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06.01.2005

18:53 Uhr

Elfmeter auf dem Bolzplatz

Das Sieben-Minuten-Spiel von Madrid

VonHarald Irnberger (Madrid)

Eine "tonteria" sei das, lässt eine junge Frau beim Aufstieg zu den Rängen des Bernabeu-Stadions ihren Begleiter weithin vernehmbar wissen: Eine Torheit. "Wegen sieben Minuten zum Fußball zu gehen!" In dieser Zeit seien mitunter drei Tore erzielt worden, versucht sie der Herr an ihrer Seite versöhnlich zu stimmen.

HB MADRID. Mit geringem Erfolg: "Na und? Wenn ich ins Stadion gehe, will ich Fußball sehen. Wenn es nur auf die Tore ankommt, kann man gleich ein Elfmeterschießen veranstalten!" Das kann man in dem Fall nicht, denn es gilt, die knapp 420 Sekunden des Meisterschaftsspiels zwischen Real Madrid und Real Sociedad nachzuholen, das wegen einer Bombendrohung am 12. Dezember in der 84. Minute beim Stand von 1:1 unterbrochen worden war. Real schoss am Mittwocabend noch ein Tor zum 2:1-Sieg.

Weil der dicht gedrängte Kalender der Primera Division keine andere Lösung zulässt, wurde dafür der Tag ausersehen, an dem traditionell ganz Spanien auf den Beinen ist, um einem gänzlich anderen Spektakel beizuwohnen: den "Cabalgatas". So nennt man die wie rheinische Karnevalswagen dekorierten Gefährte, auf denen die Reyes magos - die heiligen drei Könige - durch die Straßen kutschiert werden.

Es finden sich allerdings doch noch genug Leute für den Fußball. 22 000 sind es immerhin, die bei schneidend kalten Temperaturen im Bernabeu-Stadion Platz nehmen. Kein Showprogramm, kaum Würstchenverkäufer, schließlich musste Real schon den kompletten Ordnungsdienst für das Minispiel bezahlen. Im Stadion sitzen ausschließlich Anhänger der Gastgeber.

Sie sehen dort vor allem die Aufwärmübungen der beiden Mannschaften, die wenigstens doppelt so lang wie sonst dauerten. Aber auch die elektrisieren niemanden. Also finden die Experten einiges Gehör, die auf den Rängen ihrer Nachbarschaft die taktischen Varianten erklären, die in einem solchen Ausnahmefall angebracht erscheinen. "Vor allem den Ball in den eigenen Reihen halten!", empfiehlt einer. Andere bewegt die Frage, ob der eine Woche zuvor engagierte Trainer Madrids, Vanderlei Luxemburgo, bereits für das verantwortlich gemacht werden könne, was man gleich zu sehen bekommen werde. Dazu gibt es so viel zu sagen, dass viele den ungewöhnlichen Beginn gar nicht mitbekommen: Sociedads Torwart Riesgo befördert den Ball in die gegnerische Spielhälfte, um die Begegnung mit der Aktion wieder aufzunehmen, bei der sie im alten Jahr unterbrochen worden war.

Die Stadionuhr bewegt sich zielstrebig auf die 90-Minuten-Marke zu, und das Spiel ähnelt dem anarchischen Gekicke auf Bolzplätzen. Schnell geht es hin und her. Nur keine Zeit im Mittelfeld verlieren! Dann, es läuft die 4. beziehungsweise 88. Spielminute, will der Schiedsrichter darauf aufmerksam machen, dass er ebenfalls zugegen ist. Er pfeift und weist auf den Elfmeterpunkt. Madrids brasilianischer Stürmerstar Ronaldo liegt am Boden, und niemand weiß so genau, wie er so schnell dorthin gelangen konnte. "In einem normalen Spiel wäre das kaum ein Elfmeter gewesen", flüstert einer. Ein anderer atmet auf: "Zum Glück ist Figo nicht im Spiel." Der Portugiese war am 12. Dezember vor der Spielunterbrechung ausgewechselt worden und durfte nicht dabei sein. Er ist der Elfmeterschütze vom Dienst bei dem Madrilenen - vergab zuletzt aber meist, wenn es eng war. Also läuft Zinedine Zidane an - und trifft: 2:1.

Hektisch agiert danach nur einer: Luxemburgo, der neue Real-Trainer. Wie ein Derwisch gebärdet er sich und wechselt noch zweimal aus. Das Publikum findet freilich keine Zeit, um zu staunen. Denn schon pfeift der Schiedsrichter das Spiel wiederab. Es jubelt niemand. Draußen vor dem Stadion werden die heiligen drei Könige gefeiert.

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