Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.01.2010

11:23 Uhr

Dopingjäger Franke

„Die Mehrzahl der Spitzenathleten ist gedopt“

Professor Werner Franke, der bekannteste deutsche Dopingjäger, wird am Sonntag 70 Jahre alt. Der streitbare Molekularbiologe aus Heidelberg kämpft seit Jahrzehnten leidenschaftlich gegen die Täter und für die Opfer des modernen Leistungssports und nimmt dabei nie ein Blatt vor den Mund. Im Interview fordert er ein konsequenteres und intelligenteres Vorgehen gegen Dopingsünder. Im Hinblick auf die Winterspiele in Vancouver warnt er vor der Illusion dopingfreier Spiele.

Kämpfer für die Wahrheit - Werner Franke. Foto: Bongarts/Getty Images SID

Kämpfer für die Wahrheit - Werner Franke. Foto: Bongarts/Getty Images

Herr Franke, Sie werden am Sonntag 70 Jahre alt. Wird Ihnen mulmig, wenn Sie an Ihr Alter denken?

Ich bin Naturwissenschaftler. Wer, wenn nicht ich, soll wissen, dass Altern ein natürlicher Vorgang ist?

Werden Sie groß feiern?

Am Sonntag werden ein paar Leute kommen. Am Montag gibt es einen Brunch im Institut. Aus meinem Labor sind mehr als 50 Professoren hervorgegangen, da werden schon einige vorbeischauen.

Abgesehen von Ihren Schützlingen: Sie haben sich nicht gerade nur Freunde gemacht in den vergangenen Jahrzehnten. Bereuen Sie irgendetwas?

Nur, dass ich durch meine Arbeit seit Jahren so viel Zeit verliere durch Anfragen - vor allem von Medien. Das ist einfach zuviel geworden.

Für Ihren Kampf gegen Doping wurde Ihnen und Ihrer Frau, der ehemaligen Leichtathletin Brigitte Berendonk, 1994 das Bundesverdienstkreuz verliehen. War nicht allein das den Aufwand wert?

Na ja. Meine Frau will nicht mehr kämpfen, sie hat sich Mitte der 90er Jahre aus dem Kampf zurückgezogen. Sie sagte damals zu mir: Ich kann nicht mehr. Mach du alleine weiter. Du bist Westfale, du hast eine andere Natur.

Wir haben das Jahr 2010, und Sie sind kein bisschen ruhiger geworden. Sie scheinen wirklich eine andere Natur zu haben.

Meine Frau hat recht. Ich bin Ostwestfale, an uns sind schon die Römer neun nach Christi nicht vorbeigekommen. Wenn man mir aggressiv kommt, kann ich sehr beständig werden. Ich nehme für mich in Anspruch, und zwar auch gegen alle Juristen: Ich bin Wissenschaftler. Ich schaffe Wissen und publiziere es. Danach braucht man gute Nerven, und man muss auch einstecken können.

Was treibt Sie an?

Das Ziel ist die Aufklärung, die Wahrheit.

Inwiefern muss die Öffentlichkeit aufgeklärt werden?

Sehen Sie: Der Trainer kommt mit einem Behälter zu seiner Athletin. Er führt über die Vagina einen Schlauch in die Blase ein und verabreicht ihr Fremdurin - und schon ist der Test nach dem Wettkampf negativ. Das geht auch bei Männern, tut nur mehr weh. Diese Praktiken sind Fakt, das will nur niemand wahrhaben.

Wie zuversichtlich sind Sie, was die Zukunft des Antidopingkampfes betrifft?

Ich bin nicht zuversichtlich. Die Beteiligten sind zu halbherzig. Igf1 (synthetisches Wachstumshormon, d. Red.) wird seit 20 Jahren genommen, aber es gibt immer noch keine Möglichkeit, es nachzuweisen. Sie schenken Sportlern Goldbarren im Wert von einer Million Dollar, aber die wirklich förderungswürdigen Dinge im Sport werden mit lächerlichen Beträgen abgespeist.

Was muss passieren?

Die einzige Chance, die unsere Gesellschaft hat, ist hart durchzugreifen gegen die Drecksäcke. Bei uns hat noch kein Arzt seine Approbation verloren, noch nicht mal die Freiburger Dopingärzte. Allein aus den USA sind mir sechs Fälle bekannt, in denen Ärzte ihren Kittel ausziehen und direkt ins Gefängnis mussten. Gültiges Recht muss konsequenter umgesetzt werden. Die Strafen bei uns sind Micky-Maus-Strafen. Und wir brauchen mehr Kriminalisten im Antidopingkampf. Alle anderen taugen nichts.

Wie viele gedopte Athleten, schätzen Sie, werden bei den Olympischen Spielen in Vancouver antreten?

Ich gehe davon aus, dass in den Ausdauerwettbewerben die Mehrzahl der Spitzenathleten gedopt ist.

2 500 Dopingkontrollen sollen bei den Winterspielen und den anschließenden Paralympics in Vancouver durchgeführt werden. Doppelt so viele wie 2006 in Turin. Müssen wir uns auf Doping-Spiele gefasst machen?

Das ist alles Mumpitz. Wer dahin reist und erwischt wird, muss aus Doofmannshausen kommen. Es wird einfach zu unintelligent getestet.

Wie lange wollen Sie sich die Dopingjagd noch antun?

So lange es notwendig ist und sinnvoll erscheint. Ich bin ein Getriebener. So viel Selbstanalyse mute ich mir zu.

Und wer kommt nach Ihnen?

Da sehe ich schwarz. Vor mir und meiner Frau war keiner da, und nach uns zeichnet sich auch niemand ab. Es gibt viele Schulterklopfer, aber machen will das keiner - aus Feigheit, oder milder ausgedrückt, aus Opportunismus.

© SID

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×