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07.06.2016

09:27 Uhr

Doping-Urteil

Pechstein verliert vor dem BGH

Das Urteil des Bundesgerichtshofs im Fall Claudia Pechstein hat keine Signalwirkung. Die Sportlerin verliert eine Chance auf Schadenersatz. Die Position anderer Sportler vor Sportgerichten verbessert sich nicht.

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wartet am 08.03.2016 im Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe (Baden-Württemberg) auf den Beginn ihres Prozesses. Das Urteil kommt drei Monate später und fällt gegen sie aus. dpa

Claudia Pechstein

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wartet am 08.03.2016 im Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe (Baden-Württemberg) auf den Beginn ihres Prozesses. Das Urteil kommt drei Monate später und fällt gegen sie aus.

KarlsruheVor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe kam es nicht zu einer Entscheidung von weltweiter Trageweite. Im Revisions-Prozess der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein gegen den Eislauf-Weltverband ISU verkündete das höchste deutsche Zivilgericht in Karlsruhe ein Urteil zugunsten der Sportschiedsgerichte.

Der BGH erklärte die Schadenersatzklage der fünfmaligen Olympiasiegerin gegen die Internationale Eislauf-Union ISU am Dienstag für unzulässig und widersprach in seinem Urteil der Einschätzung des Oberlandesgerichts München. Das Urteil des OLG wird aufgehoben, der Fall wird nicht neu aufgerollt.

Pechstein hatte die ISU auf rund fünf Millionen Euro verklagt. Das Landgericht München hatte sich für den Fall zunächst nicht zuständig erklärt, daraufhin war die fünfmalige Olympiasiegerin erfolgreich vor das OLG gezogen. Die ISU war als unterlegene Partei anschließend beim BGH in Revision gegangen.

Die 44-jährige Berlinerin, die nach einigem Zögern persönlich in Karlsruhe der Verkündung des Urteils beiwohnte, klagt seit Jahren vor verschiedenen Instanzen gegen ihre zweijährige Doping-Sperre auf Schadenersatz. Seit Jahren fordern Sportrechtler im Namen ihrer Mandanten unter anderem, dass der Internationale Sportgerichtshof CAS die Unabhängigkeit seiner Richter gewährleistet, durch die sich Sportler nicht fair vertreten sehen.

Pechstein war 2009 von der ISU aufgrund auffälliger Blutwerte ohne positiven Befund zu einer zweijährigen Sperre verurteilt worden und hatte unter anderem die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver verpasst. Da ihr dadurch nicht nur zahlreiche Sponsoren verloren gingen und sie mehrere Hunderttausende Euro in medizinische Gutachten und juristische Prozesse investieren musste, stellte sie die Schadenersatzklage vor zivilen Gerichten. Zuvor hatte sie auf Sportgerichtsebene alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Pechstein hatte Doping immer bestritten.

Der ewige Dopingstreit der Claudia Pechstein

Streit

Auf dem Eis und vor den Gerichten ist Eisschnellläuferin Claudia Pechstein eine Langstrecken-Spezialistin. Das könnte sich jetzt auszahlen. In ihrem Dauerstreit mit dem Weltverband ISU deutet sich eine Wende an.

Quelle aller Informationen: sid

Was wurde entschieden?

Das Oberlandesgericht (OLG) München entschied, ob die Klage von Claudia Pechstein gegen den Eisschnelllauf-Weltverband ISU auf Schadenersatz über 4,4 Millionen Euro angenommen wird.

Wendepunkt

In der ersten Verhandlung am 6. November 2014 hatte der Richter bereits angedeutet, dass dies geschehen könnte. Damit ist im Verfahren ein Wendepunkt erreicht.

Folge

Nicht mehr Pechstein ist nun am Zug, sondern die ISU müsste Revision einlegen und vor den Bundesgerichtshof (BGH) ziehen. 

Was würde vor dem BGH entschieden?

Der BGH befindet, ob die Hauptsache wieder verhandelt wird - dann aber wiederum am OLG. Dabei würde das gesamte Verfahren neu aufgerollt werden.

Worum geht es inhaltlich?

Es ginge darum, ob Pechstein vor ihrer Sperre tatsächlich gedopt hat oder nicht. Auch wird entschieden, ob die Athletin Schmerzensgeld erhält.

Ist ein Vergleich möglich?

Ein Vergleich ist durchaus möglich, zumal Pechstein sich immer offen dafür gezeigt hat. Bislang war es stets die ISU, die eine außergerichtliche Einigung abgelehnt hat. Das könnte sich ändern, wenn eine neue Hauptverhandlung droht.

Was will Pechstein beweisen?

Pechstein will der ISU anhand von medizinischen Gutachten beweisen, dass ihre Blutwerte nicht wegen Dopings erhöht waren.

Welche Auswirkungen hat das Verfahren?

Eine große. Die Richter haben mehrfach die Schiedsgerichtsbarkeit und vor allem den Sportgerichtshof CAS als letzte Instanz scharf kritisiert. Ihnen missfällt die Monopolstellung der Verbände bezüglich der Athletenvereinbarungen sowie bei der Nominierung der CAS-Richter.

Können nun auch andere Sportler klagen?

Im Fall Pechstein erklärte bereits das Landgericht die Athletenvereinbarung für unwirksam. Andere Sportler können sich bei möglichen Klagen auf dieses Urteil berufen.

Droht nun Chaos im internationalen Sport?

Der deutsche Sport und die deutsche Gerichtsbarkeit haben bereits reagiert. Im neuen Anti-Doping-Gesetz wurde ein Passus eingeführt, wonach Sportler die Sportgerichtsbarkeit akzeptieren müssen.

Das denkt der Innenminister

Innenminister Thomas de Maizière glaubt, dass die Schiedsgerichtsbarkeit damit rechtlich abgesichert ist. Pechstein kündigte jedoch bereits an, eventuell auch dagegen juristisch vorgehen zu wollen.

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