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08.03.2016

12:51 Uhr

Doping-Fahnder

„Meldonium ist wie eine Lifestyle-Droge"

Quelle:dpa

Das Herzmedikament Meldonium ist Ursache vieler Dopingfälle. Obwohl seit Jahren bekannt, wurde es erst zu Jahresbeginn auf die Liste der verbotenen Substanzen genommen. Der Doping-Fahnder Detlef Thieme erklärt, warum.

Maria Scharapowa wurde wegen Dopings vorläufig suspendiert. Foto: Mike Nelson dpa

Maria Scharapowa

Maria Scharapowa wurde wegen Dopings vorläufig suspendiert. Foto: Mike Nelson

Der Doping-Fall der russischen Tennisspielerin Maria Scharapowa ist der vorläufige Höhepunkt in einer seit Jahresbeginn anhaltenden Serie positiver Proben auf das Mittel Meldonium. Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit dem Leiter des Institus für Dopinganalytik und Sportbiochemie Kreischa, Detlef Thieme, über das Mittel, seine Wirkung und warum es erst seit Januar auf der Liste verbotener Substanzen steht.

Meldonium steht seit Jahresbeginn auf der Liste der verbotenen Substanzen der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Warum?
Thieme: Es gibt seit vielen Jahren die Tendenz, dass man mit Mitteln experimentiert, die eine Leistungssteigerung versprechen. So ist es auch mit Meldonium, einem Herzmedikament. Ob es wirklich hilft, weiß ich nicht. Meiner Meinung nach ist es wie eine Lifestyle-Droge, die prophylaktisch genommen wird, obwohl ihre tatsächliche Leistung auf Sportler fragwürdig ist.

Warum wurde Meldonium dann verboten, wenn gar nicht genau erwiesen ist, ob es wirklich leistungssteigernd ist?
Thieme: Bei der WADA gibt es ein Monitoringprogramm. Das überwacht Medikamente, die nicht verboten sind. In den vergangenen ein, zwei Jahren hat es erhebliche Fallzahlen der Verwendung von Meldonium gegeben. Daher sah sich die WADA gezwungen, Meldonium wegen des Missbrauchs zu verbieten.

Meldonium: ein Doping-Renner in Russland

Substanz

Meldonium war zumindest bis 2014 besonders in Russland ein Renner unter den für Doping genutzten Mitteln. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte hohen Missbrauch der Substanz in verschiedenen Sportarten festgestellt.

Verbot seit 2016

Der Wirkstoff wurd seit 1. Januar 2016 auf die gültige Liste der verbotenen Substanzen gesetzt.

Neue Fälle

Dennoch scheint es vor allem in der russischen Doping-Szene weiter beliebt zu sein. Die am Montag öffentlich gewordenen russischen Doping-Fälle mit Meldonium von Tennis-Stars Maria Scharapowa und der ehemaligen Eistanz-Europameisterin Jekaterina Bobrowa könnten Hinweise darauf sein.

Übersehen

Im Dezember habe sie ein Schreiben der WADA und der ITF bekommen, in dem auf die veränderten Doping-Regularien hingewiesen wurde. „Ich habe nicht auf die Liste geschaut“, sagte Scharapowa. Das Mittel habe sie seit 2006 eingenommen.

Weitere Fälle 2016

Eduard Worganow (Russland) Radsport
Olga Abramowa (Ukraine) Biathlon
Zwei Athleten des ASV Nendingen (nicht namentlich genannt) Ringen
Artem Tyschtschenko (Ukraine) Biathlon

Medikament

Meldonium wird unter dem Markennamen Mildronat als Herzmedikament in den baltischen Staaten und in Russland vertrieben; in Deutschland ist es als Arzneimittel nicht zugelassen. Es soll die Durchblutung fördern und somit als Medikament für Angina Pectoris und Herzerkrankungen geeignet sein.

Sport

Athleten versprechen sich durch die Einnahme der Substanz eine verbesserte Durchblutung und damit eine Steigerung der physischen sowie mentalen Belastungsfähigkeit.

Forschung

Bereits bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen stellten Wissenschaftler in einer Studie fest, dass vor allem Sportler aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion bevorzugt auf Meldonium zurückgriffen. Es war damals noch nicht verboten.

Studie

Laut einer russischen Studie von 2015 - kurz vor dem WADA-Verbot - fanden Moskauer Forscher in 724 von 4316 Urinproben Meldonium.

Warum gibt es derzeit so viele positive Meldonium-Fälle?
Thieme: Es sind vorwiegend Sportler aus Osteuropa, die ins Netz gehen. Das hängt damit zusammen, dass im Baltikum und Russland das Mittel frei verkäuflich ist, anders als in fast allen anderen Ländern. Man kann bei einigen Fällen wie dem von Scharapowa davon ausgehen, dass der Sportler den NADA-Hinweis auf das anstehende Verbot vom Dezember nicht gelesen hat. Bei anderen Fällen ist es aber auch möglich, dass es sich lange im Körper gehalten hat. Solche Mittel gibt es, deren Einnahme noch ein halbes Jahr später nachgewiesen werden kann. Auf die Wirkung kann man daraus aber nicht schlussfolgern.

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