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19.01.2005

07:09 Uhr

Entschuldigung gefordert

Ein Dopingfall, der keiner ist

VonAlexander Hofmann

Die russische Tennisspielerin Swetlana Kusnezowa wird vorschnell des Dopings beschuldigt - von einem belgischen Minister.

MELBOURNE. Vier Bodyguards schützten Swetlana Kusnezowa, als sie von einem halben Dutzend Kamerateams begleitet den kleinen Trainingsplatz der Australian Open im Melbourne Park verließ. Die US-Open-Siegerin schrieb Autogramme, gab aber keine Interviews. Ihr reichte es. Die australischen Zeitungen hatten auf ihren Titelseiten vom Dopingfall Kusnezowa berichtet - der aber nach allen bisherigen Erkenntnissen gar keiner ist. Bei der 19-jährigen Russin war bei einem Einladungsturnier im Dezember in Charleroi (Belgien) das Stimulanzmittel Ephedrin nachgewiesen worden. Es ist nach den Regeln der Spielerinnenvereinigung WTA und auch der Welt-Antidopingagentur WADA aber nur in offiziellen Wettkämpfen verboten. Bei dem Turnier handelte es sich aber um eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Kusnezowa wird nicht bestraft und kann in Melbourne weiter aufschlagen. Angeblich sind bisher weder sie noch die WTA oder der Tennisweltverband offiziell informiert worden.

Der wallonischen Sportminister Claude Eerdekens war es , der den Namen der Russin entgegen der üblichen Gepflogenheiten in der Presse genannt hatte, bevor die B-Probe überhaupt analysiert war. An der Wohltätigkeitsveranstaltung von Justine Henin-Hardenne hatten außer dieser und Kusnezowa noch Jelena Dementjewa (Russland) und Nathalie Dechy (Frankreich) teilgenommen. Eerdekens hatte zunächst nur gesagt, die Belgierin sei nicht betroffen und damit Spekulationen genährt. Nur fordern auch Dechy und Dementjewa eine Entschuldigung.

WTA-Chef Larry Scott sagte, er habe " noch nie ein so unverantwortliches Vorgehen eines Offiziellen im Sport erlebt. Das ist ein ungeheuerlicher Bruch ethischer Standards." Kusnezowa ließ eine Stellungnahme veröffentlichen, in der von "schändlichen Anschuldigungen" die Rede war. Sie habe wegen einer Erkältung ein Mittel eingenommen, und es gebe überhaupt keinen Grund, außerhalb der Saison ein Stimulanzmittel zur Leistungsverbesserung einzunehmen.

Im Tennis hat es durchaus schon Dopingfälle gegeben. 2004 war der Brite Greg Rusedski nach einem gerade überstandenen Dopingskandal bei den Australian Open am Start. Auch der Melbourne-Sieger von 1998, der Tscheche Petr Korda, war beim Zugriff auf unerlaubte Hilfsmittel erwischt worden. In der Dopingbekämpfung spielt Tennis alles andere als eine Vorreiterrolle. Vor Rusedski waren schon bei mehreren Dutzend Spielern überhöhte Nandrolon-Wert gefunden worden, ohne dass je eine Sperre ausgesprochen worden wäre. Es stellte sich heraus, dass die Mittel vermutlich in verunreinigten Nahrungsergänzungsmitteln gesteckt hatten, die ausgerechnet die Physiotherapeuten der Männer-Tour verteilt hatten.

Die einfachste Lösung im Umgang mit der Doping-Diskussion fand Kusnezowas australische Doppelpartnerin Alicia Molik. Sie kaufte die australischen Zeitungen mit den Doping-Schlagzeilen auf - und warf sie in den Müll.

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