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28.12.2016

15:27 Uhr

Doping im Sport

IOC steht vor einem Jahr der Wahrheit

Das IOC kämpft mit vielen Baustellen und offenen Fragen. Welche Konsequenzen gibt es für Russlands Sport? Wer bekommt die Sommerspiele 2024? 2017 könnte für die Glaubwürdigkeit des IOC zum Jahr der Wahrheit werden.

Das russische Staatsdoping ist nur eines von vielen Problemen, mit dem IOC-Präsident Thomas Bach (links) sich zur Zeit beschäftigen muss. Das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des Olympischen Komitees haben in den letzten Monaten schwer gelitten. Wenn das IOC Vertrauen zurückgewinnen will, muss es 2017 einige schwerwiegende Entscheidungen treffen. dpa

Gesprächsbedarf

Das russische Staatsdoping ist nur eines von vielen Problemen, mit dem IOC-Präsident Thomas Bach (links) sich zur Zeit beschäftigen muss. Das Ansehen und die Glaubwürdigkeit des Olympischen Komitees haben in den letzten Monaten schwer gelitten. Wenn das IOC Vertrauen zurückgewinnen will, muss es 2017 einige schwerwiegende Entscheidungen treffen.

BerlinAuf die Chronisten des olympischen Sports wartet 2017 Arbeit. Rekord- und Siegerlisten Olympischer Spiele und internationaler Meisterschaften müssen wohl mehr als einmal umgeschrieben werden, wenn in den Dopinglaboren die Proben russischer Athleten erneut untersucht und Betrug in großem Stil nachgewiesen werden sollte. Für das Internationale Olympische Komitee und dessen deutschen Präsidenten Thomas Bach steht gut ein Jahr vor den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang vor allem die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Noch Anfang Dezember hatte sich die IOC-Führungsspitze bei ihrem Treffen in Lausanne zum beispielhaftem Erfolg der Sommerspiele in Rio de Janeiro im vergangenen August beglückwünscht. Trotz Pannen und des russischen Doping-Skandals „hat die Hälfte der Weltbevölkerung die Spiele gesehen“, bilanzierte Bach nicht ohne Stolz. Eine in der Geschichte bis dahin unerreichte Zahl, die „die große Anziehungskraft und Bedeutung Olympischer Spiele zeigt.“ Und die natürlich auch Basis für die milliardenschweren Fernsehrechte des Spektakels ist.

Meldonium: ein Doping-Renner in Russland

Substanz

Meldonium war zumindest bis 2014 besonders in Russland ein Renner unter den für Doping genutzten Mitteln. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte hohen Missbrauch der Substanz in verschiedenen Sportarten festgestellt.

Verbot seit 2016

Der Wirkstoff wurd seit 1. Januar 2016 auf die gültige Liste der verbotenen Substanzen gesetzt.

Neue Fälle

Dennoch scheint es vor allem in der russischen Doping-Szene weiter beliebt zu sein. Die am Montag öffentlich gewordenen russischen Doping-Fälle mit Meldonium von Tennis-Stars Maria Scharapowa und der ehemaligen Eistanz-Europameisterin Jekaterina Bobrowa könnten Hinweise darauf sein.

Übersehen

Im Dezember habe sie ein Schreiben der WADA und der ITF bekommen, in dem auf die veränderten Doping-Regularien hingewiesen wurde. „Ich habe nicht auf die Liste geschaut“, sagte Scharapowa. Das Mittel habe sie seit 2006 eingenommen.

Weitere Fälle 2016

Eduard Worganow (Russland) Radsport
Olga Abramowa (Ukraine) Biathlon
Zwei Athleten des ASV Nendingen (nicht namentlich genannt) Ringen
Artem Tyschtschenko (Ukraine) Biathlon

Medikament

Meldonium wird unter dem Markennamen Mildronat als Herzmedikament in den baltischen Staaten und in Russland vertrieben; in Deutschland ist es als Arzneimittel nicht zugelassen. Es soll die Durchblutung fördern und somit als Medikament für Angina Pectoris und Herzerkrankungen geeignet sein.

Sport

Athleten versprechen sich durch die Einnahme der Substanz eine verbesserte Durchblutung und damit eine Steigerung der physischen sowie mentalen Belastungsfähigkeit.

