vorher.

Also lieber Autor, glauben sie nicht, das sie es an Armstrongs Stelle besser gemacht hätten, das ist eine Illusion, seien sie ggf. dankbar, dass der Druck ihre Integritätsgrenze noch nicht erreicht hat bzw. denken sie mal nach, ob das auf andere Weise nicht schon längst bei Ihnen als Journalist längst passiert ist.

H.

Account gelöscht!

19.01.2013, 12:52 Uhr

Ihnen eine gute Reise, genau wie für die anderen Pharisäer und Moralapostel. Hoffentlich stimmen die Angaben in der jährlichen Steuererklärung bis auf den letzen Euro. Falls nicht, dann ist das wirklich ein Verbrechen an der Allgemeinheit. Ansonsten sollte alle derzeit wieder hervorkriechenden Besserwisser, die niemals auch nur entfernt die Gepflogenheiten eines jedweden modernen Leistungssports kennengelernt haben, besser schweigen und auch nie mehr die öffentlich-rechtlichen Sender gucken, bei denen zum Beispiel Ex-Schwimmerinnen aus DDR-Zeiten fröhlich vom Bildschirm grüssen. Sicher wurde zur Erreichung der früheren Leistungen nur Traubenzucker verteilt, genauso wie jamaikanische Sprinter sicher nur von den besonderen klimatischen Bedingungen in ihrem Heimatland profitieren. Gute Nacht, träumen Sie alle nur schön weiter.

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