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10.01.2005

08:48 Uhr

„Eine Katastrophe“

Mit vier Stürzen auf den zweiten Platz

VonFrank Bachner (Handelsblatt)

Bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften sorgt das neue Wertungssystem für Unmut bei Zuschauern und Verantwortlichen.

OBERSTDORF. Sarah Villanueva nahm Anlauf, sie rotierte zum dreifachen Salchow, dann fiel sie aufs Eis. Sekunden später der dreifache Rittberger, Villanueva rotierte, sie landete, sie lag wieder auf dem Eis. Der Doppelaxel, gestürzt. Die Kombination Doppel-Lutz und Doppel-Toeloop, wieder eine missglückte Landung, aber diesmal war einer der sechs Preisrichter gnädig. Er wertete: nicht gestürzt. Die fünf anderen waren weniger rücksichtsvoll: Sturz. Sarah Villanueva aus Oberstdorf, 17 Jahre alt, lag bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften in Oberstdorf nach dem Kurzprogramm noch auf Platz drei.

Nach ihren Stürzen in der Kür am Samstagabend verbesserte sie sich auf Rang zwei. Christiane Berger fiel fünf Mal in der Kür und wurde Dritte. Denise Zimmermann stürzte nur zwei Mal, sie stand aber vier dreifache Sprünge, sie landete am Ende einen Platz hinter Berger. Schließlich siegte Annette Dytrt aus München. Bei den Männern gewann der Erfurter Stefan Lindemann. Doch viele schüttelten auch gestern noch den Kopf über die Wertungen.

Reinhard Mirmseker, der Präsident der Deutschen Eislauf-Union sagte: "Da fehlen selbst mir die Worte. Das Ergebnis, vor allem von Villanueva, hat auch mich verwundert." Mirmseker ist vom Fach, er war selber internationaler Preisrichter. Ein anderer Preisrichter, der bei den Frauen nur zuschaute und lieber anonym bleiben möchte, sagte: "Eine Katastrophe."

Willkommen in der neuen Welt des Eiskunstlaufs. Gerechter soll der Sport nun sein, fairer zu den Athleten. Seit Sommer gilt ein neues Wertungssystem, die Note 6,0 ist abgeschafft, jetzt werden Punkte ohne Obergrenze vergeben. Kungelei von Preisrichtern soll so verhindert werden. "Eigentlich ein gutes System", sagt Reinhard Ketterer, Berlins Leitender Landestrainer. Aber am Samstagabend zeigte sich, wie groß die Schwächen dieses Systems sind. Und wie groß unverändert der Einfluss des menschlichen Faktors ist.

Im neuen System wird die Bedeutung der Sprünge reduziert, die künstlerischen Noten dagegen werden aufgewertet. Gute Pirouetten und Schritte werden höher benotet als früher. "Das ist ja nicht schlecht", sagt Ketterer. Aber wenn Stürze keine große Rolle mehr spielen, so lange ein Athlet nur gut seine Schritte platziert, dann gibt es ein Problem. "Es kann nicht sein, dass man so weit vorne landet, wenn man vier oder fünf Mal stürzt", sagt Mirmseker.

Villanuevas Ergebnis zeigt aber nicht bloß die Schwächen des neuen Wertungssystems, sondern auch den großen Einfluss der Preisrichter. Sie bewerten schließlich immer noch den Glanz eines künstlerischen Auftritts. Villanuevas hohe Noten in diesem Bereich verwundern auch Ketterer. "Der künstlerische Eindruck wird in fünf Komponenten bewertet. Eine davon ist die Präzision des Auftritts. Und wenn ich vier Mal stürze, dann ist der Auftritt nicht präzise." International, sagt Ketterer, könne sich so etwas jederzeit wiederholen. "Die Diskussionen über die Notengebung haben hier wieder Nahrung bekommen."

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