Forschung

Bereits bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen stellten Wissenschaftler in einer Studie fest, dass vor allem Sportler aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion bevorzugt auf Meldonium zurückgriffen. Es war damals noch nicht verboten.

Studie

Laut einer russischen Studie von 2015 - kurz vor dem WADA-Verbot - fanden Moskauer Forscher in 724 von 4316 Urinproben Meldonium.

Doch wer fühlt sich noch angezogen von sportlichen Wettkämpfen mit Siegern und Rekorden, deren Glaubwürdigkeit inzwischen auch durch staatlich gedeckte Betrüger in Frage gestellt werden? Ein kanadischer Rechtsprofessor und Anwalt hat akribisch zusammengetragen, was die olympische Bewegung schwer trifft: Richard McLaren ermittelte im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Behörde WADA das beispiellose Ausmaß russischen Dopings. Seine im Juli und Dezember vorgelegten Berichte zeugen davon, wie ein Staat - und eben nicht nur Einzelne - olympische Werte mit Füßen tritt.

Immerhin: Erstmals haben die Russen Doping zugegeben. „Es war eine institutionelle Verschwörung“, sagte Anna Anzeliowitsch, die Chefin der Anti-Doping-Agentur Rusada, der „New York Times“. Sie sei schockiert gewesen von den Enthüllungen dazu, die Regierung sei jedoch nicht involviert gewesen.

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Zuvor hatte der russische Präsident Wladimir Putin festgestellt: „In Russland hat es nie ein staatliches Dopingsystem oder Doping-Unterstützung gegeben, das ist einfach unmöglich.“ Doch McLaren ist sehr wohl der Nachweis gelungen, dass Doping Teil staatlichen Handels sein kann, wenn es gilt, um jeden Preis nationale Größe wie bei den Winterspielen 2014 im russischen Sotschi zu demonstrieren.

Und das weiß auch Thomas Bach. Kurz vor Veröffentlichung des zweiten Teils des McLaren-Reports am 9. Dezember sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: „Wir sehen, dass viele der Probleme, die auftreten, nicht Probleme der internationalen Verbände, sondern schlicht nationale Probleme sind: Russland ist ein nationales Problem, aber auch Kenia oder Spanien.“

Dass Sportler, Trainer, Funktionäre - einzeln oder gemeinsam - betrügen, kann das Internationale Olympische Komitee kaum verhindern. Dass Staaten die Ideale des Sports ad absurdem führen, erfordert für Athleten und Funktionäre eine Antwort des IOC, die über umfassende Nachtests von Dopingproben russischer Olympia-Teilnehmer weit hinaus geht.

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Im Fall Russland steht - wie schon vor den Rio-Spielen - ein Ausschluss der gesamten Mannschaft von den Winterspielen 2018 in Südkorea im Raum. Für Clemens Prokop, den Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, ist die Antwort klar. „Wenn die Werte der Charta des Internationalen Olympischen Komitees ernst genommen werden, müsste das NOK (Nationale Olympische Komitee) Russlands bis zur Lösung seines Doping-Problems vom IOC suspendiert werden (...)“, schrieb Prokop jüngst in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Individuelle Gerechtigkeit oder kollektive Verantwortung? Auf diese Frage hatten Bach und das IOC vor Rio mit Einzelfallprüfungen für russische Sportler geantwortet. Sollte die Beweiskette nun immer lückenloser werden, dass Russlands triumphales Abschneiden in Sotschi staatlich gedecktem Doping zu verdanken ist, wird der Druck größer werden. Bachs Argumente, jeder saubere - eben auch russische - Sportler verdiene Schutz, eine „politische Symbolentscheidung“ ihnen gegenüber sei mithin ungerecht, dürfte weiter an Überzeugungskraft verlieren.

Denn wenn sich im nächsten September die Mitglieder des IOC in Perus Hauptstadt Lima treffen, soll wieder eine olympische Erfolgsgeschichte angestoßen werden: Budapest, Paris und Los Angeles hoffen, 2024 die Sommerspiele ausrichten zu dürfen. Um die Strahlkraft dieser Wahl mit all den lukrativen Aussichten für die Gastgeberstadt nicht zu schwächen, müssen Bach und das IOC die kommenden Monate nutzen: Im Anti-Doping-Kampf gilt es die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, die ihnen im Moment abgesprochen wird.

Von

dpa

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