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07.01.2005

06:40 Uhr

Einstiger Held unter ständiger Beobachtung

Die seltsame Leistungskurve des Martin Schmitt

VonBenedikt Voigt, Handelsblatt

Skispringer Martin Schmitt schien die ersten Schritte aus der Krise zu tun. Nach dem erneuten Absturz macht er erst einmal Pause.

HB BISCHOFSHOFEN. Die erfolgreiche Vergangenheit steht im Auslaufbereich der Paul-Außerleitner-Schanze: Jens Weißflog, 33 Weltcupsiege, spricht als Skisprung-Experte im Auftrag des ZDF ins Mikrofon; Dieter Thoma, 13 Weltcupsiege, erledigt die gleiche Aufgabe für den Privatsender RTL und Sven Hannawald, 18 Weltcupsiege, kommentiert für denselben Auftraggeber. Niemanden hätte es gewundert, wenn sich beim gestrigen Abschlussspringen der Vierschanzentournee in Bischofshofen auch Martin Schmitt, 28 Weltcupsiege, zu ihm vor das Mikrofon gesetzt hätte. Auch er scheint inzwischen zur Vergangenheit zu gehören.

Schmitts Gegenwart jedenfalls ist ruhmlos, das lässt sich nach der 53. Vierschanzentournee sagen. Nach den Plätzen 49, 27, 7 und 55 ist der ehemalige Weltklassespringer so verunsichert, dass er die nächsten Weltcupspringen in Willingen und in Bad Mitterndorf auslassen wird. "Für mich ist es derzeit einfach besser, mich auf meine Sprünge und Technik zu konzentrieren, wenn nicht jeder Versuch begutachtet wird und Diskussionen auslöst", sagte Martin Schmitt. In Bischofshofen hatte er sich zum ersten Mal nicht einmal für ein Springen der Vierschanzentournee qualifizieren können. Ein neuer Tiefpunkt in dieser an Tiefpunkten reichen Saison.

"Er macht drei Tage Pause und steigt danach in ein Sprung- und Konditionstraining ein, um sich gezielt auf die WM vorzubereiten", sagte Bundestrainer Peter Rohwein. Damit die Weltmeisterschaft vom 16. bis zum 27. Februar in Oberstdorf nicht noch weitere Enttäuschungen für den einstigen Weltmeister und Mannschaftsolympiasieger bereithält. Rohwein hat angekündigt, dass Martin Schmitt zur WM-Mannschaft zählen wird. Der aber sagt: "Daran denke ich noch gar nicht."

Seltsame Leistungskurve

Bei der Vierschanzentournee bot Martin Schmitt eine seltsame Leistungskurve. Nach dem Debakel von Oberstdorf konnte er glücklich in Garmisch-Partenkirchen erstmals vier Weltcuppunkte holen. In Innsbruck durfte er sich sogar über seine beste Platzierung seit fast einem Jahr freuen. Doch dann folgte der extremste Absturz im Klassement. Beim gestrigen Springen durfte er nach seinem verunglückten Qualifikationssprung auf 114,5 Meter gar nicht mehr mitmachen. "Der Sprung ging völlig ins Leere, ich hatte keinen Höhengewinn", sagte Schmitt, "aber das ist nicht so tragisch." Er habe einfach den richtigen Zeitpunkt zum Absprung verpasst. "Das ist auf dieser Schanze besonders schwierig, vor allem wenn man nicht die richtige Form hat."

Nun begibt er sich zum zweiten Mal in diesem Winter auf die Suche nach der Form. Bereits nach Trondheim stieg er Anfang Dezember aus dem Weltcup aus und versuchte, in Lillehammer an der richtigen Technik zu feilen. Wo diese verloren gegangen ist, hat er längst ausgemacht. Im Sommertraining, als der inzwischen abgelöste Bundestrainer Wolfgang Steiert mit ihm das Konditionstraining verstärkt hatte. "Ich war oft müde und habe die Technik vernachlässigt", sagt Schmitt, "jetzt ist es nicht mehr so einfach, die Fehler abzustellen."

Zumal er als einstiger Held im deutschen Team unter ständiger Beobachtung steht. Geduldig hat er bei der Tournee die ständigen Fragen der Journalisten ertragen. Doch vor seiner Abreise ließ er ein bisschen durchblicken, dass ihn der Trubel doch beeinträchtigt. "Natürlich bekomme ich mit, was über mich geschrieben oder geredet wird", sagte Schmitt, "dabei wird oft übertrieben." Nach einem positiven Sprung sei man schnell der große Held. "Wenn es negativ läuft, bin ich der Loser, das tut manchmal weh, vor allem wenn es ins Persönliche geht." Jetzt aber hat er erst einmal Ruhe.

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